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Historischer Fund in München : Verschollenes Fallbeil

  • -Aktualisiert am

Die Geschwister Hans und Sophie Scholl wurden in der JVA Stadelheim durch die nun aufgetauchte Guillotine hingerichtet. Bild: dpa

Im Bayerischen Nationalmuseum ist die Guillotine aufgetaucht, mit der unter anderem die Geschwister Scholl hingerichtet wurden.

          Zwischen den Jahren 1933 und 1945 wurden weit über 1000 Häftlinge im NS-Gefängnis Stadelheim hingerichtet. Unter den Opfern waren auch Mitglieder der Widerstandsgruppe Weiße Rose, darunter die Geschwister Hans und Sophie Scholl. Die Guillotine, die zur Hinrichtung der Häftlinge diente, galt  lange als verschollen. Nun ist sie offenbar im Depot des Bayerischen Nationalmuseums wieder aufgetaucht.

          „Wir beschäftigen uns seit einem Jahr mit der Forschung an dem Gerät. Mittlerweile können wir mit einer gewissen Sicherheit sagen, dass es sich hierbei um die Guillotine aus Stadelheim handelt“, sagte der Referent für Volkskunde des Nationalmuseums, Sybe Wartena, gegenüber FAZ.NET.

          Kulturhistorisches Detektivspiel

          Wie ein Detektivspiel wirkt, was der Kulturhistoriker in den letzten Monaten entdeckte: Am 13. April 1945 wurden 45 Todeskandidaten aus dem Gefängnis Stadelheim in einem Lastwagen nach Straubing verlegt. An Bord des LKWs befand sich auch die berüchtigte Guillotine. Unter Historikern hält sich seit dieser Fahrt das Gerücht, dass das Fallbeil damals von JVA-Mitarbeitern auf dem Weg in der Donau versenkt wurde. Daraufhin durchsuchten Taucher die Stelle der Donau mehrfach – ohne Erfolg.

          Die Guillotine, mit der neben vielen Anderen auch die Geschwister Scholl in der JVA Stadelheim hingerichtet wurden.

          Über Umwege gelangte das Gerät mit zwei weiteren baugleichen Modellen 1974 in die Sammlung des Bayerischen Nationalmuseums. Dem damaligen Museumsleiter Lenz Kriss-Rettenbeck war allerdings nicht klar, welches Exponat er in seine Sammlung aufnahm.

          Jahrelang unbeachtet

          Die drei Geräte standen bis heute weitgehend unbeachtet im Depot des Museums. Im letzten Jahr kam bei einer Diskussion über die Verwendung der Guillotinen im Kreise der Museumsverwaltung das Gerücht des verschollenen Stadelheimer Fallbeils wieder auf.

          Sybe Wartena untersuchte daraufhin gemeinsam mit dem Stadelheimer Anstaltshistoriker Rudolf Drasch die Guillotinen. Den beiden war bekannt, dass der Scharfrichter Johann Reichhart in Stadelheim während des NS-Regimes die Hinrichtungen durchführte und dieser an seinem Arbeitsgerät einige Änderungen vorgenommen hatte. Um den Hinrichtungsprozess schneller durchführen zu können, hatte er das Kippbrett abmontiert, sodass der Verurteilte nicht mehr auf dem Gerät festgeschnallt werden musste. Reichharts Umbau fand auch Sybe Wartena an einem der Geräte im Depot des Nationalmuseums in München wieder. Außerdem entdeckte der Historiker einige Markierungen, die er anschließend der JVA Stadelheim zuordnen konnte.

          „Singulärer Fund für jüngere deutsche Geschichte“

          Sybe will nun Gewissheit: „Wir suchen nach einem Foto, auf dem die Stadelheimer Guillotine abgebildet ist“, sagte er. Falls das nicht funktioniere, wolle man eine DNA-Analyse des Blutes auf dem Gerät durchführen.

          Der bayerische Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) sprach gegenüber FAZ.NET  von einem „singulären Fund für die jüngere deutsche Geschichte“. Es müsse mit einem „Höchstmaß an Sensibilität und Pietät“ beraten werden, wie weiter verfahren werden solle. Er wolle das Gespräch mit der Vorsitzenden der „Weiße Rose Stiftung“, Hildegard Kronawitter, suchen, kündigte Spaenle an.

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