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Heinrich-Evangeliar : Am Fliegerhorst übernahm das SEK

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Zur Besichtigung freigegeben: Der Leiter der Handschriftenabteilung, Christian Heitzmann, richtet in der Herzog-August-Bibliothek das Evangeliar her Bild: dpa

Vor 30 Jahren kam das Heinrich-Evangeliar zurück nach Deutschland. Das damals teuerste Buch der Welt ist zu empfindlich, um dauernd ausgestellt zu werden. Jetzt ist es wieder in Wolfenbüttel zu sehen.

          Die Geschichte dieses Evangeliars ist verflochten und verborgen – so wie jene des Kaufs vor 30 Jahren, die es zum damals teuersten Buch der Welt machte. Vom Jahrestag am 6. Dezember, also am Freitag, bis zum 17. Januar können Besucher das Evangeliar Heinrichs des Löwen in der Schatzkammer der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel sehen. Danach wird die prachtvolle Bilderhandschrift wieder zwei Jahre lang in einem Tresor der Wolfenbütteler Bibliothek verwahrt, unzugänglich. Sie ist mit ihren 226 Pergamentblättern, 50 ganzseitigen Miniaturen und 1600 farbigen Initialen in Purpur, Gold und Silber zu zerbrechlich, um sie dauernd auszustellen.

          Aus dem Haus verliehen wird sie nicht, vermutlich nie mehr, auch wenn sie neben Niedersachsen auch der Bundesrepublik Deutschland, Bayern und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz gehört. Zu sehen ist nun die Doppelseite mit dem Stammbaum Christi sowie insgesamt 19 Miniaturen zu seiner Geburt. Anschließend wird zum Beginn des Lukas-Evangeliums über das Wirken Johannes des Täufers aufgeschlagen. Der Erwerb als Gemeinschaftsleistung hatte 1983 auch kulturpolitisch Wichtiges bewirkt: Er führte zur Gründung der Kulturstiftung der Länder, die seit 1988 nun alle paar Wochen wertvolle Werke – Gemälde, Bücher, Sammlungen – für ein Museum zwischen Nordfriesland und dem Bodensee erwirbt, das allein dazu nicht imstande wäre.

          „Wie viel braucht's denn?“

          Ohne das gelungene Beispiel der „Heimholung“ des Evangeliars und die damit verbundene kulturpolitische Neubesinnung im Verhältnis zwischen Bund und Ländern wäre die Stiftung wohl damals nicht gegründet worden, berichtet Johann-Tönjes Cassens, der von 1981 bis 1990 niedersächsischer Minister für Wissenschaft und Kunst war. Er stand damals im Mittelpunkt der Anstrengung, das wertvolle nationale Kulturgut auf einer Londoner Auktion zu erwerben. Allein hätte das weder Niedersachsen noch der Bund geschafft. Cassens hatte dank eines früheren Erwerbs aus Welfenbesitz, des Kaufs der welfischen Münzsammlung im Jahr 1983, freundschaftlichen Kontakt zum Bankier Hermann Josef Abs gefunden, dem Ehrenvorsitzenden der Deutschen Bank.

          Das bewährte sich beim Erwerb des Codex. Abs koordinierte bei der Auktion am 6. Dezember in London das Vorgehen. Damit wurde nicht preistreibend sichtbar, dass die öffentliche Hand dahinter stand. Und Abs trug dazu bei, dass der bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß, entscheidungsfreudig wie immer, bei einem Telefongespräch mit Cassens spontan 7,5 Millionen Mark zusagte. Strauß fragte nur: „Wie viel braucht’s denn?“ Nach einer Pause, so erzählt es Cassens, sagte er: „Kriegst.“ Damit war der erwartete Kaufpreis abgesichert. Der niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht hatte 9,4 Millionen Mark zugestanden, der Leiter der Kulturabteilung des Bundesinnenministeriums Albrecht Krause sechs Millionen Mark und der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz Werner Knopp drei Millionen.

          Zudem waren familienhistorische Bande hilfreich. Heinrich der Löwe war 24 Jahre lang auch Herzog von Bayern, wiewohl der Welfe nur selten in seinem „Nebenland“ Bayern war, meist auf der Durchfahrt nach Italien oder ins Heilige Land. Mit 32,5 Millionen Mark war das Evangeliar lange das teuerste Buch der Welt, übertroffen später nur von einer Handschriftensammlung des Leonardo da Vinci, die Bill Gates 1994 erwarb. Die kaufkräftige Getty-Bibliothek war anfangs am Heinrich-Evangeliar interessiert, ließ dann aber Niedersachsen wissen, dass es als Patrimonium (nach römischem Recht väterliches Erbgut) an den Ursprungsort gehöre und die kalifornische Sammlung daher nicht bieten werde.

          Cassens und Abs mussten mancherlei weitere Hürden überwinden, bis der Beamte Hans-Heinrich von Knobloch das in weiße Tücher gehüllte Evangeliar in einer Holzkiste von London in einem Bundeswehrflugzeug nach Wunstorf heimholte. Vom Fliegerhorst bis zum Tresor der Landesbank in Hannover bewachte ein Sondereinsatzkommando die Kostbarkeit. Dann erst durften Journalisten es besichtigen. Zwist gab es nach der Renovierung in Bayern. Niedersachsen setzte sich durch und brachte das Evangeliar nach Wolfenbüttel als Kostbarkeit europäischer Kultur und Geistesgeschichte. Wie das Evangeliar nach London kam und dort zur Versteigerung, lässt sich nur vermuten: Sein Verbleib zwischen 1933 und 1983, als es „aus dem Nichts“ wieder da war, ist nicht bekannt.

          Heinrich der Löwe hatte Benediktinermönche aus Helmarshausen um 1188 mit dem Fertigen beauftragt und das Evangeliar der Braunschweiger Stiftskirche geschenkt, dem Dom St. Blasii, in dem er dann beigesetzt wurde. Das Meisterwerk der romanischen Buchkunst lag über Jahrhunderte in der Bibliothek des Veits-Doms in Prag, bis König Georg V. von Hannover es nach Niedersachsen brachte. Mit ihm ging es 1866 ins österreichische Exil – im Ausland war es dem Exportverbot als nationales Kulturgut entzogen. Seit drei Jahrzehnten nun ist die Handschrift von Weltruhm im innersten Heiligtum Wolfenbüttels verwahrt – unter der Signatur Codex Guelf.105, Noviss. 2°.

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