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Haynstraße 1, Hamburg : Hausbesetzer mit grauen Haaren

Mieter Reinhard Barth: „Wir haben einen gültigen Mietvertrag” Bild: F.A.Z. / Holde Schneider

Eine Hamburger Mietergemeinschaft will seit Jahrzehnten die Welt verbessern. Generationen von Protestlern lebten in der Haynstraße 1. „Es ist ein Privileg, in diesem Haus aufgewachsen zu sein“, sagt einer. Doch die Zeit der Räumungsklagen ist noch nicht vorbei.

          Hausbesetzer? Reinhard Barth zieht eine Augenbraue hoch und presst die Lippen zusammen. Dieses Wort, er kann es nicht mehr hören. Im halboffenen Hemd und ausgewaschener Jeans, die Füße auf das grüne Sofa gelegt, sitzt der Vierundsechzigjährige da. Immer wieder schaut er aus dem Fenster, in den Garten, dorthin, wo der Dinosaurier mit offenem Maul steht. Barth hat ihn vor Jahren selbst gebaut, aus Hemden, Holz und Maschendrahtzaun. Der Dinosaurier trägt den Namen „Spekulantenfresser“. Längst ist er zu einem Symbol geworden, zu einer Mahnung: Ihr da draußen, passt gut auf! Wir werden nicht weichen!

          Reinhard Barth kratzt sich am Kopf. „Nun“, sagt er schließlich trotzig, „wir haben einen gültigen Mietvertrag.“ Punkt. Amtsgerichte, Landgerichte, Oberlandesgerichte, zuletzt der Bundesgerichtshof haben das in den vergangenen Jahrzehnten bestätigt. Die Richter haben Klagen zurückgewiesen von Investoren, die mit dem Haus an der Haynstraße 1 in Hamburg-Eppendorf möglichst schnell möglichst viel Geld verdienen und die Mieter deshalb raus haben wollten aus den Wohnungen. Anfang der Siebziger wollten sie das Haus sogar abreißen und an seine Stelle einen Gelbklinkerbau setzen, weil sich Spekulanten davon mehr Gewinn versprachen. „Jeder dachte doch: Die Leute im Haus kriegen wir schon klein.“

          „Kann man das einfach so abreißen?“

          Barth ist vom Sofa aufgestanden, hat sich Schlappen angezogen, ist durch das nasse Gras im Garten gestapft und steht nun vor dem Jugendstilhaus von 1912. „Kann man das einfach so abreißen?“ Dieses zweiflügelige Eckhaus mit vielen Erkern, vier Etagen, hohen Stuckdecken, mehr als 20 Wohnungen und beinahe 3000 Quadratmeter Wohnfläche?

          Barth ist so etwas wie der ideologische Anführer einer Gemeinschaft, die für den Erhalt des Hauses und für ein besseres Miteinander kämpft. Die meisten von ihnen waren Studenten, als der Kampf begann. Aufgeteilt in Trotzkisten, Leninisten und Maoisten, vereint in der Suche nach ein bisschen Freiheit, der Sehnsucht nach einer großen Wohnung mit Platz für viele Mitbewohner und dem Wunsch, das Elternhaus endlich hinter sich zu lassen. Sie haben eine Satzung verabschiedet. Darin stehen Worte wie „Rücksichtnahme“, „Solidarität“, „Achtung“ und „soziales Verhalten“. Die Satzung ist mehr als 30 Jahre alt, noch immer hält sie die Leute im Haus zusammen. Wer sich nicht an die Regeln hält, muss ausziehen.

          Schon immer anders gewesen

          Die Schriften des Widerstands der Mietergemeinschaft an der Haynstraße liegen im ehemaligen Luftschutzkeller. „Eine Zeitlang war ich sicher so etwas wie ein Berufsmieter“, sagt Barth und kramt große Transparente hervor, auf denen steht: „Vorsicht bissige Mieter“. Oder: „Du sollst nicht begehren Deines nächsten Wohnung“. Daneben stapeln sich Flugblätter und Plakate. Es ist einiges zusammengekommen in den vergangenen Jahrzehnten. Die Gemeinschaft gründete auch einen Mieterverein, der heute mehr als 18.000 Mitglieder hat.

          August Höners hatte schon Schilder des Protests in den Händen, als er noch gar nicht lesen konnte. Heute sitzt der Zwanzigjährige an einem Tisch in der Wohnung seiner Eltern und hat die Schirmmütze tief ins Gesicht gezogen. Jeder im Haus habe mal auf ihn aufgepasst, als er klein war. Die Leute im Haus seien schon immer anders gewesen als die Nachbarn in der Straße. „Es ist ein Privileg, in diesem Haus aufgewachsen zu sein.“

          „Wahnsinn, oder?“

          Ein einfaches Papier, 23 Paragraphen auf acht Seiten, eng beschrieben mit einer Schreibmaschine im Jahr 1975, ist das Fundament der Mietergemeinschaft an der Haynstraße 1. Bernd Vetter hat sich den Mietvertrag ausgedacht, er hat nächtelang Paragraphen gewälzt, formuliert und umformuliert. Vetter steckte damals noch mitten in seinem Jurastudium, heute ist er Anwalt, Schwerpunkt Mietrecht. In seinem Büro in der Nähe des Hauptbahnhofs reihen sich die Dokumente der Prozesse. Mehr als 100 Ordner mit Kündigungen und Gerichtsurteilen, Klageabweisungen und Berufungen. Der Mietvertrag hat bislang allem standgehalten.

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