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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Günter Grass Der „Adler“ fliegt nicht mehr

 ·  Der Gasthof, in dem Günter Grass 1958 debütierte, steht vor dem Aus. Die Wirtsleute wollen nach Südafrika auswandern und auf einer Farm Dinkel anbauen.

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© picture-alliance/ dpa Vergrößern Im Gasthof Adler tagte 1958 die Gruppe 47 und Günter Grass las erstmals aus seinem Roman „Die Blechtrommel“ vor. Die Zukunft des Hauses ist unsicher.

Der kaschubische Gnom Oskar Matzerath, der Held der „Blechtrommel“, ist ein Kind des Allgäus. Als literarische Figur machte Günter Grass die Weltöffentlichkeit mit der Romanfigur in dem Örtchen Großholzleute bekannt. Im Oktober 1958 war die Gruppe 47 im Gasthaus Adler im württembergischen Allgäu zusammengekommen. Organisator Hans Werner Richter soll die Literaten und deren Ehefrauen mit dem Läuten der Kuhglocke zum Schweigen und Zuhören gemahnt haben.

Günter Grass las im Festsaal des Gasthofs das erste und das 34. Kapitel seines Romans vor, einen dicken Stapel Manuskriptseiten auf den Knien. „Zwischen Ruhrgebiet und Polen ist sein Roman angesiedelt, er greift zurück in die vergangenen ,tausend Jahre’, enthält Zeitkritik und ist, soweit das die Proben erkennen ließen, prall von simplizischem und bisweilen auch makabrem Humor“, schrieb Hans Schwab-Felisch in dieser Zeitung über das Schriftstellertreffen.

Marcel-Reich Ranicki, der zu den Zuhörern gehörte, berichtete selbst über sein Leben im Warschauer Getto. Um die abendliche Unterhaltung im Adler nicht zu stören, habe er für seinen Bericht über die Zustände in dem von Nazis besetzten Polen „besonders harmlose Episoden“ gewählt. Über die Grass-Lesung notierte der Literaturkritiker später: „Mir haben die beiden Kapitel gefallen, sie haben mich nahezu begeistert.“

Erfrischung für Maria Theresia in Großholzleute

Die Lesung machte Günter Grass und den Adler, das 500 Jahre alte Landgasthaus in einem Ortsteil von Isny in der Nähe von Ravensburg, schlagartig bekannt. Grass, der später den Literatur-Nobelpreis erhielt, fällt heute zuweilen mit zweifelhaften Gedichten auf. Um das Gasthaus in Großholzleute ist es noch schlechter bestellt. Die Wirtsleute Adelheid Schmid und Stefan Alt wollen bald nach Südafrika auswandern und auf einer Farm Dinkel anbauen. Den Adler bewirtschafteten sie acht Jahre. Sie steckten viel Geld in die Dorfgaststätte, die mit Malereien aus dem 18. Jahrhundert verziert ist. Der wirtschaftliche Erfolg blieb aber aus. Jetzt droht dem Adler die Schließung.

Seit zwei Jahren suchen die Wirtsleute nun schon einen Käufer, doch bisher fand sich niemand. An Zuspruch fehlt es nicht. Der Tübinger Regierungspräsident Hermann Strampfer (CDU) nennt den Adler ein „Juwel“, einen solchen Gasthof gebe es kein zweites Mal im Land. Das lässt sich schon an der Liste der Gäste ablesen. So ließ sich Marie Antoinette hier im Jahr 1770 bewirten. Zwei Jahre zuvor suchte die österreichische Kaiserin Maria Theresia eine Erfrischung in Großholzleute. Und 1525 tagten die aufständischen Bauern im Adler und berieten dort über ihr Vorgehen im Bauernkrieg.

Das Sterben der „Dorfbeiz“

In Deutschland hat die Zahl der Landgasthöfe in den vergangenen zehn Jahren von 48 000 auf 36 000 abgenommen. In Baden-Württemberg nahm die Zahl der Gastronomiebetriebe zwar um 15 Prozent zu. Das kam allerdings fast ausschließlich den Städten zugute. In ländlichen Regionen müssen auch im Südwesten die einfachen Landgasthäuser immer häufiger schließen.

Im Regierungsbezirk Tübingen mit der Schwäbischen Alb, dem Allgäu und Oberschwaben liegen besonders viele Dörfer, die unter der demographischen Entwicklung leiden. Auch ihnen könnte - wie nun Großholzleute - demnächst eine „Dorfbeiz“ fehlen. 60 Gemeinden mit weniger als 5000 Einwohnern fehlt in Baden-Württemberg schon heute ein eigenes Gasthaus. In 4000 Dorfgaststätten steht demnächst ein Generationswechsel an, Ausgang ungewiss. Die Politik hat das Problem „Wirtshaussterben“ kürzlich auch entdeckt. Der Landtagsabgeordnete Paul Locherer (CDU) organisiert eine Veranstaltungsreihe „Rathaus trifft Wirt“. Und beim regional orientierten Radioprogramm SWR4 gibt es eine Sendereihe.

Am liebsten eine Brauerei

Im Dezember verschickte das Regierungspräsidium Tübingen 50 000 Postkarten für einen Ideenwettbewerb. Die Leute sollten einfach ankreuzen, welche Art von Gastwirtschaft sie sich wünschen. „400 Postkarten sind zurückgekommen. Die meisten wollen regionale Gerichte und einen Stammtisch“, sagt Carsten Dehner vom Regierungspräsidium Tübingen. Landgasthäuser seien Orte des Dorflebens und der politischen Willensbildung. Deshalb könne man das Wirtshaussterben nicht einfach hinnehmen.

Für den Adler wird nun ein Investor gesucht. Am besten, sagen die Denkmalschützer, wäre eine Brauerei. Für „Blechtrommel“-Fans, die dort künftig einkehren, wird es sicher dennoch ein „Danziger Goldwasser“ geben.

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