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Großstadtgärten: Grüne Inseln in luftiger Höhe

Der Tribeca Penthouse Garden ist ein Biotop inmitten von Manhattan. © Nikolas Koenig aus dem Buch „Über den Dächern“

Grüne Inseln in luftiger Höhe

Von JUDITH LEMBKE

11.11.2016 · Immer mehr Menschen wohnen in Städten. Doch die Sehnsucht nach dem eigenen Garten bleibt. Gründächer und Dachterrassen können die Lösung sein.

Wenn man Menschen fragt, warum sie aus der Stadt herausgezogen sind und es auf sich nehmen, jeden Tag 40 Kilometer zur Arbeit zu pendeln, jeden zweiten Tag im Stau zu stehen und die nächste Apotheke erst im angrenzenden Landkreis zu finden, sagen sie oft: „Wir wollten einen Garten.“ Die Sehnsucht nach dem Blick ins Grüne durch die Terrassentür, dem Geruch nach feuchter Erde am frühen Morgen und dem sonntäglichen Grillen auf dem Rasen wiegt für viele schwerer als die kilometerlange Reise zur Arbeit.

Wegen steigender Immobilienpreise wird der Traum vom Haus mit eigenem Garten innerhalb der Stadtmauern für die meisten immer unerschwinglicher. Das gilt für Deutschland, aber in noch viel stärkerem Maße für viele andere Länder dieser Welt: Dreieinhalb Milliarden Menschen leben in Städten, Tendenz stark steigend. Die wachsende Bevölkerungsdichte lässt die Grünräume in den Metropolen Asiens, Lateinamerikas und in vielen Industriestaaten schwinden. Doch die Sehnsucht der Menschen bleibt. Einerseits streben sie in die Städte, andererseits haben sie ein ungebrochenes Bedürfnis danach, in grüner Umgebung zu wohnen. Und nicht nur das: Durch dichte Bebauung und hohe Versiegelung wird die Stadt im Sommer zur Hitzehölle. Und wenn es regnet, bleibt das Wasser auf dem Asphalt stehen, weil es nicht abfließen kann.

© Matteo Carassale, Clive Nichols aus dem Buch „Über den Dächern“ Dachterrasse in Mailand und im Londoner Stadtteil Holland Park

All das führt dazu, dass immer mehr Architekten und Stadtplaner aufs Dach steigen. Hoch über der Stadt entstehen lebendige Orte, an denen Kinder spielen, im Freien gefrühstückt und Gemüse gezogen wird. Zwei neue Bücher* zeigen, wie vielfältig die Möglichkeiten sind, sich inmitten eines urbanen Häusermeers eine grüne Oase zu schaffen. Der britische Landschaftsarchitekt Ashley Penn stellt 35 Dachterrassen und Dachgärten vor – von schwebenden Urwäldern bis hin zu minimalistischer Strenge in Schattierungen von Grün, von Sydney über Ho-Chi-Minh-Stadt bis Toronto. Ein großer Teil der gezeigten Beispiele stammt aus den Vereinigten Staaten, viele davon aus New York, aber auch Antwerpen, Mailand und München kommen vor.

Die meisten Gärten und Terrassen sind dabei ein zusätzlicher Wohnraum, das Sahnehäubchen auf einem an sich schon beeindruckenden Haus oder in einmaliger Lage. Der Blick vom „TribecaPenthouse Garden“ geht direkt auf die New Yorker Skyline. Inmitten Manhattans lässt sich im Edelstahlwhirlpool planschen, über Federgras wandeln oder auf einem der Holzdecks entspannen.

© Alexander Herring, Joy von Tiedemann, Joe Fletcher (2) aus dem Buch „Über den Dächern“ Eine Dachterrasse in New York, Dachgarten in Toronto, Kanada, Mill Valley in Kalifornien und Hilgard Garden in Berkeley in Kalifornien

In anderen Fällen steigen die Grünflächen aber auch zu bedeutenden Gestaltungsmerkmalen oder sogar zu wesentlichen Bestandteilen der Architektur auf. Das ist zum Beispiel beim Objekt „Archilabo“ aus Mailand der Fall. In dem Wohn- und Bürogebäude eines Architekten sind die Terrassen über mehrere Etagen verteilt, gestaltet je nach Nutzung als intime Rückzugsräume oder von außen einsehbare Gemeinschaftsflächen.

Grundsätzlich unterscheidet Landschaftsarchitekt Penn zwei Typen, intensive und extensive Gründächer. Die extensiven sind sozusagen die Einsteigerklasse: Sie sind leicht und können relativ einfach auf Bestandsdächer aller Art aufgebracht werden – von der Hütte bis zum Hochhaus. Über mehreren Lagen aus Dachabdichtung, Dämmung, Filtervliesen und Wasserspeichern wird eine dünne Schicht Erdreich oder Pflanzsubstrat gelegt. Allerdings ist die Bepflanzung der extensiven Gründächer auf flachwurzelnde Arten wie Staudengewächse beschränkt. Etwas hermachen können sie trotzdem, wie Penn anhand verschiedener Beispiele zeigt. Sie brauchen wenig Pflege und müssen nicht bewässert werden, bieten aber einen Lebensraum für Vögel und Insekten.

