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Hamburger Dom Brüder, zur Kirmes, zum Riesenrad!

Sie nennen das größte mobile Riesenrad der Welt ihr eigen, und obwohl sie sich nur dreimal im Jahr auf dem Hamburger Dom sehen, machen sie dort sogar Kommunalpolitik. Ein Besuch auf dem Heiligengeistfeld.

© dpa Vergrößern Seit dem elften Jahrhundert schon gibt es den Hamburger Dom, Norddeutschlands größtes Volksfest

Egon Greger, 75, ist der Schöngeist des Dorfes, stets tipptopp gekleidet, ein Pizzabäcker mit Schlips. Sein Kollege Benno Fabricius, 59, ist so etwas wie der Bürgermeister; ausgestattet mit der Leibesfülle und der Seelenruhe eines Buddhas, thront er über dem Geschehen. Theo Rosenzweig schließlich, 41 und der Dritte im Bunde, gehört das imposanteste Bauwerk im Ort: Er betreibt der Welt größtes mobiles Riesenrad. Gleichzeitig ist er so etwas wie das ökologische Gewissen der Gemeinschaft; er hat 300.000 Euro in eine neue LED-Lichtanlage gesteckt, des Energiesparens wegen.

Die drei Männer sind Schausteller, und schon deshalb ist ihr Dorf kein gewöhnliches; es findet sich immer wieder neu zusammen. Greger, Fabricius und Rosenzweig leben verstreut in der Nähe von Hamburg, dreimal im Jahr aber sind sie jeweils dreißig Tage lang Nachbarn. Ihr Schausteller-Dorf liegt zwischen dem St.-Pauli-Fußballstadion und einem kolossalen Nazibunker, auf der vielleicht deutschlandweit größten innerstädtischen Brachfläche, dem Hamburger Heiligengeistfeld.

120 Mitglieder aus sechs Bundesländern

250 Schausteller bauen hier regelmäßig ihre Buden und Fahrgeschäfte auf. Das heißt dann Dom, seit dem elften Jahrhundert schon, und Dom ist das Synonym für Rummel, Kirmes und Norddeutschlands größtes Volksfest, weil Gaukler und Quacksalber, Handwerker und Händler ihre Jahrmarktgeschäfte einstmals wegen des sprichwörtlich schlechten Hamburger Wetters im damaligen Marien-Dom abhalten durften (der Erzbischof war so gnädig).

19228615 „Wir haben einen langen Atem“: Riesenrad-Betreiber Theo Rosenzweig © Sabina Paries Bilderstrecke 

Die Zeit der Gnadengesuche ist lange vorbei. Fabricius und Greger waren dabei, als sich vor 25 Jahren das „Dorf“ politisch organisieren wollte - in einem eigenständigen SPD-Ortsverein. Der Dom als autonomer Distrikt? In einer strukturkonservativen und kompliziert verästelten Gremienpartei wie der SPD war dies laut Satzung gar nicht möglich: Es gilt das Wohnortprinzip, wenn sich Parteimitglieder in einem Verein zusammentun wollen. Das Heiligengeistfeld jedoch ist Brachland. Das fahrende Volk der Schausteller, obzwar nicht mehr wohnsitzlos, siedelt im Umkreis von fünfzig Kilometern.

Nun gelten die Hamburger Sozialdemokraten unter Parteigenossen schon immer als hanseatisch liberale Sonderlinge. Also erwirkten sie beim Parteivorstand eine Ausnahmeregelung. Neben dem SPD-Ortsverein Aachen, der die in Brüssel tätigen EU-Genossen als Mitglieder führt, ist der SPD-Distrikt Heiligengeistfeld seither bundesweit die einzige Parteigliederung, die 120 Mitglieder aus sechs Bundesländern einsammelt. Der Schausteller-Genosse mit der weitesten Anreise wohnt in Stuttgart.

„Ohne das bisschen Wohnwagen-Romantik kaum zu ertragen“

Fabricius, gelernter Kaufmann aus Lüneburg und Schausteller in fünfter Generation, führt besonnen die Parteigeschäfte. „Die Politiker kommen gerne zu uns“, sagt er und rührt in seinem Tee. „Ein volles Zelt kriegen sie hier frei Haus.“ Vor zwanzig Jahren übernahm er auf dem Dom die „Bauernschänke“, seit sechs Jahren sitzt er dem Ortsverein vor, - oder doch nicht: Er ist Stellvertreter des SPD-Funktionärs Dirk Sielmann. Um Interessenkonflikten vorzubeugen, muss der Schausteller-Distrikt von einem neutralen Außenstehenden geführt werden, und Sielmann ist Geschäftsführer des eher possierlich anmutenden Bundesverbands Deutscher Gartenfreunde. Der Kontrast zur bisweilen abseitigen Welt der Schaustellerei könnte kaum größer sein.

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Die Handzettel am Kassenkabuff des Riesenrads - „Junger Mann zum Mitreisen gesucht“ - sind zwar verschwunden. Aber die Schaustellerei ist auch heute noch keine Branche, die bei der Arbeitsagentur gelistet ist. In das Rummel-Geschäft wird man hineingeboren wie vor hundert Jahren der Großvater von Pizzabäcker Greger. Der war Seemann und segelte im 19. Jahrhundert um Kap Hoorn, heiratete eine Schaustellerwitwe und tingelte fortan mit einer per Muskelkraft betriebenen venezianischen Schiffschaukel zwischen Hannover und Cuxhaven über Land. Der Enkel, Jahrgang 1936, wurde auf dem Rummel geboren. „Für ein Kind“, sagt Greger, „ist es der größte und bunteste Spielplatz der Welt.“

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