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Hausnotruf Der rote Knopf gegen Einsamkeit

Nicht immer, wenn bei Hausnotruf-Disponent Mirko Lehmann ein Alarm aufleuchtet, handelt es sich um einen medizinischen Notfall. Oft nutzen einsame Menschen das Notrufsystem, um ein wenig Zuspruch zu bekommen.

© initiative-hausnotruf.de Vergrößern „Nur versehentlich den Knopf gedrückt”: Viele Hausnotrufe sozialer Art sind gut getarnt

Aus dem PC-Lautsprecher dringt eine Sirene. Auf dem Bildschirm taucht der Name eines älteren Manns auf, seine Adresse, seine Vorerkrankungen, der Name seines Hausarztes. Mirko Lehmann reagiert sofort und spricht ihn persönlich an: „Guten Tag, Herr Müller, hier ist der Arbeiter-Samariter-Bund. Wie geht es Ihnen?“ Eine Stimme: „Ich bin an den Knopf gestoßen. Meine Frau ist noch im Krankenhaus.“ Lehmann verabschiedet sich und wünscht einen schönen Tag.

Den Hausnotruf speichert der Disponent des Arbeiter-Samariter-Bundes Mittelhessen als Fehlbedienung ab, bei dem keine Maßnahme erforderlich war. Der alte Mann kann unabsichtlich an seinen Alarmknopf gekommen sein. Oder aber es war wieder einmal ein Ruf nach Gesellschaft und Aufmerksamkeit.

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Etwa jeder dritte Ruf ist sozialer Art

Für einsame Menschen ist das Hausnotrufgerät eine einfache Möglichkeit zu kommunizieren. „Etwa jeder dritte Anruf ist sozialer Art, beispielsweise aus Einsamkeit“, sagt Michael Schnepel vom Bundesverband Hausnotruf, in dem sich die Hausnotrufsektionen der großen Wohlfahrtsorganisationen zusammengeschlossen haben. Sie betreuen rund eine halbe Million Kunden in ganz Deutschland, schicken Helfer, wenn jemand gestürzt ist, oder den Rettungsdienst bei Verletzungen. So ist auch für ältere Alleinstehende ein Leben in den eigenen vier Wänden möglich.

Bild - Disponenten der Hausnotrufzentrale des Arbeiter Samariter Bundes Mittelhessen © Marcus Kaufhold Vergrößern Mit Rufen von Einsamen vertraut: Hausnotruf-Disponent Mirko Lehmann

„Sie möchten niemandem zur Last fallen“, sagt Schnepel. „Daher ist ein sozialer Ruf oft gut getarnt: Der Kunde drückt den Knopf und entschuldigt sich zunächst, dass er das nicht absichtlich getan hat. Dann beginnt er aber ein Gespräch.“ Mirko Lehmann, der mit bis zu vier Kollegen von Offenbach aus tagsüber rund 7800 Hausnotrufkunden in Mittelhessen betreut, hat schon kuriose Sachen erlebt: „Morgens drücken manche Kunden, um zu sagen, dass sie heute die gelbe Bluse anziehen.“

Hausnotruf statt Besuchsdienst

Die Notrufe der Einsamen werden auf Dauer unüberhörbar. „Vor allem an Weihnachten und Ostern lösen Menschen, die sich einsam fühlen, einen Alarm aus“, sagt Josef Jindra von der Johanniter Unfallhilfe Bayern. „Da wird dann direkt geäußert: Ich bin alleine. Aber es gibt auch im Alltag Alarme. Und wenn kein anderer Notruf auf der Leitung ist, nehmen wir uns schon Zeit für den Kunden.“

Das Hausnotrufgerät ersetzt so manchem älteren Menschen Besuchs- oder Begleitdienste. Asta Boruseviciute von den Maltesern Hamburg vermutet: „In der Öffentlichkeit sagen die Leute: ,Ich will mich sicher fühlen und habe deshalb den Hausnotruf.‘ Aber andererseits erfährt so niemand, dass man drückt, wenn man Gesellschaft braucht.“ Vor einem Besuchsdienst, glaubt sie, schreckten manche zurück, weil die Nachbarn dann sähen, dass man sich Gesellschaft ins Haus bestellt.

Treffen Helfer ein, bekommen sie Süßigkeiten

Manchmal fordern Alleinlebende unter Vorwänden auch Helfer an. „Ein paar Mal im Jahr löst bei uns ein Kunde aus, da wissen wir schon vom Namen, dass er einsam ist“, sagt Nicole Höbbel, Teamleiterin der Johanniter-Hausnotrufzentrale in Berlin. „Treffen dann die Kollegen ein, freut er sich und gibt ihnen mit Süßigkeiten.“

Die Mitarbeiter der Hausnotrufzentralen nehmen soziale Hausnotrufe genauso ernst wie medizinische Notfälle. Doch immer wieder kommen sie dadurch zeitlich in Schwierigkeiten: „Nach fünf bis sechs Minuten Gespräch über das Alarmsystem ist Schluss“, sagt Lehmann. Die Disponenten können nicht eine Viertelstunde einen sozialen Ruf beantworten, weil sie damit wichtige Hausnotrufe blockieren würden. „Wenn die Leute länger reden wollen, rufen wir sie auf ihrem Telefon zurück.“ Sein längstes Gespräch dauerte eine Dreiviertelstunde. „Langfristig muss man überlegen, wie man parallel zum bestehenden System der Annahme von Notrufen ein System für psychosoziale Rufe einrichten kann“, meint dazu Michael Schnepel. „Das kann ein telefonisches Beratungssystem sein, das beispielsweise in Freiwilligenarbeit geführt wird.“ Bei den Johannitern in Bayern und dem Arbeiter-Samariter-Bund Mittelhessen möchte man einzelne Kundengruppen nun anrufen und ihnen Gesprächsangebote machen.

Lehmann hilft Einsamen schon mal auf die Toilette

„Die Qualität eines Hausnotrufanbieters wird in Zukunft auch danach beurteilt werden, wie er mit solchen sozialen Rufen umgeht“, sagt Schnepel. „Künftig werden die gewohnten Familiensysteme nicht mehr greifen. In einer alternden Gesellschaft wird es mehr einsame Menschen geben, denen wir gerecht werden müssen.“

Hausnotruf-Disponent Lehmann hat schon mit konkreten Folgen der Einsamkeit älterer Menschen zu tun. Und das mitunter in ganz privaten Situationen: „Manche Kunden muss man sogar aus der Ferne auf die Toilette begleiten. Obwohl ich die Wohnung nie persönlich gesehen habe, weiß ich nach ein paar Anrufen, wo die Toilette sich befindet.“

Quelle: F.A.Z.

 
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