Deutlich mehr Pflege erfordern die intensiven Gründächer. Sie besitzen eine dickere Erd- oder Substratschicht, weswegen auch große Sträucher oder sogar Bäume auf diesen Dächern gepflanzt werden können. Dafür ähneln manche kleinen Dschungeln in der Höhe, mit einer üppigen Vielfalt an Pflanzen und Tieren: Die mit Riesen-Rutenhirse, Goldbartgras und Tautropfengras im Präriestil bepflanzten Wiesen des „Tribeca Penthouse Garden“ sind ein Biotop für Insekten und dienen den Großstadtvögeln als Nahrungsquelle.

© Cordia Schlegelmilch, Paul Warcholm, Albert Vecerka aus dem Buch „Rooftops“ Der Fichtebunker in Berlin, das Guzman Penthouse und das Tribeca Loft in New York

Doch es müssen gar nicht 600 Quadratmeter Grün mit Skyline-Blick sein, um sich eine Oase inmitten der Stadt zu schaffen. Oft genügen nur ein paar Quadratmeter für einen idyllischen Rückzugsort. Der Dachgarten in Holland Park in London wurde nachträglich auf einem historischen Gebäude angelegt, deshalb waren der Platz und die Auswahl an Materialien und Pflanzen beschränkt – der Garten durfte nicht zu schwer werden. Trotzdem hat die Natur mitten in London Einzug gehalten. Gräser wehen im Wind, Bienen summen, und im Frühjahr sorgen bunte Tulpen für Farbtupfer. Dass dieses Dach auch noch Regen aufnimmt und Sommerhitze mildert – geschenkt. Es ist vor allem der perfekte Ort zum Entspannen.

Auch das Buch „Rooftops. Islands in the Sky“, das Mitte November im Taschen Verlag erscheint, nimmt den Leser mit auf eine Reise hoch über die Städte. Allerdings hat Autor Philip Jodidio seinen Blickwinkel weiter gefasst als Ashley Penn: Während der Landschaftsarchitekt einen stärkeren Fokus auf die Bepflanzung der grünen Dächer legt, untersucht Jodidio das belebte Dach als Teil eines architektonischen Gesamtkonzepts. Nicht von ungefähr stammen einige der vorgestellten Beispiele von weltberühmten Architekten wie Frank O. Gehry, Zaha Hadid, Norman Foster oder Shigeru Ban.

© Roland Halbe aus dem Buch „Rooftops“ One Central Park im australischen Sydney

Jodidio zeigt nicht nur Privatgärten, sondern auch die Außenbereiche von Bars, Restaurants, und vorübergehenden Kunstinstallationen. Während Penn in die stillen Oasen in der Höhe entführt, präsentiert Jodidio vor allem die spektakulären Projekte, die in den vergangenen Jahren von Oslo bis Sydney realisiert wurden. Er nimmt uns mit in den berühmten Infinity Pool im Skypark, der 190 Meter über der südostasiatischen Metropole Singapur thront. Der Dachgarten verbindet drei Hoteltürme von jeweils 55 Stockwerken: 3900 Besucher können sich gleichzeitig dort oben aufhalten, unter den 250 Bäumen lustwandeln oder im 50-Meter-Schwimmbecken ihre Bahnen ziehen.

Natürlich fehlt auch der „Bosco Verticale“ nicht, die bewaldeten Hochhaustürme von Studio Boeri in Mailand, die immer genannt werden, wenn es um grüne Architektur geht, weil sie die neben 50.000 Quadratmetern Wohnfläche auch 10.000 Quadratmeter Wald auf auskragenden Balkonen bieten. Das einzige Projekt aus Deutschland ist der „Fichtebunker“ in Berlin: 13 Häuser mit Gärten, die strahlenförmig auf einen 56 Meter hohen Gasometer aus der Kaiserzeit gesetzt wurden, der im Zweiten Weltkrieg als Luftschutzbunker diente.

© Stefano Boeri aus dem Buch „Rooftops“ Bosco Verticale in Mailand

Am Interessantesten sind jedoch auch in diesem Buch die verschwiegenen Rückzugsorte wie zum Beispiel das „Guzman Penthouse“ in Manhattan unweit des Empire State Buildings: Das Architekturbüro Lot-Ek hat sich einer Architektur des Upcyclings, der Wiederverwertung schon gebrauchter Rohstoffe, verschrieben: So verzeichnet die Materialliste für das Projekt auch Lkw-Container, Kühlschränke und Zeitungsautomaten. Mit den ausrangierten Objekten wurde ein Betriebsraum ausgebaut, ihm wurde Schlafraum und Terrasse aufgesetzt. Herausgekommen ist ein Abenteuerspielplatz für eine New Yorker Familie, mit Kinderzimmern voll Stahl und Rost, Hifi-Geräten in ausrangierten Kühlschränken – aber ohne Höhenangst.

*„Über den Dächern. Die schönsten Gärten und Terrassen“ von Ashley Penn, Verlag teNeues, Kempen 2016. „Rooftops. Islands in the Sky“ von Boyoun Kim und Philip Jodidio, Taschen Verlag, Köln 2016.

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 11.11.2016 18:39 Uhr