Am Ende war es wieder wie eine Szene aus einem Drehbuch. Berlin, außen, Tag. Ein Mann geht eine Straße entlang. Er wirkt gut gelaunt, er erkundigt sich nach dem Weg. Dann bricht er auf dem Bürgersteig zusammen und ist tot. Herzinfarkt. Der Schauspieler Günther Kaufmann, der jetzt auf diese Weise im Alter von 64 Jahren in Berlin gestorben ist, hat dramatischere Szenen gespielt in seinen Beruf, und zugleich hat er Dinge erlebt, die zu schreiben sich nur sehr gute Drehbuchautoren trauen dürften. 1947 in München geboren, als Sohn eines amerikanischen Soldaten und einer Deutschen, war er „Der weiße Neger vom Hasenbergl“, wie er 2004 seine mit Gabriele Droste verfasste Autobiografie nannte, und es war keine wirklich schöne Zeit, dieses Heranwachsen in den fünfziger Jahren, in einem sogenannten Problemviertel.
Kaufmann ging zur Bundeswehr, machte eine Lehre, jobbte – und wurde Schauspieler, obwohl er zu seinem Entdecker Rainer Werner Fassbinder sagte, er könne überhaupt nicht spielen. Was einer wie Fassbinder gar nicht gelten ließ, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte. Und so spielte Kaufmann in „Götter der Pest“ oder in „Whity“ und in all den anderen frühen Fassbinder-Filmen. Er war Teil der Fassbinder-Familie, und wenn er dann in den siebziger Jahren auch viel Zeit im Fernsehen verbrachte, so war er dann doch immer wieder bei Fassbinder dabei, auch im allerletzten Film, „Querelle“ (1982).
Vergebliche Liebesmüh
Nach dem Tod des Filmemachers versandete, wie bei so vielen aus der „Familie“, auch Kaufmanns Karriere. Er wirkte in Fernsehkrimis wie „Derrick“ mit, zog sich an die Algarve zurück und war nur selten zu sehen. Es gab dann auch später keinen Weg zurück mehr ins große Kino, es waren Rollen als Pater oder als Mafioso im „Schloss am Wörthersee“, es waren eher lustige und derbe Parts als die harten oder leicht melancholischen Rollen bei Fassbinder. Und als man dann das nächste Mal von Günther Kaufmann hörte, da ging es nicht um Komödien und Kino, da ging es um Mord und Justiz. Da wurde er 2002 zu 15 Jahren Haft verurteilt, weil er den Steuerberater ermordet haben sollte, den seine Frau um mehr als eine halbe Million Euro betrogen hatte. Es war ein Mord, den Kaufmann gar nicht begangen, zu dem er sich jedoch bekannt hatte, aus Liebe zu seiner todkranken Frau, die noch vor Prozessbeginn starb. Drei Jahre saß Kaufmann, dann wurden zufällig die wahren Täter gefasst, und es stellte sich heraus, dass einer der Täter auch der Geliebte von Kaufmanns Frau gewesen war.
Wie man so etwas übersteht, welchen Preis man dafür bezahlt, das ist eine Frage, die auch Kaufmanns Autobiografie nicht recht hat beantworten können, und womöglich geht das die Öffentlichkeit ja auch gar nichts an, weil es nun mal kein Drehbuch war, sondern Kaufmanns Leben. Er hat dann in Musicals mitgewirkt nach der Entlassung aus dem Gefängnis, in Bully Herbigs Wickie-Filmen, er gastierte 2009 auch im „Dschungelcamp“, und kürzlich konnte man ihn noch in „Türkisch für Anfänger“ sehen. Seine Stimme dröhnte, sein Lachen dröhnte noch lauter, und es war immer die Frage, wo er das hernahm, diese Vitalität, diese Energie nach dem brutalen Ringkampf mit dem Schicksal. Und wenn es auch schade ist, dass nun wohl aus dem autobiografischen Filmprojekt „Die zweite Garnitur Gottes“ nichts werden wird, es hätte wohl auch dieser Film kaum zu sagen gewusst, was Günther Kaufmann umtrieb.