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Haute-Couture-Schauen in Paris Im Osten geht der Luxus auf

 ·  Die Haute Couture blüht und gedeiht - und gibt sich manchmal allzu sehr der neuen Kundin aus dem Orient hin.

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Musikwünsche könne jeder äußern, ruft Jamie Cullum am späten Dienstagabend beim Louis-Vuitton-Dinner, als nur noch Craquant au chocolat und Walderdbeeren vor den Gästen im Ritz liegen. Man müsse sie nur auf Geldscheine oder Schlüpfer schreiben, witzelt der britische Pianist, der seinen Flügel gerne mit allen vieren bearbeitet. Da lachen die 200 ziemlich besten Freunde des Hauses, zu denen auch Catherine Deneuve und Sofia Coppola zählen - und verlassen dennoch während der schönen Show scharenweise das Essen im abgedeckten Pool des Fünf-Sterne-Hauses an der Place Vendôme. Sie gehen in den Garten, um zu - rauchen.

Ja, die Welt ist böse, die Mode zynisch. Wem ist schon eine Mädchenzigarette mit Menthol lieber als der Schmachtfetzen „Under my Skin“? Leider den meisten. Denn neben der Halbhochkultur und den Freuden an einem Barsch an Rosmarin müssen ungeduldige Modegäste in Paris vor allem über Gebühr unterhalten werden. Da hilft die Eröffnung des ersten Louis-Vuitton-Geschäfts nur für Uhren und Schmuck gleich nebenan, wo Juniorchef Antoine Arnault, Supermodel Natalia Vodianova an der einen Hand, die Gäste mit der anderen Hand persönlich begrüßt. Aber am allerbesten eignet sich dazu natürlich ein Champagner an, wenn’s sein muss, Menthol.

30.000-Euro-Kleider als Antwort auf viele Fragen

Die Schauen selbst müssen die Massen nicht über alle Maßen rocken wie beim Prêt-à-porter. Vielmehr soll die Haute Couture die Happy Few in ihrer Gewissheit befestigen, dass die Krise an ihnen vorbeizieht, dass 30.000-Euro-Kleider die Antwort auf viele Fragen sind, dass handgenähte Stufenvolants im Kampf gegen die Verflachung der Mode helfen. Der Luxus breitete sich seit Sonntag und bis zum Donnerstag bei rund 20 Defilees und Dutzenden weiteren Mode- und Schmuck-Präsentationen aufs schönste aus. In Zeiten, in denen andere Europäer schon wieder am nötigsten sparen, kleidet sich an der Place Vendôme und an der Avenue Montaigne die Verschwendungssucht in Schönheitssinn.

Das kann zu bezeichnenden Szenen führen. Vor dem Hotel de Crillon. Ein amerikanischer Modejournalist zu zwei schönen jungen Frauen aus dem Mittleren Osten: „Hey, was macht ihr denn hier so?“ - „Einkaufen!“ - „Für wen?“ - „Für uns!“ Und schon schluckt eine schwarze Limousine die beiden Schönen aus dem Orient. Und der Journalist, der noch immer auf eine Festanstellung hofft, trottet zur Metro.

Die Couture wird zelebriert wie ein Kulturgut. Am schönsten sieht man es bei den beiden Großen. Die Premiere von Raf Simons bei Dior wurde wie ein Staatsakt begangen. Chanel, die zweite wichtige Couture-Marke, gibt sich ebenso exklusiv. Karl Lagerfeld sendet durch seinen Rückgriff auf Coco-Chanel-Klassiker vom zart karierten Bouclé-Kostüm bis zum Tüllkleid mit hängender Taille im Stil der Zwanziger die Botschaft aus: Ich mache das hier bei Chanel seit 30 Jahren, in einen Wettkampf mit Dior um den modernsten Look lasse ich mich nicht ein. Nach der Schau beschwört er die ewige Wiederkehr des Gleichen, wie sie in Grillparzers „Des Meeres und der Liebe Wellen“ ja auch schon versinnbildlicht sei. Das passt zum Chanel-Motto: „New Vintage“.

Weg von den Neonfarben, hin zu Pastelltönen

Die Couture ist eben auch eine Anti-Mode. Was hier auf den Laufsteg kommt, wird den reichen Damen aus Kalifornien, Kasachstan und Kuweit als handgemachte Einzelanfertigung diskret auf den Körper geschneidert. Zwar erkennt man die großen Prêt-à-porter-Trends: weg von den Neonfarben des Sommers, hin zu Pastelltönen wie Rosé und Bleu; Cape-Kleider ähnlich der weißen Oscar-Robe von Tom Ford für Gwyneth Paltrow; weich fallende Hosen mit weitem Schlag; und eine weiterhin große Liebe zu „peplums“, den Schößchenvolants, die kaum einer Frau schmeicheln, außer natürlich den Models.

