17.06.2009 · Der Hip-Hopper „Dissziplin“ ist stolz darauf, Deutscher zu sein. Doch gegen die Bezeichnung „Nazi-Rapper“ wehrt er sich. Der 24-Jährige Cottbusser, der eigentlich Ben Arnold heißt, kennt sein Image - und spielt damit.
Von Arne LeyenbergDie Musik verstummt. „Dissziplin“ steht vorn am Bühnenrand, über den Köpfen der Zuschauer, das Mikrofon in der Hand. Er ruft: „Ich will von euch ein Schwarz-Rot-Gold hören!“ - „Schwarz-Rot-Gold“, schallt es im Chor zurück. „Ich will ein Schwarz-Rot-Gold hören!“ - „Schwarz-Rot-Gold.“ - „Jetzt reicht es“, sagt er, „sonst heißt es wieder, wir wären rechts.“
Der 24 Jahre alte Hip-Hopper, der eigentlich Ben Arnold heißt, kennt sein Image. Und spielt damit. „Man muss mit der Faust auf den Tisch hauen“, sagt er später, als er hinter der Bühne auf der Couch Platz genommen hat. Das Mikrofon hat er gegen ein Bier getauscht, die Energie, die er noch kurz zuvor auf der Bühne ausgestrahlt hat, ist gewichen. „Alle denken so wie ich, aber keiner sagt es.“ Mit seinem Lied „Ich bin Deutschland“ hat der Cottbuser für seine Kritiker die Grenze zum Nationalismus überschritten. „Wer mich für einen Nazi hält, hat nicht verstanden, worum es mir geht“, sagt Dissziplin, dessen Künstlername sich vom Slangausdruck „dissen“ (“jemanden schlechtmachen“) ableitet.
„Ich bin kein Nazi, nur Jahrgang 85“
Er will Patriot sein, stolz auf seine Herkunft, und das auch sagen dürfen. Er will die Stimme der Jugend sein, einer neuen, unbelasteten Generation. Auf der Bühne in der ehemaligen Fabrikhalle Eventwerk in Dresden rappt er: „Über 60 Jahre sind für mich eine lange Zeit. Wir müssen aufhören, nur nach hinten zu schauen, denn ein Schritt weit voran, Leute, bringt uns das kaum. Ich bin kein Nazi, nur Jahrgang 85, kein Bock mehr auf früher, was mal war, und jetzt hasst mich. Ich bin die Zukunft, ob ihr's wollt oder nicht, und sie scheint auf mich in schwarzrotgoldenem Licht.“ Die Zuschauer beim „One Love Festival“ beschwört er: „Wir sind trotzdem keine Nazis, obwohl wir Deutsche sind.“ Das Publikum, Jugendliche mit Baseballkappen auf dem Kopf und Hosen in den Kniekehlen, singt seine Texte mit und jubelt.
Hinter der Bühne sitzt Dissziplin neben „King Orgasmus One“ auf der Couch. Der Berliner gilt wegen seiner sexistischen Texte als Vertreter des „Porno-Rap“. Dissziplins Texte dagegen sind - ganz untypisch für die Szene - nicht frauenfeindlich, nicht drogen- und gewaltverherrlichend. Er ist nachdenklich, seine Texte drehen sich um den Zustand Ostdeutschlands, das Aufwachsen zwischen Plattenbauten. Er trägt keine weite Hose und keine Goldkette um den Hals, dafür den Preußenadler auf dem T-Shirt. „Damit will ich meine Herkunft unterstreichen, ich komme aus Brandenburg. Das ist aber natürlich auch eine Provokation.“
„Ich bin kein Nazi, nur ein Deutscher mit Identität.“
Provoziert fühlen sich von ihm die Veteranen des deutschen Hip-Hop. Ende der achtziger Jahre, als die ersten Gruppen anfingen, in ihrer Landessprache zu rappen, war Hip-Hop betont links, der Staat das Feindbild. „Bundestag brennt“, rappte „Anarchist Academy“, „Fremd im eigenen Land“, hieß es bei „Advanced Chemistry“. Mit dieser Musik aufgewachsen ist auch Sven, Dissziplins Manager. Unter dem Künstlernamen Dita Rantel steht er mit Dissziplin in Dresden auf der Bühne, auch er trägt den Preußenadler auf der Brust. „Ich komme aus der Antifa-Bewegung“, sagt er, „ich bin links. Ich würde bestimmt nicht mit Ben zusammenarbeiten, wenn er rechts wäre.“
