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Hauseinsturz in Rio Ein paar Fenster zu viel im Edificio

02.02.2012 ·  Missachtete Bauvorschriften, Schlamperei am Bau und Korruption waren die Ursachen für den Einsturz dreier Bürohäuser im Zentrum von Rio de Janeiro. Das Unglück könnte sich jederzeit wiederholen.

Von Josef Oehrlein, Buenos Aires
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Eine Naturkatastrophe war es jedenfalls nicht. Die Ursachen für den Einsturz dreier Bürohäuser mitten in Rio de Janeiro heißen Missachtung von Bauvorschriften, Schlamperei und Korruption. In das größte Haus, das Edifício Liberdade mit 20 Stockwerken, waren in eine anfangs fensterlose Wand im Lauf der Zeit zahlreiche Fenster eingebaut worden, wie ein Foto-Vergleich jetzt zeigt. Kurz vor dem Einsturz hatte ein Unternehmen im dritten Stock für einen Großraum Wände herausgerissen. Auch im neunten Stock wurde eifrig gebaut. Ein Todesopfer fanden die Suchmannschaften in einem Kellerraum, den es auf keinem Bauplan gab. Das „Liberdade“ riss beim Einsturz ein Nachbarhochhaus von zehn Stockwerken und ein kleineres Gebäude mit. Dabei kamen 17 Personen ums Leben, fünf werden noch vermisst, sechs erlitten Verletzungen.

Für kleine und nicht so kleine Veränderungen in Gebäuden fragt in Brasilien kein Mensch den Ingenieur oder Architekten – weil es billiger ist. Der Umbau im Liberdade-Hochhaus, das stellte sich nach der Katastrophe heraus, geht auf eine Mitarbeiterin der betreffenden Unternehmensverwaltung zurück, die vom Bauen keine Ahnung hat. Genehmigungen sind nicht nötig, und es fühlt sich auch keine Behörde für die Aufsicht zuständig. Der Verband der Architekten und Ingenieure von Rio hat bei jedem fünften von fast 30000 stichprobenartig überprüften Bauvorhaben in Gebäuden Unregelmäßigkeiten aufgedeckt.

Bei der Genehmigung ein Auge zugedrückt

Oft wird selbst da gebaut, wo gar nicht gebaut werden dürfte. Fast immer gibt es einen Gemeinderat, einen Abgeordneten oder eine Behörde, die eine Ansiedlung in einem Risikogebiet verteidigen, und einen Bürgermeister, der ein Auge zudrückt, um sich politische Unterstützung zu sichern. Die Folgen traten vor einem Jahr besonders drastisch zutage, als im bergigen Hinterland Rios nach starkem Regen Erdrutsche ganze Siedlungen mit sich rissen. Dabei kamen insgesamt 900 Menschen ums Leben.

Fachleute wollen sich gar nicht erst ausmalen, wie Brasilien dasteht, wenn so etwas bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 oder den Olympischen Spielen 2016 passiert. Bürokratie, Schlendrian und politische Ränkespiele, vor allem aber der Krake der Korruption haben den Bau einer ganzen Reihe von Projekten für die sportlichen Großereignisse verzögert – einige von ihnen werden vermutlich nur dann noch rechtzeitig fertig, wenn man Vorschriften missachtet und nachlässig arbeitet. An Gesetzen und Bauvorschriften mangelt es in Brasilien nicht, aber sie werden großzügig ausgelegt oder gar nicht erst befolgt. Potentielles Bauland zur Risikozone zu erklären und die Errichtung von Häusern zu untersagen kostet einen Politiker Sympathien und vor allem Wählerstimmen. Also denkt er nicht an Prävention, sondern lässt bauen und hofft, dass nichts passiert. Wenn doch etwas passiert, rufen alle nach besserem Katastrophenschutz. Doch Prevenção, Vorsorge, ist in Brasilien noch immer ein Fremdwort.

Verantwortungslosigkeit, Pfusch und Korruption

„Das nächste Loch wird gestopft, aber eine grundlegende Lösung wird aufgeschoben.“ So beschreibt es die deutsche Expertin Christina Bollin. Sie kennt Brasilien und Lateinamerika gut und hat auch in anderen Weltregionen an Projekten zur Katastrophenprävention mitgearbeitet. Brasilien lerne nichts aus den wiederkehrenden Katastrophen. Dabei sei es schon allein volkswirtschaftlich besser, Siedlungen an einem gefährdeten Hang zu verhindern, als nach einer Katastrophe Hilfe zu leisten und den Wiederaufbau zu bewerkstelligen. Die brasilianische Bundesregierung hat in den vergangenen Jahren fünfmal mehr für Katastrophenhilfe und Wiederaufbau ausgegeben als für Prävention. Allerdings: Während noch vor einigen Jahren die Bevölkerung Katastrophen als „gottgewollt“ hinnahm, berichten die brasilianischen Medien jetzt immer häufiger über die wahren Ursachen – nämlich über die Verantwortungslosigkeit von Unternehmern und Politikern, über Pfusch und Korruption.

In Brasilien ist der Katastrophenschutz noch immer zentral in den großen Städten organisiert. Wenn anderswo etwas passiert, dauert es lange, bis Hilfe kommt. Die Tendenz gehe aber überall zur Dezentralisierung, sagt Christina Bollin. Selbst in den kleinsten Orten soll es ausreichend ausgebildete Rettungskräfte geben, die wissen, was im Katastrophenfall zu tun ist, und die technischen Anlagen und Geräte instand halten. Das klappt inzwischen in einigen Ländern gut, wie Christina Bollin zu berichten weiß, selbst in solchen, auf die Brasilien als aufstrebende Wirtschaftsmacht manchmal gern herabschaut. Als Beispiel führt die Katastrophenschutz-Fachfrau Moçambique an. Dort habe man in den vergangenen Jahren viel gelernt. Nach schlimmen Überschwemmungen wurden mit deutscher Beratung neue Institutionen und Frühwarnsysteme geschaffen, und Hilfseinheiten gibt es inzwischen auch im kleinsten Dorf. Brasilianische Fachleute, die sich in dem afrikanischen Land darüber informierten, sagt Christina Bollin, seien tief beeindruckt gewesen.

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Jahrgang 1949, politischer Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in Buenos Aires.

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