Das größte Geschenk, das der alte König seinem Volk machte, ist die Demokratie. Dabei galten die Bhutaner schon vor der Einführung ihrer Verfassung 2008 als die glücklichsten Menschen der Welt. Das Jahr 2008 aber war für das kleine Land im großen Himalaja wohl das allerglücklichste.
Und das nicht nur, weil die neu eingeführte Volksherrschaft durch die ersten Wahlen in Bhutan überhaupt besiegelt wurden und ihr noch gar nicht so alter alter König Jigme Singye Wangchuck seinen Sohn zum fünften Drachenkönig krönte, sondern auch, weil der gerade mal 28 Jahre alte Jigme Khesar Namgyel Wangchuck, das damals jüngste Staatsoberhaupt der Welt, seinen Landsleuten in seiner ersten königlichen Ansprache ein offenbar sehr ehrlich gemeintes Versprechen gab: "Während meiner Regentschaft werde ich nicht wie ein König über euch herrschen. Ich werde euch wie ein Vater behüten, mich wie ein Bruder um euch kümmern, und ich werde euch wie ein Sohn dienen."
Prince Charming tut den Bhutanern gut
Für die älteren Bhutaner, die die ersten Jahrzehnte der seit 1907 regierenden Wangchuck-Dynastie noch erlebt haben, musste die Thronrede des fünften Wangchuck-Königs geradezu märchenhaft erscheinen. Dass er es gut mit ihnen meint, hatten sie schon vorher verstanden. Doch er tut der durchaus geschundenen Nation auch in anderer Hinsicht gut. Mit ihm erst sind die knapp 700 000 Bhutaner plötzlich in aller Munde.
Der "Prince Charming des Himalajas" sorgt für Schlagzeilen rund um den Globus: Etwa als er - noch als Kronprinz - sein Land mit einer klugen Rede vor der UN-Vollversammlung vertrat, als er - noch als ungekrönter König - nach Thailand reiste, um mit gekrönten Häuptern an den Feierlichkeiten zum 60. Thronjubiläum von Bhumibol dem Großen teilzunehmen, als er - schon als echtes Staatsoberhaupt - das niederländische Thronfolgerpaar Máxima und Willem Alexander in seinem Palast Tashichhoedzong in der bhutanischen Hauptstadt Thimphu empfing, und ganz besonders als der attraktive Monarch im vergangenen Mai während einer Parlamentssitzung seine Verlobung mit einer Frau aus dem Volke bekannt gab.
Eine aufrichtige und gütige Dienerin der Nation
Der Einunddreißigjährige hat im Jahr der royalen Traumhochzeiten eine bemerkenswerte Wahl getroffen. Jetsun Pema, 21 Jahre jung und noch dazu eine Bürgerliche, ist eine berückend schöne Braut. Aufs Offensichtlichste indes ging der König, als er seine Verlobte seinen Untertanen vorstellte, erst gar nicht ein: Seine Wahl begründete er vielmehr damit, dass sie jung sei und ihr Herz genauso wie ihr Charakter "aufrichtig und gütig". Diese Vorzüge gemeinsam mit ihrer Weisheit, die über die Jahre gewiss noch wachsen werde, "werden sie zu einer großartigen Dienerin unserer Nation machen". Damit auch jeder Bhutaner die künftige Königin kennenlernen kann, reist das Paar seit Mai durch das "Land des Donnerdrachens".
Bhutan, in das 1974 erstmals ausländische Touristen gelangten, ist einen weiten Weg gegangen. Noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein war das ehemals von Großbritannien maßgeblich kontrollierte Gebiet einer der rückständigsten und verschlossensten Staaten der Welt. Die Menschen in dem Hochgebirgsland, das mit seinen 38 000 Quadratkilometern nur wenig größer als Baden-Württemberg ist, waren bis in die fünfziger Jahre größtenteils noch Leibeigene der privilegierten Lamas und ihrer Klöster. Das Feudalsystem wurde erst nach und nach unter dem Großvater und Vater des jetzigen Regenten abgeschafft.
Vierfach-Vermählund als Friedensangebot
Schon der alte König, der das Glücklichsein seiner Landsleute gewissermaßen als "Bruttonationalglück" zum obersten politischen Ziel machte, war im Volke beliebt. Von vielen wurde Jigme Singye Wangchuck, der nach dem Tod seines Vaters 1972 mit 17 Jahren den Thron bestieg, wie ein Gott verehrt. Daran änderte sich auch nichts, als er mit 24 Jahren gleich vier Schwestern heiratete, angeblich, weil er sich nicht für eine von ihnen entscheiden konnte.
Doch für die Vierfach-Vermählung gab es womöglich auch einen ernsten Hintergrund: Der zweite Drachenkönig des Landes soll 1931 einen Vorfahren der vier Schwestern, den damaligen Shabdrung und damit die Reinkarnation des legendären Gründers von Bhutan, Shabdrung Ngawang Namgyal, ermordet haben lassen. Mit seinem aufsehenerregenden Schritt, gleich vier weibliche Nachfahren des sechsten Shabdrung zu heiraten, wollte der Enkel also auch Frieden zwischen den Familien stiften.
Royale Hochzeit ganz bescheiden
Was dem Polygamisten Jigme Singye Wangchuck 1979 zugestanden wurde, ist im Buddhismus unüblich und in Bhutan nicht sehr verbreitet. Der König aber, der Anfang der achtziger Jahre noch mit der Demokratie, der Opposition und vor allem der stark wachsenden nepalischen Minderheit im Land haderte, hatte sich die Zuneigung seines Volkes längst verdient, gerade weil er vollendete, was sein Vater 1953 begonnen hatte: Mit der Einführung einer Nationalversammlung begann der Wandel von einer absolutistischen hin zu einer echten konstitutionellen Monarchie, in der alle Gewalt vom Volke ausgeht und der König als Staatsoberhaupt nur noch repräsentative Aufgaben wahrnimmt. Tatsächlich kann die gewählte Nationalversammlung inzwischen ihrem König sogar das Misstrauen aussprechen und ihn zum Abdanken zwingen - zugunsten des Thronfolgers.
Damit ist derzeit nicht zu rechnen, und nicht nur, weil ein Kronprinz noch fehlt. Heute hat der König, der viele Jahre in Amerika zur Schule ging und in Oxford Politik studiert hat, erst mal seine Königin geheiratet. Dafür hat sich Bhutan mit Girlanden in den Nationalfarben Safrangelb (für die Hoheit des Königs) und Orangerot (für die geistliche Gewalt des Buddhismus) geschmückt. An allen Kreuzungen und Regierungsgebäuden hängen Bilder des Paars. Das hat sich eines ausbedungen: Schlicht soll seine Hochzeit sein. Ausländische Monarchen und Staatsoberhäupter wurden erst gar nicht eingeladen. Und auch sonst werden nur wenige Schaulustige bis zur Klosterburg von Punakha, wo die Feier stattfindet, vordringen. Erst drei Tage später wird das Paar im Stadion von Thimphu mit dem Volk groß feiern.