Home
http://www.faz.net/-gum-oixs
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Hai-Attacke Die Balance wiederfinden

12.01.2004 ·  Bethany Hamilton surft weiter, obwohl ihr ein Hai einen Arm abriß. Vor zehn Wochen überlebte die 13 Jahre alte Hawaiianerin die Attacke eines fünf Meter langen Tigerhais.

Von Cai Philippsen
Artikel Bilder (5) Lesermeinungen (0)

Es war eine Verwechslung. Haie greifen keine Menschen an, darüber sind sich Meeresbiologen einig. Daß es rund um den Globus jedes Jahr zu wenigen schrecklichen Ausnahmen kommt, ändert an dem Grundsatz nichts. Daß unter den angegriffenen Menschen immer wieder Wellenreiter sind, ist im Beuteschema des Hais begründet. Aus der Tiefe gesehen, ist die Silhouette eines an der Wasseroberfläche auf seinem Surfboard liegenden oder sitzenden Wellenreiters für den Hai schwer von einer Robbe oder einer Wasserschildkröte zu unterscheiden.

Opfer dieser Verwechslung war auch die dreizehn Jahre alte Bethany Hamilton. Es war der Morgen des 31. Oktober 2003, Halloween. Tunnels Reef nennen die Surfer die Stelle vor der Küste von Kauai, der nördlichsten der hawaiianischen Inseln. Bethany Hamilton gehörte wie jeden Morgen zur "dawn patrol". Schon vor dem Morgengrauen hatte sich Amerikas wohl talentierteste Nachwuchssurferin auf den Weg gemacht. Im ersten Tageslicht legte sie sich auf ihr Brett und paddelte mit rhythmischen Armzügen, ähnlich dem Kraulschwimmen, hinaus auf den Ozean. Der ablandige Wind, der vom abgekühlten Land am Morgen auf den weiterhin warmen Pazifik wehte, machte die Wellen perfekt.

"Sie war ganz ruhig“

Neben ihrer Freundin Alana Blanchard und deren Vater Holt saß Bethany Hamilton etwa 300 Meter entfernt vom Strand an der Außenseite des Riffs auf ihrem Brett, blickte in Richtung Horizont auf der Suche nach der nächsten Welle. Der vermutlich fünf Meter lange Tigerhai schoß gegen acht Uhr ohne jegliche Vorwarnung durch die Wasseroberfläche, riß der Schülerin den linken Arm direkt unter der Schulter ab, und biß ein Stück, so groß wie ein Computerbildschirm, aus dem glasfaserverstärkten Surfboard. Außer dem dreizehn Jahre alten Mädchen sah niemand den Hai. Es war der vierte Angriff eines Hais auf Hawaii im Jahr 2003, ein Durchschnittswert.

"Sie war ganz ruhig, sie sagte nur: ,Ein Hai hat mich angegriffen.' Es war befremdlich", berichtete Holt Blanchard damals einer Reporterin der "New York Times". Der Neunundvierzigjährige half Bethany Hamilton an den Strand. Mit seiner "Leash", einem Gummiseil, das den Fuß des Surfers mit dem Brett verbindet, schnürte er den Armstumpf ab. Hätte der Vater ihrer besten Freundin weniger geistesgegenwärtig reagiert, wäre die Schülerin wohl am Strand verblutet.

Die Angst verdrängen

Zweieinhalb Monate sind seit diesem Morgen vergangen. Zweieinhalb Monate, in denen die Wunde heilen konnte, in denen sich Bethany Hamilton über einen neuen Lebensentwurf Gedanken machen mußte. Der Traum, als Wettkampfsurferin Geld zu verdienen und um den Globus zu reisen, ist dahin. Sie hatte bereits lukrative Sponsorenverträge, galt als eine der besten einer neuen Generation von Frauen auf dem Surfbrett.

Der Sport der hawaiianischen Könige, fester Bestandteil der Hippiekultur der sechziger und siebziger Jahre, erlebte in den letzten Jahren eine Renaissance. Wellenreiter gehören an den Küsten Amerikas zum Alltag. Ein ganzer Industriezweig stellt Bretter, Neoprenanzüge, Surferbekleidung und Zubehör her. Nicht nur der mehrfache Weltmeister, Kelly Slater, der es dank einer Liaison mit der Baywatch-Schönheit Pamela Anderson bis in die Klatschspalten schaffte, verdient Millionen auf dem Wasser.

Bethany Hamilton wäre Teil dieses Business geworden - und vielleicht wird sie es ja trotz ihrer schweren Verletzung, denn die Dreizehnjährige steht wieder auf dem Surfbrett. Schon wenige Tage nach dem Unfall sprach sie wieder vom Surfen. Am Thanksgiving Day, dem 27. November 2003, war sie mit ihrem Vater wieder auf dem Wasser. Man muß wohl dreizehn Jahre alt sein, eine gehörige Portion amerikanischen Optimismus haben und eine Leidenschaft für diesen Sport, um so schnell die Angst zu verdrängen.

"Manchmal ist es schwierig aufzustehen"

Am Wochenende wurde sie in den Wellen vor Kailua-Kona, Hawaii, Fünfte ihrer Altersklasse, ohne daß die Jury Rücksicht auf ihre Verletzung genommen hätte. Bethany Hamilton paddelt mit nur noch einem Arm durch die Brandung, lenkt das Brett fast wie in alten Tagen geschmeidig hinab ins Wellental. Doch für eine Profikarriere wird es wohl nicht mehr reichen. "Sobald ich auf dem Brett stehe, geht es mir gut", sagte sie. "Aber es ist manchmal schwierig aufzustehen." Der linke Fuß ersetzt den linken Arm, wenn sie Geschwindigkeit aufnimmt, um eine Welle zu erreichen. Manchmal verliert sie bei der Aufstehbewegung auf dem wackeligen Brett, vergleichbar mit einer Liegestütze, noch das Gleichgewicht. Die Balance in ihrem Leben scheint sie erstaunlich schnell wiedergefunden zu haben.

Quelle: @phi, Frankfurter Allgemeine Zeitung
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen