02.04.2009 · Seelische Verletzungen, körperliche Züchtigungen: Ein Runder Tisch in Berlin beschäftigt sich mit den Folgen der Heimerziehung in den fünfziger und sechziger Jahren. Vorausgegangen war eine Petition ehemaliger Heimkinder, in der sie um Anerkennung erlittenen Leids und Wiedergutmachung baten.
Von Susanne Kusicke, LudwigsburgWolfgang Bahr war sieben Jahre alt, als seine Mutter ihn im Heim abgab. Die Mutter hatte für ihn und seinen vier Jahre älteren Bruder die Koffer gepackt und die DDR samt geschiedenem Mann auf Nimmerwiedersehen verlassen - zur Tante nach West-Berlin, wie sie den Kindern erst sagte. Im Westen angekommen, hieß es dann, die Reise gehe zur Großmutter nach Konstanz. Doch auch dort kamen sie nie an: Unterwegs stieg die Mutter mit den Kindern aus dem Zug und brachte sie auf die Karlshöhe, ein evangelisches Kinderheim in den Hügeln über Ludwigsburg in der Nähe von Stuttgart.
„Dort saßen wir dann im Speisesaal, meine Mutter am Tisch der Heimleitung, mein Bruder am Tisch der Zehn- bis Vierzehnjährigen und ich bei den Kleinen, und ich verstand die Welt nicht mehr“, erinnert sich Wolfgang Bahr an seinen ersten Tag auf der Karlshöhe: den ersten Tag des ersten Monats des ersten Jahrs. Am zweiten Tag verabschiedete sich die Mutter. Das war 1958. Dann kamen die restlichen Tage, Wochen, Monate und schließlich Jahre, neun insgesamt. 1967 wurde Wolfgang Bahr, sechzehnjährig, entlassen, um eine Lehre anzutreten. „Ich hatte immer die Hoffnung, dass sie eines Tages kommt und mich wieder abholt.“
Anerkennung erlittenen Leids
Doch die Mutter kam nicht; allerdings fand sie später eine Anstellung in Stuttgart, und die Kinder konnten sie dann und wann besuchen. Von Seiten des Heims oder Jugendamts wurde seines Wissens niemals überprüft, ob es andere Unterbringungsmöglichkeiten innerhalb der Verwandtschaft für die beiden Jungen gegeben hätte - eines von vielen Versäumnissen, über die Wolfgang Bahr viele, viele Jahre später vor dem Petitionsausschuss des Deutschen Bundestags in Berlin berichten sollte.
Denn der Petitionausschuss des Bundestags hat angesichts einer Fülle von Klagen ehemaliger Heimkinder nach zwei Jahre dauernden Vorarbeiten, Anhörungen und Rechtsberatungen Ende 2008 empfohlen, einen Runden Tisch über die Folgen der Heimerziehung in den fünfziger und sechziger Jahren einzurichten. Der Runde Tisch nahm seine Arbeit im Februar unter Moderation der Grünen-Politikerin, früheren Bundestagsvizepräsidentin und Theologin Antje Vollmer auf. Vorausgegangen war eine Petition ehemaliger Heimkinder, in der sie um Anerkennung erlittenen Leids und Wiedergutmachung in Form von therapeutischen Hilfen, Opferentschädigungen und nachträglich anerkannten Rentenansprüchen baten.
Damalige Zustände historisch einordnen
Die Sache ins Rollen gebracht hatte jedoch das Buch des „Spiegel“-Journalisten Peter Wensierski: „Schläge im Namen des Herrn“, erschienen im Jahr 2006. Damals meldeten sich aus ganz Deutschland Betroffene, die ihr eigenes Schicksal in den Schilderungen des Autors wiedererkannten. Auch die Kirchen, in deren Trägerschaft die meisten Kinderheime in den fünfziger und sechziger Jahren gelegen hatten, brachen vielfach ihr Schweigen über das unliebsame Thema: In mehreren Landeskirchen und Diözesen wurden Gesprächskreise gebildet, die ehemalige Heimkinder und Erzieher zusammenbringen, um zu einem Dialog, womöglich einer Versöhnung zu gelangen.
Ziel des zentralen Runden Tisches in Berlin soll es sein, sowohl Heimkinder als auch die Träger der Heime, Direktoren und Erzieher anzuhören und das Ausmaß des Unrechts zu klären. „Die Frage ist, was davon ganz selbstverständlich den Erziehungsstandards dieser Zeit entsprach und ob es sich um systematisches Unrecht oder um einzelne Verstöße handelte“, sagte Antje Vollmer der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Derzeit gibt es nicht einmal genaue Zahlen, wie viele Kinder betroffen oder in dieser Zeit überhaupt in Heimen untergebracht waren; die Zahlen schwanken zwischen 200.000 und 500.000. In einem zweiten Schritt sollen die rechtliche Verantwortlichkeit geklärt und die damaligen Zustände historisch eingeordnet werden.
