27.04.2009 · Nach dem ersten bestätigten Schweinegrippe-Fall in Spanien erhöht sich auch in Deutschland die Aufmerksamkeit. Viele Menschen fragen sich, wie die Situation hierzulande einzuschätzen ist. FAZ.NET beantwortet die drängendsten Fragen.
Nach Ansicht von Fachleuten ist es nur eine Frage der Zeit, bis das Schweinegrippen-Virus auch in Deutschland auftaucht. Müssen sich die Bundesbürger also schützen? Experten geben bislang nur übliche Hygienempfehlungen, eine spezielle Impfung sei nicht möglich. Nachstehend die wichtigsten Fragen und Antworten.
Welche Gefahr besteht aktuell für die Menschen in Deutschland?
Eine unmittelbare Gefahr zur Ansteckung besteht derzeit in Deutschland nicht. Ein Sprecher des Gesundheitsministeriums betonte, dass Vorsichtsmaßnahmen im Rahmen des Nationalen Pandemieplanes getroffen würden. Bundes- und Landesbehörden stünden in engem Kontakt. An Flughäfen werden Informationsblätter verteilt und Passagiere auf Krankheitszeichen hin beobachtet.
Wann gibt es einen Impfstoff gegen die Schweinegrippe?
Die großtechnische Produktion eines neuen Impfstoffs dauert nach Angaben des Paul-Ehrlich-Instituts in der Regel zehn bis zwölf Wochen. Im Fall des aktuellen Schweinegrippe-Auftretens sei man aber noch längst nicht so weit, hieß es. Derzeit sei die amerikanische Gesundheitsbehörde CDC mit der Herstellung eines sogenannten Impfstamms beschäftigt. Dabei wird das Virus so verändert, dass es sich in Hühnereiern vermehrt. Für die industrielle Impfstoffherstellung sind gewöhnlich nach wie vor Hühnereier die Basis.
Wo sind Informationen zu bekommen?
Umfangreiche und aktuelle Informationen sind auf den Internet-Seiten des Robert Koch-Instituts abzurufen (www.rki.de, Schweinegrippe). Auch die Gesundheitsbehörden der Länder bieten diesen Service an.
Was tun, wenn Grippesymptome auftreten?
Die Symptome einer Schweinegrippe unterscheiden sich kaum von denen einer saisonalen Grippe: Fieber, Müdigkeit, Appetitlosigkeit und Husten. Einige Menschen, die mit Schweineinfluenza infiziert waren, klagten auch über Schnupfen, Halsschmerzen, Übelkeit, Erbrechen und Durchfall. Ein Arzt kann die Symptome abklären und die Krankheit gegebenenfalls durch einen Abstrich bestätigen. Ist ein Grippeschnelltest positiv, wird eine zweite Probe entnommen und an das zuständige Landeslabor geschickt, wo der spezielle Erregertyp ermittelt wird. Dies wird dann bundesweit an das Nationale Referenzzentrum für Influenza am Berliner Robert Koch-Institut gemeldet.
Wie wird die Schweinegrippe behandelt?
Die Experten gehen davon aus, dass die neueren Grippemedikamente, Tamiflu (Wirkstoff Oseltamivir) und Relenza (Wirkstoff Zanamivir) auch gegen den Schweinegrippe-Erreger wirken. Diese Medikamente helfen am besten, wenn sie schon kurz nach Ausbruch der Krankheit genommen werden. Kommt es zu einem heftigeren Verlauf, etwa durch eine zusätzliche Lungenentzündung, müssen die Erkrankten ins Krankenhaus. Die Pandemiepläne sehen vor, dass sie dort unter besonderen Sicherheitsvorkehrungen gegebenenfalls in einer speziellen Grippeabteilung weiter behandelt werden.
Soll ich mir vorsorglich Tamiflug besorgen?
