Oliver Welke bringt so schnell nichts aus der Fassung, doch am Donnerstagnachmittag ist er verblüfft. Gerade hat er erfahren, dass er mit seiner „heute show“ den Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis gewonnen hat, und jetzt sieht man ihn nachdenken darüber, was das bedeuten soll, wenn eine Nachrichten-Satire einen renommierten Journalistenpreis erhält. Er in einer Reihe mit Anne Will, Claus Kleber, Günter Gaus? Die Jury lobt in ihrer Begründung „Aufklärung mit Genuss in Zeiten des Politikverdrusses und des Misstrauens gegenüber herkömmlicher Berichterstattung“ - sollte Welkes Show die Realität tatsächlich besser abbilden und einordnen als „Tagesthemen“ und „heute journal“? Der Moderator muss die Mitteilung zwei Mal lesen, ehe er sagt: „Na, das ist ja ’n Ding.“
Vielleicht ist es mit der „heute show“ wie mit dem Aufstieg der Piraten. Im Meer der gepflegten Langeweile hob ausgerechnet das ZDF 2009 eine Nachrichten-Satire ins Programm, die im Gegensatz zu den Polit-Aufsteigern von Anfang an Inhalt zeigte. Das Team mit Frontmann Welke macht vor nichts und niemandem halt, inklusive sich selbst und dem Sender. Statt beleidigt reagierte das ZDF entzückt und wandelte die Monats- in eine Wochensendung um, die jeden Freitag um 22.30 Uhr zwischen zwei und drei Millionen überwiegend junge Menschen einschalten; das ist für das ZDF sensationell.
Inzwischen sind auch die Aufzeichnungstermine im Kölner Studio bis Anfang 2013 ausverkauft - und das, obwohl sich die Sendung fast nur um Politik dreht. Aber wie! Da bringt ein Reporter Sigmar Gabriel als Kanzler ins Gespräch und Welke sagt: „Hören Sie auf, gucken auch Kinder zu!“, da beschreibt die Bundesfamilienministerin in einem Buch Familie als reine Privatsache, und „heute show“-Nachrichtenfrau Martina Hill fragt: „Schröder, wofür brauchen wir dich dann?!“
Die FDP hat es der Show angetan
Besonders die FDP hat es der Show angetan. Ex-Generalsekretär Christian Lindner mutmaßte einmal gegenüber deren Reportern, die gesamte Gag-Struktur der Sendung beruhe auf den Liberalen. „Das hat er messerscharf analysiert“, sagt Welke jetzt im Gespräch im Konferenzraum seiner Redaktion; er hofft, dass die FDP nun in den Landtagen bleibt. „Sonst müssten wir uns einen Zweit-Gag zulegen.“
Dabei kann die Show-Präsenz sogar Karrieren fördern. „Ich bin mir sicher, dass wir zur extrem gestiegenen Beliebtheit von Rainer Brüderle bei jungen Wählern beigetragen haben“, sagt Welke. In der Show wird der FDP-Fraktionschef, der stets ganze Silben verschluckt, im original Pfälzer Dialekt untertitelt: ein running gag. Als er dann im Januar in die Sendung kam, räumte das ZDF eine Viertelstunde mehr Sendezeit frei. „Seinen Besuch haben wir als Event abgefeiert“, sagt Welke, der Brüderle Respekt zollt. „Ich hätte verstanden, wenn er gesagt hätte: Zu euch geh’ ich nicht.“
„Ihre Rede werden Sie komplett in der ’heute show’ hören“
Wie reagiert der Berliner Politikbetrieb insgesamt auf die Sendung? Im Bundestag fällt neuerdings schon mal ein Satz wie „Ihre Rede werden Sie komplett in der ‚heute show‘ hören.“ Und Welke berichtet über Erfahrungen seiner Reporter: „Wir werden inzwischen erkannt. Manche flüchten dann regelrecht, andere wollen extra locker sein.“ Wobei besonders Letzteres schwierig, weil der Tod jeder Satire ist. In die Sendung selbst jedoch traut sich kaum ein Politiker. „Wir bekommen stapelweise Briefe, dass man uns guckt und wie sehr man uns schätzt, dass man aber leider keine Zeit habe, selbst vorbeizukommen.“ Beschwert aber hat sich bisher noch niemand. „Und wenn, wurde es nicht durchgestellt“, sagt Welke. „Ich rechne dem ZDF hoch an, dass sie uns hier in Ruhe arbeiten lassen.“
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Martina Hill und Oliver Welke
Für Welke ist die Sendung Höhepunkt seiner bisherigen Rundfunk-Karriere, die Ende der Achtziger mit dem „Frühstyxradio“ bei Radio ffn in Niedersachsen begann. „Das war ein Erweckungserlebnis.“ Zusammen mit Oliver Kalkofe und anderen zelebrierte er eine für die Zeit neue, bitterböse Art von Comedy; die Hörer vergötterten die Sendung. Kalkofe hatte Welke zum Radio geholt; beide kannten sich vom Studium in Münster und entdeckten schnell, dass ihre Komikzentren ähnlich lagen, wozu auch ihr Kommilitone Martin Sonneborn (später „Titanic“-Chefredakteur) beitrug.