Eine Gratwanderung
Drittens soll es um die Frage möglicher Entschädigungen gehen. Antje Vollmer hütet sich jedoch, ein Ziel vor allem für den letzten Punkt vorzugeben. „Das Ergebnis soll so sein, dass alle zustimmen können. Eine Entschädigung ist natürlich nicht ausgeschlossen, aber eben auch nicht garantiert, und schon gar nicht sollen die Institutionen von vornherein in eine Verteidigungshaltung gedrängt werden.“
Es ist eine Gratwanderung, die der Runde Tisch wagen will: Schon haben sich prominente Opferanwälte, allen voran der umstrittene Münchner Anwalt Michael Witti, in die Sache eingeschaltet; von Sammelklagen auf dem Umweg über Amerika wegen sexueller Übergriffe und Ausbeutung durch Zwangsarbeit ist die Rede. Auch die Heimkindervereine untereinander haben es nicht leicht und sind über ihre Ziele uneins. „Es ist vollkommen irrational“, sagt Wolfgang Bahr. Er führt das auf die zum Teil schweren Traumatisierungen der Ehemaligen zurück. Die Traumatisierungen, das persönliche, jahrzehntelang verborgene Leid, sind nun allerdings - in einer positiven Wendung - genau der Punkt, über den gesprochen werden soll.
Auswirkungen von Krieg und Nationalsozialismus reichen bis in die Gegenwart
Denn die Gesellschaft der wiedervereinigten Bundesrepublik, die Deutschen des beginnenden 21. Jahrhunderts, blicken zurück auf ihre eigene Vergangenheit, wie sie es vielleicht noch nie getan haben: allmählich freier von ideologischen Scheuklappen und moralisch präjudizierten Denkverboten, mit einem mitfühlenderen Blick auf Lebensgeschichten, Familiengeschichten, lokale Ausprägungen der großen Weltgeschichte. „Die Anti-Heim-Kampagne der Achtundsechziger-Bewegung hat zwar die gröbsten Missstände in den Heimen beseitigt, und das ist ein hohes Verdienst“, sagt Antje Vollmer, „aber für das Individuelle hat man sich damals überhaupt nicht interessiert.“
Und das gilt nicht nur für die Geschichten der Heimkinder, sondern etwa auch für die Schicksale der Vertriebenen oder der Kriegskinder: Erst allmählich wird man sich bewusst, wie weit die seelischen und gesellschaftlichen Auswirkungen von Krieg und Nationalsozialismus reichen: bis in die Gegenwart, in die dritte Generation der Nachgeborenen.
Unverständliche und willkürliche Härte
Dass seine Erlebnisse im Heim etwas mit dem Nationalsozialismus zu tun hatten, liegt für Wolfgang Bahr auf der Hand: „Es wehte noch dieser Geist im Haus: Wenn wir im Marschschritt zur Morgenandacht liefen, in den Speisesaal, ins Klassenzimmer, obwohl dazwischen nur wenige Meter lagen. Wir trugen alle die gleichen Topfschnitte, gebrauchte Kleidung, aßen in den ersten Jahren noch von Blechgeschirr. Wir durften das Gelände nicht verlassen, die Gruppen blieben getrennt; ich hatte dort einen Bruder und hatte ihn doch wieder nicht, diese Härte kam mir unverständlich und willkürlich vor.“
Zu den seelischen Verletzungen der Kinder, die aus ihren Familiengeschichten erwuchsen, kamen so die Zumutungen des kargen, streng geregelten Heimlebens: Arbeitseinsätze in Land- und Hauswirtschaft mehrmals wöchentlich, Disziplin und Unterordnung als Erziehungsziele, körperliche Strafen und Gruppenstrafen zur Durchsetzung von Anordnungen, Einsamkeit, Gruppenzwang - und daraus resultierend Bettnässerei. Einmal wurde Wolfgang Bahr gezwungen, das eigene Erbrochene aufzuessen. „Ich aß sehr gern Linsen mit Seidenwürstchen und Spätzle, aber an diesem Tag war mir schlecht, und ich übergab mich. Da setzte mich die Haupterzieherin an einen Einzeltisch, so lange, bis ich alles aufgegessen hätte. Danach habe ich jahrzehntelang keine Seidenwürstchen mehr herunterbekommen.“
„Wir dachten, sie hatten ein schönes Leben“
Jahre später berichtete Wolfgang Bahr im Projektkreis der Karlshöhe, den er selbst mit initiiert hat, über dieses Erlebnis. Seine ehemaligen Erzieher, junge, unausgebildete Leute von 18, 19 Jahren, reagierten entsetzt: „Niemals habe ich so etwas persönlich miterlebt, und bis ich es hörte, habe ich mir nicht einmal vorstellen können, dass so etwas geschehen sein könnte“, beteuerte einer von ihnen. Betroffenheit und Traurigkeit unter den damaligen Erziehern, die unter schwierigen Bedingungen vielfach versuchten, ihr Bestes zu tun, sind groß. „Wir dachten, wir retten diese Kinder, ermöglichen ihnen ein Aufwachsen ohne den schwierigen Einfluss der Eltern, unabhängig auch von der Entwicklung des Bruders beispielsweise im Falle Bahrs. Wir dachten, sie hatten ein schönes Leben, schöner, als manche von uns aufgewachsen waren. Doch heute sehen wir schwarze Wolken von Einsamkeit, ein geheimes Leben, eine ganz andere Welt. Diese Kluft ist erschreckend.“
Mit der Sicht und Situation der Erzieher beschäftigt sich der Runde Tisch in Berlin an diesem Donnerstag und Freitag. Die Berichte aus ihrer Welt werden absehbar ein anderes Licht auf die Ereignisse von damals werfen.