Aber bei der Couture ist nicht der Trend wichtig, sondern die Einzelkundin. Das sieht man bei Stéphane Rolland. Er liest den Damen im Publikum, viele von ihnen aus dem Mittleren Osten, die Wünsche von den aufgeplusterten Lippen ab. Und sie mögen das natürlich. Eine arabische Stylistin erzählt, dass man den französischen Modemacher bei einer Feier in Arabien sogar mal nachts um drei Uhr in Paris angerufen habe wegen eines Details an einem Entwurf - und er habe alles freundlich erläutert.

Wunsch nach Selbstbestimmung in autoritären Systemen

Natürlich sind die wallenden Kleider des soften Designers, dem der Schrägschnitt das größte Experiment und der Federbesatz ein Muss ist, in europäischen Augen Kitsch. Aber aus Sicht einer nicht so protestantischen Ästhetik scheinen sie eine Offenbarung zu sein - und symbolisieren den Wunsch nach Selbstbestimmung in autoritären Systemen. Der farbliche Überschwang und das skulpturale Surplus zeigen eine dramatische Überhöhung des Kleidungsstücks zum Fetisch der Freiheit. Die Mode nimmt vorweg, dass in Saudi-Arabien bald nicht nur Kleiderordnungen durcheinander geraten werden.

Der sagenhafte Aufstieg der Couture verdankt sich dem Fernen noch stärker als dem Mittleren Osten; in den Schauen sitzen mehr Chinesinnen als Deutsche. Donatella Versace ist wieder in Paris mit einer frischen Atelier-Kollektion und war schon auf „road show“ in China. Auch Dolce & Gabbana werden sich in der Maßschneiderei versuchen und beginnen damit ausgerechnet in Sizilien. Dior hat wegen des Booms die Stickerei Maison Vermont gekauft. Chanel hat schon insgesamt acht Werkstätten übernommen, die den Näherinnen in der Rue Cambon zuliefern. Valentino schwärmt von hohen zweistelligen Umsatzzuwächsen. Givenchy zeigt Selbstbewusstsein mit einer grafisch bestimmten und doch phantasievollen Kollektion. Und Jean Paul Gaultier veranstaltet im Herbst eine Couture-Schau in Cali in Kolumbien, um den nächsten luxushungrigen Kontinent zu erobern.

Deutschland soll draußen bleiben

Deutschland hingegen baut ab. Bei der Schau der Armani-Linie Privé - einem starken Auftritt in sanften Farben - war von mehr als 100 Erste-Reihe-Plätzen nur einer für eine Deutsche (Christiane Arp von der „Vogue“) reserviert. Die wichtigsten deutschen Fotografen hatten Probleme, in die Chanel-Schau zu gelangen. Bei Dior waren die gerade einmal sieben zugelassenen deutschen Gäste in die zweite Schau verbannt - da waren Sharon Stone und Charlène von Monaco schon wieder fort. Exklusiv heißt eben auch, dass die meisten draußen bleiben müssen - und offenbar im Fall der Deutschen auch sollen.

Dem Wunsch können wir entsprechen: Wir kommen zum Ende. Nur drei neue Hoffnungen der alten Kunst müssen noch erwähnt werden. Die Niederländerin Iris van Herpen entwickelt mit ihren technoid-biomorphen Skulpturenkleidern Viktor & Rolf zeitgenössisch weiter. Nachwuchsstar Alexandre Vauthier schafft es, mit wunderschön drapierten und raffiniert geschnittenen weißen Kleidern samt Goldschmuck die Couture auch mal ästhetisch nach vorne zu bringen. Und Giambattista Valli schmeichelt den Frauen mit phantastischen Abendkleidern, die trotz Rüschen und Macramés keine Spur kitschig wirken. Auch Elisabeth von Thurn und Taxis, als Tochter von Gloria und Kolumnistin der amerikanischen „Vogue“ gleich doppelt qualifiziert, ist als Fan und Freundin des italienischen Designers in der Schau. Tags darauf wird sie übrigens im Garten des Ritz passend zum Anlass ein schulterfreies Louis-Vuitton-Cocktailkleid tragen und eine güldene Kette mit großen Tierfiguren von ihrer Mutter aus den Achtzigern. New Vintage sozusagen. Und da sage noch einer, Deutsche gehörten in die zweite Reihe des Stils!

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