Vom Fußball zur Polit-Satire
1996 wird Welke Fußball-Reporter bei Sat.1. „Das war der Lacher bei meinem Abi-Treffen.“ Welke, die Niete im Schulsport, redet öffentlich über Fußball. „Aber das traute ich mir zu, ich war ja immer glühender Fan.“ Anfangs spricht er vor lauter Ehrfurcht so farblos und langweilig ins Mikrofon, dass er es verstanden hätte, wenn ihn sein Chef Reinhold Beckmann zurück zum Radio geschickt hätte. Dann aber beginnt er Übertragungen wie Gespräche mit Freunden zu moderieren, schlagfertig und kompetent, was ihm viel Lob einbringt. Als Sat.1 die Bundesliga-Rechte verliert, tingelt er von Sender zu Sender und durch viele Comedyshows. „Jeden Tag ’ne andre Show, die Rampensau im Telezoo“, dichtet sein Freund Oliver Kalkofe.
Beim ZDF kann Welke nun beiden Leidenschaften frönen. Ab August moderiert er hier die Champions League, und die „heute show“ bleibt ihm erhalten. „Das ist die Sendung, die ich immer wollte.“ An einer Hotelbar sprach er 2008 mit dem ZDF-Comedy-Redakteur darüber, dass es keine Nachrichten-Satire im Fernsehen gebe, kein Jahr später ging die Show auf Sendung. Der Titel ist bewusst schlicht gewählt; bei den Privaten, ist sich Welke sicher, hätte noch „Die verrücktesten Nachrichten der Welt“ daruntergestanden. Das aber wollte er auf keinen Fall. „Wir sehen uns ja als satirischen Arm des ,heute journals‘“, dessen Mitarbeiter auf einer Krisensitzung extra über die Namensnutzung abstimmten. Heute sind sich beide Sendungen freundschaftlich verbunden; manche Nachrichtenredakteure weisen von selbst auf ausbeutbare Stellen hin.
Welke als Teamplayer
Sechs Autoren arbeiten für die Show, und Welke schreibt seine Texte selbst sowie die des Wut-Kommentators Gernot Hassknecht, der inzwischen eine eigene Fangemeinde hat. In großer Sitzung entscheidet die Redaktion über Thema, Haltung und den Lacher. „Das ist ganz wichtig“, sagt Welke. „Wir gehen ja nicht nur raus, wie früher manche Kabarettisten, und brüllen unsere Meinung ins Publikum.“ Welke ist ein Teamplayer, auch wenn er sich die letzte Entscheidung über einen Gag vorbehält. „Ich bin nun mal derjenige, der ihn verkaufen muss.“ Häufig genug auch auf seine Kosten, Witze über sein Gewicht (zu viel) und seine Haare (zu wenig) gehören zum Standardrepertoire.
Ob Late-Night etwas für ihn wäre? Der Platz im Free-TV ist mal wieder frei. Welke zögert. „Das wäre ein völlig anderes Format.“ Schon die „heute show“ sei täglich nicht möglich. „Dann verlöre sie Dichte, Tempo, Qualität. Ich möchte, dass das Publikum beim Abspann sagt: Was?! Schon wieder vorbei?!“ Den Abschied von Harald Schmidt, der in der Nachbarschaft sendete, bedauert Welke sehr. Viel mehr allerdings lässt ihn grübeln, dass seinen beiden Söhnen ein Fernsehverbot völlig wurst ist. „Wenn, dann muss ich das Internet abschalten oder den iPod einziehen.“ Und was das für die Zukunft seines Lieblingsmediums bedeutet, mag er sich gar nicht ausdenken.
Blöde Vergleiche
Petra Ristow (PeRiBa)
- 07.05.2012, 09:08 Uhr
Eine der wenigen Perlen ...
Closed via SSO (werneraugust)
- 06.05.2012, 19:36 Uhr
Kein Vergleich zum Original
Alex Popa (apopa)
- 06.05.2012, 15:37 Uhr
Intelligente Satire im deutschen Fernsehen?
Thomas Mirbach (lurkius)
- 06.05.2012, 13:39 Uhr
"Vorbild" Daily Show
Hans-Jürgen Grieß (GriessH)
- 06.05.2012, 13:23 Uhr