06.04.2007 · Ist das Kaninchen das richtige Ostergeschenk für Kinder? Die Tierärztin Anja Ewringmann rät im Gespräch mit der Sonntagszeitung dringend davon ab. Denn vor Ostern lassen Züchter ihre Häsinnen wie verrückt decken - mit gesundheitlichen Folgen.
Karnickel haben viele Feinde. Nicht nur Fuchs und Habicht trachten ihnen nach dem Leben. Karnickel haben aber auch viele Freunde. Die Haltung von Kaninchen als Heimtier boomt regelrecht, während die Zahl der Hunde in deutschen Haushalten stagniert.
Doch die Kaninchen sind keine Tiere für Kinder - viel zu impulsiv rasen sie plötzlich los und schlagen Haken. Anja Ewringmann, die eine Spezialpraxis für kleine Heimtiere in Berlin führt, gibt im Gespräch mit der Sonntagszeitung Ratschläge über den richtigen Zeitpunkt der Anschaffung und erklärt die artgerechte Haltung.
Frau Ewringmann, soll man Kindern zu Ostern ein Kaninchen schenken?
Ein Kaninchen sollte man nie verschenken. Wenn überhaupt, dann zwei oder mehrere. Und eigentlich sind Kaninchen auch überhaupt keine Tiere für Kinder. Sie sind keine klassischen Streicheltiere, denn sie sind sehr impulsiv und haben einen starken Bewegungsdrang. Sie lassen sich nicht stundenlang auf den Schoß nehmen, sondern rasen plötzlich los und schlagen Haken. Dabei kommt es häufig zu Unfällen. In meiner Praxis sehe ich oft verletzte Kaninchen, die man bei der Flucht gerade noch am Hinterbein erwischen konnte, und zerkratzte Kinder. Das Kind verliert schneller die Lust als bei einem ruhigeren Tier.
Und wenn man sich doch ein Kaninchen anschaffen möchte, ist Ostern dann der richtige Zeitpunkt?
Nein, natürlich nicht. Vor Ostern und Weihnachten sitzen in den Zoohandlungen jede Menge auf Masse produzierte Kaninchen. In den Wochen vor den Feiertagen lassen die Züchter ihre Häsinnen wie verrückt decken, um genügend Nachwuchs liefern zu können. Die Kaninchen werden dann viel zu früh von der Mutter weggenommen und haben gesundheitliche Probleme. Generell ist es besser, sich Kaninchen von privaten Züchtern oder aus dem Tierheim zu holen, denn dann gibt es nicht die Zwischenstationen Großhändler und Zoohandlung, und die Tiere sind weniger gestresst.
Wenn ich mir auf diesem Weg zwei Kaninchen zulege, sollten es dann lieber Weibchen oder Männchen sein?
Am besten funktionieren sicherlich gemischtgeschlechtliche Paare. In diesem Falle kann man den Rammler kastrieren lassen. Zwei Rammler zusammen, das geht nur in den seltensten Fällen gut. Man müsste dann beide im Alter von acht bis zehn Wochen kastrieren, damit sie gar nicht erst merken, dass sie Männchen sind. Sonst gibt es später üble Schlägereien. Auf gar keinen Fall sollte man auf die Idee kommen, Kaninchen und Meerschweinchen zusammen zu halten. Die Arten sind so unterschiedlich, dass sie keinerlei Kommunikationsmöglichkeiten haben. Stellen Sie sich das einfach so vor, als ob Sie Ihr Leben in einem Zimmer mit einem Gorilla verbringen würden. Wenn zusammenlebende Kaninchen und Meerschweinchen sich gegenseitig abschlecken, wird das von den Besitzern zwar immer als Zeichen großer Liebe gedeutet. In Wirklichkeit ist es aber eine reine Verzweiflungstat.
Wie soll ich meine Kaninchen unterbringen?