Das Robert Koch-Institut rät davon ab, private Vorräte zu bunkern. Die Medikamente sind rezeptpflichtig und müssen unter ärztlicher Kontrolle eingenommen werden. Eine Unterdosierung könnte zum Beispiel Resistenzen bei Viren fördern. Zudem ist die Eigendiagnose bei einer Influenza unzuverlässig, da sie auch mit anderen akuten Erkrankungen verwechselt werden kann.
Wie kann man sich vor einer möglichen Ansteckung schützen?
Wie andere Grippeerreger auch wird das Schweinegrippe-Virus vorwiegend über Tröpfchen, also durch Husten oder Niesen übertragen. Darüber hinaus reichen nach Ansicht von Virologen des Paul-Ehrlich-Instituts normale Hygienemaßnahmen, wie etwa regelmäßiges Händewaschen, zur Vorbeugung aus. Gegebenenfalls werden die örtlichen Behörden jedoch dazu aufrufen, Menschenansammlungen zu meiden. Dazu gehört auch, dass unter Umständen Kindergärten und Schulen geschlossen sowie Konzerte und Großveranstaltungen eingeschränkt werden. Es kann auch zu Einreisekontrollen kommen. Ein Mund-Nasen-Schutz kann einen gewissen Schutz bieten, wird aber von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für die Allgemeinbevölkerung nicht generell empfohlen.
Wie unterscheidet sich das neue Virus von den bisherigen?
Der neue Grippeerreger mischt auf bislang unbekannte Weise genetische Merkmale von Schweine-, Vogel- und auch Menschenviren. „Wir sind sehr, sehr besorgt“, sagte WHO-Sprecher Thomas Abraham. „Wir haben es mit einem neuen Virus zu tun, und er verbreitet sich von Mensch zu Mensch.“ Im Gegensatz zu normalen Influenza-Viren, die in jeder Grippesaison auftreten, verursache das neue Virus besonders schwere Krankheitsverläufe und „eine relativ hohe Zahl von Todesfällen“, sagte der Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie an der Universität Halle dem Berliner „Tagesspiegel“.
Kann man sich bei Schweinen und bei Menschen anstecken?
Schweineinfluenza-Viren können laut Robert Koch-Institut direkt von Schwein zu Mensch, aber auch umgekehrt übertragen werden. Bisher infizierten sich Menschen in erster Linie durch direkten Kontakt zu Schweinen. Nach Auffassung des Bauernverbandes besteht für die Landwirte in Deutschland keine Gefahr, wenn sie normale Vorsichtsmaßnahmen anwenden. Das Robert Koch-Institut verweist aber darauf, dass inzwischen auch von einer Übertragung von Mensch zu Mensch auszugehen sei. Diese erfolge auf gleiche Weise wie bei der menschlichen Influenza, also vorwiegend als Tröpfchen-Infektion zum Beispiel beim Husten oder Niesen.
Ist es gefährlich, jetzt Schweinefleisch zu essen?
Nein. Laut dem amerikanischen Seuchenschutz wird die Schweinegrippe nicht durch Lebensmittel übertragen. Wer ganz sicher gehen will, sollte Schweinefleisch auf mehr als 72 Grad Celsius erhitzen - dann wird das Virus sicher abgetötet.
Gibt es genug Vorräte für den Ernstfall?
Vor dem Hintergrund der Vogelgrippe, die bisher als wahrscheinlichster Auslöser einer neuen Grippe-Pandemie galt, gibt es in Deutschland seit 2005 einen Nationalen Pandemieplan. Darin wird auch empfohlen, dass für mindestens 20 Prozent der Bevölkerung Vorräte an antiviralen Mitteln wie Tamiflu angelegt werden. Damit sollen im Pandemiefall zunächst besonders gefährdete Gruppen wie medizinisches Personal und Sicherheitskräfte versorgt werden können. Die Bundesländer haben dies jeweils in eigenen Pandemieplänen umgesetzt, so dass Experten Deutschland für den Fall der Fälle gut gewappnet sehen.