Der deutschsprachige Hip-Hop hat sich verändert. Der Berliner Fler bewarb die Veröffentlichung seines Albums „Neue Deutsche Welle“ mit einem abgewandelten Hitler-Zitat in Frakturschrift: „Am 1. Mai wird zurückgeschossen.“ Und rechtfertigte sich in einem Song: „Ich bin kein Nazi, nur ein Deutscher mit Identität.“ Auch der Hamburger Samy Deluxe hat sich unlängst mit dem Lied „Dis wo ich herkomm“ zu seinem Heimatland bekannt und für ein Ende der Schuldgefühle wegen der Naziherrschaft plädiert. Als Sohn eines Sudanesen gilt er jedoch als unverdächtig. Dissziplin dagegen ist, wie er rappt, „ein ostdeutscher Junge“. Das macht ihn angreifbar. Eine Textzeile wie „Das ist Schwarz-Rot-Gold, das ist mein Blut, mein Stolz, mein Volk“ bestärkt seine Kritiker. „Ich bin stolz, Deutscher zu sein“, sagt er. „Damit nehmen wir den Nazis die Parole weg“, meint Manager Sven.
Vorwurf: „Nazi-Rapper“
Im Video zum Lied „Ich bin Deutschland“ sieht man Bilder von der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 - ein Meer aus schwarzrotgoldenen Fahnen. Dissziplin will mit seiner Musik das Sommermärchen fortschreiben. „Das hatte doch nichts Aggressives. Es kam mir so vor, als hätten die Leute ewig darauf gewartet, dass sie die Flagge raushängen dürfen.“ Damit er ja nicht falsch verstanden wird, schickt er gleich eine deutliche Ansage hinterher. Im Song heißt es: „Scheiß auf dein Hakenkreuz, scheiß auf Stalingrad.“ „Damit kommen die Leute nicht klar“, sagt er, das verwirre die Zuhörer. Einerseits seine deutsche Herkunft zu beschwören, andererseits die Nazis abzulehnen. Ausländer verstünden das, sagt er. „Der Vorwurf ,Nazisack' kommt immer von Deutschen, das habe ich noch nie von einem Migranten gehört. Da läuft doch was falsch. Viele Ausländer sind stolzer auf Deutschland, als wir es sind. Die finden das cool, was ich mache.“ Seine Altersgenossen schämten sich für eine Vergangenheit, für die sie nichts könnten. Das Thema „Drittes Reich“, sagt Disssziplin, der im Leistungskurs Geschichte sein Abitur ablegte, „sollte in der Schule ordentlich gelernt werden, denn viele haben keine Ahnung davon. Aber irgendwann ist die Zeit gekommen, dass man das nicht mehr in die Gegenwart schleppen sollte.“
In seiner Heimatstadt Cottbus wollte Dissziplin ein Konzert für die Antifa geben, die lehnte ab. Für explizit rechts hält man ihn dort nicht, aber er bereite den Boden für nationalistisches Gedankengut. Den Vorwurf „Nazi-Rapper“ kennt er. Über Rap-Musik wollen rechte Demagogen Jugendliche erreichen - bislang ohne Erfolg. Die wenigen Gruppen, die es gibt, gelangen selbst im schrankenlosen Internet kaum zur Geltung.
Für seine Lehre als Mediengestalter ist Dissziplin vor einem Jahr nach Leipzig gezogen. In seine Heimatstadt kommt er nicht mehr regelmäßig, seine Gruppe Ostmob trifft sich nur noch sporadisch. Er ist im Plattenbau aufgewachsen, die Mutter Gitarrenlehrerin, der Adoptivvater im Bergbau tätig. Mit Cottbus gehe es bergab, sagt er, es gebe keine Arbeit für junge Menschen. Die ostdeutschen Jugendlichen, deren Stimme er sein will, hätten viel Potential. „Aber sie hängen nur rum, die Energie fehlt ihnen. Die Leute sind leichter reizbar, sie sind frustriert.“ Dagegen kämpft er an. „Ich will, dass die Leute sagen: Wir sind Deutsche, aber wir driften nicht nach rechts ab.“