Home
http://www.faz.net/-gum-15tbi
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Sonntag, 12. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Hartz IV Für ein paar Euro mehr

16.03.2010 ·  Kathrin S. arbeitet, Jessica L. nicht. Die eine hat ein Kind, die andere fünf. Beide leben getrennt. Die arbeitende Friseurin kommt auf Einkünfte in Höhe von 1214 Euro, die fünffache Mutter wird mit 2630 Euro alimentiert. Katrin Hummel sprach mit beiden über Arbeit und Arbeitslosigkeit.

Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (41)

Kathrin S. ist alleinerziehend mit einem Kind und arbeitet als Friseurin. Jessica L. kümmert sich allein um fünf Kinder und arbeitet nicht. Kathrin S. hat nach Abzug der Miete 614 Euro zum Leben, Jessica L. bekommt 2630 Euro Unterstützung, wovon ihr 1763 Euro zum Leben bleiben. Es sei nicht so, dass sie nicht arbeiten wolle, aber sie finde nichts, sagt Jessica L. In zehn Jahren habe sie nicht ein einziges Jobangebot bekommen. Kathrin S. kann sich ein Leben ohne Arbeit und mit Abhängigkeit vom Staat nicht vorstellen.

Frau S., warum sind Sie berufstätig?

Kathrin S.: Erstens macht mir mein Beruf sehr viel Spaß. Das ist meine Berufung. Außerdem gehört für mich Arbeiten einfach dazu. Jeder ist selbst dafür verantwortlich, seinen Lebensunterhalt zu verdienen und seine Familie zu ernähren, wenn er sich für Kinder entscheidet. Es gibt natürlich immer Situationen, in die man reinrutschen kann: Als ich mich von meinem Mann getrennt habe, stand ich auf einmal da und dachte: „Oh Gott, kann ich das finanziell überhaupt alleine schaffen?“ Obwohl ich bis auf zwei Jahre Erziehungsurlaub immer gearbeitet habe. Ich tue mich sehr schwer damit, von irgendwas abhängig zu sein.

Frau L., Sie arbeiten zurzeit nicht. Warum nicht?

Jessica L.: Ich finde nichts. Es ist ja nicht so, dass ich nicht arbeiten wollte. Ich bin in den letzten anderthalb Jahren in sechs verschiedenen Kursen gewesen, von der Arbeitsagentur, wobei ich mir von den ersten wirklich viel versprochen habe. Aber es wird einfach nichts. Die Arbeitgeber sehen, ich habe fünf Kinder, und da wird gar nicht weiter drüber diskutiert, ich werde gar nicht erst zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen.

Was waren das für Kurse?

Jessica L.: Der erste war bei der Volkshochschule, um zu lernen, wie man Kinder und Beruf unter einen Hut bringen kann. Das ist aber für mich kein Problem, weil die Kinder ganztägig betreut sind. Es fehlt einfach nur die passende Stelle. Dabei bin nicht mal wählerisch. Ich würde zwar gerne eine Umschulung machen, aber wenn es nicht geht, dann würde ich auch gerne irgendwo als Kellnerin aushelfen.

Müssen Sie immer sofort den ganzen Lebenslauf angeben, wenn Sie sich als Kellnerin bewerben?

Jessica L.: Wenn ich mich telefonisch bewerbe, sage ich es nicht. Aber spätestens wenn sie die Bewerbungsunterlagen haben wollen, hat sich das erledigt.

Haben Sie den Eindruck, es liegt eher an Ihren Kindern oder daran, dass Sie keine Berufsausbildung haben?

Jessica L.: Beides. Auf jeden Fall sollte man aber Müttern mit vielen Kindern den Berufseinstieg erleichtern. Viele Arbeitgeber denken, dass eine Mutter mit fünf Kindern im Jahr acht Wochen krankfeiert. Das kann eine Mutter mit einem Kind aber ganz genauso.

Hatten Sie schon mal Vorstellungsgespräche, in denen Ihnen das unterstellt wurde?

Jessica L.: Ja, es wurde schon ganz deutlich gefragt, was ich mache, wenn ein Kind krank wird. Ich habe geantwortet, dass es Großeltern oder Bekannte gibt, wo ich die Kinder unterbringen könnte. Aber irgendwie scheint das nicht anzukommen.

Was haben Sie denn für eine Zukunftsperspektive?

Jessica L.: Ich möchte am liebsten eine Umschulung machen als Bürokauffrau, habe jetzt auch endlich das Einverständnis von der Arge bekommen, dass ich die machen kann.

Wie hoch ist Ihr monatliches Netto-Einkommen?

Jessica L.: Ich bekomme 1400 Euro Arbeitslosengeld II und Wohngeld. Dazu kommen 980 Euro Kindergeld und 250 Euro Unterhaltsvorschuss. Macht insgesamt 2630 Euro. Die Warmmiete liegt bei 867 Euro, so dass uns zum Leben 1763 Euro bleiben. Das genügt, aber große Sprünge machen wir nicht. Ich kann die Kinder vernünftig kleiden, und im Sommer fahren wir ganz gerne in den Freizeitpark. Und die Mädchen machen gerade einen Hip-Hop-Kurs. Zuvor haben sie einen Einradkurs gemacht. Die Kosten trägt eine soziale Stiftung. Darüber kann ich die Kinder eventuell auch in einem Sportverein anmelden.

Das hört sich so an, als kämen Sie mit dem Geld aus.

Jessica L.: Ja. Ich kann nicht verstehen, dass sich da jemand drüber beschwert und sagt: Wir kommen gar nicht hin.