Am besten wäre ein großes Gartengehege von mindestens sechs Quadratmetern für zwei bis drei Tiere. Es muss richtig in den Boden eingelassen sein, damit die Kaninchen sich nicht durchgraben können. Auch oben muss es geschlossen sein, um die Tiere vor Greifvögeln, Mardern und Füchsen zu schützen. In dem Gehege sollte man feste Hütten installieren, die im Winter dick mit Heu und Stroh eingestreut werden. Dann können die Tiere ganzjährig draußen leben. In der Wohnung ist Kaninchenhaltung wegen des großen Bewegungsbedürfnisses der Tiere nur zu akzeptieren, wenn sie die meiste Zeit des Tages Freilauf genießen. Wenn sie nur zu zweit sind, lernen sie auch meist, den Käfig oder eine Katzentoilette als Klo zu benutzen. Sind es allerdings mehr Tiere, muss man damit rechnen, dass sie Revierverhalten zeigen und überall Kot und Urin absetzen. Den Kot kann man gut mit dem Staubsauger beseitigen. Bei falscher Fütterung wird er allerdings zu matschig dafür.
Was wäre denn die richtige Fütterung?
Gutes Heu sollte den Kaninchen immer zur Verfügung stehen. Zweimal am Tag gibt man zusätzlich Frischfutter: eine Hälfte Gemüse, zum Beispiel Möhren, Sellerie, Kohlrabi, Brokkoli oder Fenchel, die andere Hälfte strukturiertes Grünfutter, also Kräuter, Löwenzahn oder auch Blumenkohlblätter. Obst füttert man nur in kleinen Mengen. Zum Abnutzen der Zähne brauchen die Tiere Äste, beispielsweise von ungespritzten Obstbäumen, Weiden oder Haselnuss-Sträuchern. Und das ist wirklich alles. Um das Körnerfutter, das in schönen bunten Verpackungen im Handel angeboten wird, sollte man einen großen Bogen machen. Der Kaninchendarm ist nicht auf Getreideverdauung ausgelegt, die kleinen Körner reiben die Zähne nicht ausreichend ab, und die Tiere bekommen außerdem über Getreide nicht genug Kalzium.
Karnickel haben viele Feinde. Nicht nur Fuchs und Habicht trachten ihnen nach dem Leben. Karnickel haben aber auch viele Freunde. Die Haltung von Kaninchen als Heimtier boomt regelrecht, während die Zahl der Hunde in deutschen Haushalten stagniert. Doch es sind überhaupt keine Kuscheltiere für Kinder, weil die Tiere von Natur aus impulsiv sind und plötzlich los rasen und Haken schlagen.
Anja Ewringmann führt eine Spezialpraxis für kleine Heimtiere in Berlin und gibt der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitungen Ratschläge, wann man sich Kaninchen am besten anschaffen sollte und was bei der Pflege zu beachten ist.
Wenn ich alles richtig mache, sollten meine Kaninchen also gesund bleiben. Kann es doch Gründe geben, regelmäßig zum Tierarzt zu gehen?
Jedes Kaninchen sollte gegen Myxomatose und Rabbit Hemorrhagic Disease (RHD) geimpft sein, selbst wenn es nur in der Wohnung gehalten wird. Beide Viruserkrankungen werden nämlich nicht nur über direkten Kontakt zwischen Kaninchen, sondern auch über Mücken und über Grünfutter übertragen, das man auf der Wiese pflückt und das vielleicht Berührung mit Wildkaninchen hatte. Erstmals sollte im Alter von sechs bis acht Wochen gegen beide Krankheiten geimpft werden. Gegen RHD wird von da an einmal im Jahr geimpft. Die Impfung gegen Myxomatose hält nur ein halbes Jahr an, dann muss sie wiederholt werden. Wenn ein ungeimpftes Kaninchen sich ansteckt, verlaufen beide Krankheiten praktisch immer tödlich.
Und wenn mein Kaninchen doch einmal ernsthaft krank wird - sagen wir, es springt vom Schoß und verletzt sich - wie finde ich einen spezialisierten Tierarzt?
Das ist in der Tat ein Problem. An den deutschen Universitäten wird über Kleinsäuger wie Kaninchen, Hamster, Meerschweinchen und so weiter viel zu wenig gelehrt. Das geht völlig am Bedarf vorbei, weil deren Haltung als Heimtier regelrecht boomt, während beispielsweise die Zahl der Hunde in deutschen Haushalten stagniert. In Kaninchen- und Heimtierforen im Internet werden aber häufig brauchbare Empfehlungen gegeben, so dass man durchaus einen Tierarzt in der Nähe finden kann, der sich auskennt.