Wer die von Schafen gesäumte bergige Strecke in die schottischen Highlands bewältigt, wird schon vor Braemar vom Soundtrack dieser Gegend begrüßt: dem Klang unzähliger Dudelsäcke. Die Pipe-Bands kommen aus ganz Schottland zum Braemar Royal Highland Gathering, um sich in ihrer Kunst zu vergleichen. Auch Sportler von Highland Sportarten wollen einen Sieger ermitteln. So wird getanzt, gesprungen und gelaufen, werden Gewichte über eine Stange katapultiert, Steine geschleudert, Hämmer geschmissen und Baumstämme geworfen.
Das Highland Games Gathering in Braemar findet jedes Jahr am ersten Samstag im September statt. Seine Geschichte kann bis ins achte Jahrhundert zurückverfolgt werden. In der jetzigen Form wurde es aber wahrscheinlich 1832 zum ersten Mal ausgetragen. 1848 besuchte zum ersten Mal die britische Königin das Treffen in dem kleinen Ort, der von grünen Bergen umgeben ist. Die populärste Sportart ist der Tug of War, das Tauziehen, bei dem Mannschaften verschiedener Militäreinheiten um den Sieg zerren.
Früher wollte man wirklich die besten Krieger der verschiedenen schottischen Highland-Clans ermitteln. Seit fast 200 Jahren setzt sich die Royal Highland Society aber vor allem für die Erhaltung der schottischen Traditionen ein. Kilts und Dudelsäcke gehören also zu den wichtigsten Programmpunkten. Das lässt sich nicht nur bei den Kampfrichtern, Sportlern und Tänzern sehen, die in traditioneller Kleidung ihre Wettbewerbe bestreiten. Sondern auch bei den Zuschauern: Viele Männer tragen Rock und sind sogar stolz darauf. Einer von ihnen ist Richard Beattie, der zusammen mit seiner Frau Mhairi aus der Hauptstadt Edinburgh nach Braemar gekommen ist. Mhairis Eltern wohnen im Ort. So kommen sie fast jedes Jahr zu dem Treffen. Mhairi nimmt auch am Hill Race teil, in dem es gilt, so schnell wie möglich den Morrone, den Hausberg von Braemar, hinauf- und wieder hinunterzurennen.
Der Berg sieht so aus, als hätten Wanderer schon Schwierigkeiten, ihn zu erklimmen. Mhairi schafft das jedoch in 36 Minuten: Rang vier unter den Frauen. Richard steht derweil in seinem grün-blau karierten Kilt an der Strecke und feuert seine Frau an. Er sagt, eine solche Atmosphäre gebe es sonst nirgends. Den Kilt haben er und seine Frau eigens zum Treffen angezogen, normalerweise tragen sie ihn nicht. In Braemar aber gehört das einfach zum guten Ton.
Es ist diese Stimmung, die das Gathering zum beliebtesten und bekanntesten in ganz Schottland macht. Aus aller Welt kommen Zuschauer und Teilnehmer. Immer wieder kündigt der Kommentator Sportler aus Polen, Kanada, Neuseeland oder Australien an. Die Lokalhelden werden natürlich besonders angefeuert. Aber das Publikum ist fair. Als ein Pole ein 28 Pfund schweres Gewicht weiter schleudert als seine Konkurrenten, wird auch er gefeiert. Manchmal ist es nicht ganz einfach, den Überblick zu behalten. Während Sprinter um das Oval laufen, tanzen Mädchen auf einer Bühne um die Wette, Männer schmeißen Gewichte, und Springer hüpfen in eine Sandgrube. Von dem Durcheinander, dem bedeckten Himmel und dem Nieselregen, der ab und an von oben kommt, lassen sich die Zuschauer nicht abschrecken. Wer schon öfter dabei war, hat Stühle und Feldstecher mitgebracht. Viele Familien sind zu sehen. Sie picknicken auf ausgebreiteten Decken.
Am Nachmittag ist es endlich so weit: Die Königin kommt. Schon eine Stunde vorher hatten sich die Leute an dem Weg aufgereiht, den sie fahren musste. Mit der Königin kommt die Sonne: Als sie aus ihrem Geländewagen steigt, reißen die Wolken auf. Prinz Philip, ihr Mann, ist auch dabei, außerdem Prinz Charles mit Camilla sowie Prinzessin Anne.
Der Rasen sieht aus wie umgepflügt
Auf die königliche Familie haben die Veranstalter gewartet, um das Finale im Tauziehen abzuhalten. Es gewinnt die Mannschaft einer Einheit, die in Nordirland stationiert ist, demnächst aufgelöst wird und deshalb zum letzten Mal am Wettbewerb teilnimmt. Dem Anführer der Siegermannschaft wird die Ehre zuteil, den Preis aus den Händen der Königin entgegennehmen zu dürfen. Nach nur einer Stunde macht sich der royale Besuch wieder auf den Weg, nachdem noch einige Preise überreicht wurden, unter anderem für die beste Dudelsackgruppe.
Das Erlebnis, der Königin einmal nahe gekommen zu sein, wird auch Norbert und Franziska Wodars aus Herrischried im Schwarzwald ihr Leben lang begleiten. Die beiden sind hier im Urlaub und genießen das Flair in Braemar. Sie mussten erst ein wenig warm werden mit den Wettkämpfen. Nun sind sie von der Stimmung beeindruckt - und von seltsamen Sportarten wie Baumstammwerfen.
Bald leeren sich auch die Zuschauerränge. Im Oval sind nur noch die Schwergewichte, die Baumstämme und Hämmer durch die Luft schleudern. Die siegreiche Dudelsackgruppe marschiert eine Ehrenrunde und präsentiert stolz das Schild, das ihr von der Königin übergeben wurde. Der Rasen sieht aus wie umgepflügt. Unzähligen Gewichte sind eingeschlagen. Die Füße der Tauzieher haben sich tief in die Grasnarbe eingegraben. Eine Blechkarawane kehrt in alle Teile Schottlands zurück. Viele bleiben aber schon im örtlichen Pub hängen. Sieger und Besiegte feiern zusammen. Scheinen alle dem gleichen Stamm anzugehören.
Hat man das Geheimnis gelueftet?
Egon Weissmann (EgonOne)
- 06.09.2012, 04:54 Uhr
Braemar, jedes Jahr eine besondere Athmosphäre, wenn die
Königin nebst Familie aus Balmoral kommt!
Peter Herbeck M.A. (peterherbeck)
- 03.09.2012, 12:19 Uhr