Frau S., wie hoch ist Ihr Netto-Einkommen?

Kathrin S.: Im Augenblick komme ich auf knapp 900 Euro für eine 25-Stunden-Woche, plus 184 Euro Kindergeld und 130 Euro Unterhaltsvorschuss. Das macht insgesamt 1214 Euro. Die Miete liegt bei knapp 600 Euro, so dass uns zum Leben 614 Euro bleiben. Damit kommen wir hin, aber man kann eben nichts Großes machen. Man muss sich überlegen: Fährt man in den Urlaub, oder kauft man ein neues Bett oder... Es ist nicht so, dass man etwas sparen kann.

Also wie bei Frau L.

Kathrin S.: Ja.

Jessica L.: Aber es hört sich schon hart an, weil ich denke, sie hat wahrscheinlich nicht mehr, als wenn sie Arbeitslosengeld II bekäme.

Kathrin S.: Hab’ ich auch nicht. Ich liege genau an der Grenze, dass ich nicht in den Leistungsbedarf rutsche.

Jessica L.: Das finde ich dann schon traurig, wenn jemand dafür arbeiten geht. Eigentlich sollten Sie dann auch mehr Geld haben.

Kathrin S.: Das ist mir egal. Ich arbeite lieber und stehe auf meinen eigenen Füßen, als dass ich sage, für das gleiche Geld kann ich die Füße hochlegen.

Jessica L.: So war das jetzt auch nicht gemeint. Aber Sie müssen arbeiten dafür, und dann zu wissen, Sie kriegen nicht mehr als mit Arbeitslosengeld II...

Kathrin S.: Was für mich schwierig ist, ist, dass ich so in einen Topf geschmissen werde mit denen, die gar nicht arbeiten. Man erwartet von mir, dass ich mir eine Stelle suche, wo ich mehr verdiene als jetzt, damit ich nicht durch Arbeitslosengeld II aufstocken muss. Demnächst werde ich also meine Stundenzahl auf 31,5 erhöhen. Wäre das nicht möglich gewesen, hätte man von mir erwartet, dass ich mir eine Stelle suche, wo ich mehr verdiene. Oder dass ich mir noch eine Nebentätigkeit suche auf 400-Euro-Basis. Man hätte mich getriezt, weil ich ja noch Kapazität gehabt hätte. Als noch nicht klar war, dass ich meine Stundenzahl erhöhen konnte, musste ich Bewerbungen schreiben, ich musste alle 14 Tage zum Arbeitsamt rennen und mich erniedrigen lassen. Und das macht mich richtig fuchsig.

Frau L., müssen Sie auch alle vierzehn Tage Bewerbungen schreiben?

Jessica L.: Im Schnitt schreibe ich fünf bis zehn Bewerbungen im Monat. Ich bekomme jede Woche meine Stellenangebote, worauf ich mich zu bewerben habe, sei es als Raumpflegerin oder für alles eigentlich.

Verliert man seine Würde, wenn man Arbeitslosengeld bezieht?

Jessica L.: Nein, das würde ich nicht sagen. Aber mich macht es wahnsinnig, von einem Kurs in den nächsten geschickt zu werden. Es wiederholt sich alles. Seit anderthalb Jahren übe ich fast durchgehend, Bewerbungen zu schreiben. Irgendwann lässt dann die Motivation und die Lust nach.

Hatten Sie wirklich in den letzten zehn Jahren kein einziges Jobangebot?

Jessica L.: Nein.

Guido Westerwelle hat gesagt: „Leute, die arbeiten, sind die Deppen der Nation.“ Finden Sie das auch, Frau S.?

Kathrin S.: Einerseits fühle ich mich überhaupt nicht als Depp, weil ich vor mir selber gerade stehen kann und mich nicht fremdbestimmen lassen muss. Aber andererseits ist man schon manchmal der Depp der Nation, wenn man arbeitet, weil es einfach Menschen gibt, die mit dem Arbeitslosengeld Schindluder treiben. Das ist jetzt nicht persönlich gemeint, sondern pauschalisiert.

Jessica L.: Ich bemühe mich auch, das nicht mehr persönlich zu nehmen, aber es ist schwer, denn selbst wenn man unschuldig ist, wird man mitverurteilt. Das macht mich wahnsinnig. Ich kenne Leute, die haben Kinder im Alter von 15 Jahren und haben sogar als Ehepaar keine Schwierigkeiten, tagelang zu Hause zu sitzen. Das ist schon hart, mit denen in einem Boot zu sitzen. Denn ich mit meinen fünf Kindern versuche echt alles zu tun, um irgendeine Stelle zu kriegen. Aber bis jetzt hat es einfach nicht geklappt.

Zwei Frauen, zwei Lebenswege

Kathrin S., 27, ist Friseurmeisterin. Ihr Vater ist Bäcker im Familienbetrieb, die Mutter Physiotherapeutin. Frau S. lebt von ihrem Mann getrennt und hat eine Tochter, die jeden Tag bis 15.30 Uhr in den Ganztagskindergarten geht.

Jessica L., 29, ist arbeitslos. Ihr Vater ist Straßenbauer, die Mutter, eine gelernte Verkäuferin, arbeitet als Putzfrau. Jessica L. ist geschieden und hat fünf Kinder im Alter von fünf bis zehn Jahren von zwei Vätern. Mit 16 machte Frau L. den Hauptschulabschluss, eine Berufsausbildung hat sie nicht. Mit 18 kam das erste Kind. Seit zehn Jahren bezieht sie Arbeitslosengeld.

Die Fragen stellte Katrin Hummel.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen