14.11.2002 · „Last Order“ - in jedem britischen Pub ertönt dieser Ruf um kurz vor 23 Uhr. Bald aber nicht mehr.
Da sieht man mal, wie wichtig den Engländern ihre Pubs sind: Königin Elizabeth II. (76) höchstpersönlich, im vollen Ornat und mit funkelnder Krone auf dem Kopf, kündigte am Mittwoch auf ihrem Thron die Aufhebung der Sperrstunde an: „Meine Regierung wird die festen Öffnungszeiten abschaffen.“ Künftig ertönt also nicht mehr schon kurz vor 23.00 Uhr der gefürchtete Ruf: „Last orders!“
Die Bestimmung, die Touristen seit Jahrzehnten ein Rätsel war, datiert von 1915. Damals wurde sie zur Stärkung der britischen Kriegsanstrengungen eingeführt. Die Pub-Wirte waren nach Auffassung der Regierung geradezu ein „Feind im Innern“: Nicht selten erschienen die Munitionsarbeiter morgens sturztrunken in der Fabrik - so konnte man gegen die Kruppschen Kanonen des Kaisers natürlich nicht ankommen. Deshalb beschloss das Unterhaus: Zapfenstreich um 23.00 Uhr.
Seitdem heißt es über die Engländer, sie säßen in der Kirche und stünden in der Kneipe. Alles ist etwas gehetzt, denn man weiß ja: Um 22.50 Uhr werden die letzten Bestellungen entgegengenommen, um 23.00 Uhr wird der Zapfhahn zugedreht, und bis 23.10 Uhr muss man ausgetrunken haben. Selbst in der Neujahrsnacht bekamen die Pubs nur zwei Stunden Aufschub - um kurz nach 1.00 Uhr stand man auf der Straße.
Polizei war überfordert
„Bei uns machen die Pubs und Restaurants zu, wenn in Rest-Europa die Vorspeise bestellt wird“, klagte die „Times“. Und das blieb auch für die öffentliche Ordnung nicht ohne Folgen: Nach dem letzten Drink wankten überall im Lande ungefähr zur gleichen Zeit Betrunkene auf die Straße - und gingen nicht selten aufeinander los. Die Polizei war dann regelmäßig überfordert, weil sie unmöglich an so vielen sozialen Brennpunkten gleichzeitig sein konnte.
Künftig soll also alles so werden wie auf dem Kontinent, und das ist für das traditionsbewusste England schon etwas Besonderes.
Pubbetreiber sind unzufrieden
Allerdings ist es keineswegs so, dass nun alle Pubwirte jubeln - im Gegenteil. „Ist dies das Ende des großartigen britischen Pubs?“ titelte etwa der „Sunday Express“. Brauerei-Vertreter schätzen, dass in den nächsten zehn Jahren etwa 5.000 Pubs schließen müssen, weil sie die zusätzlichen Kosten nicht aufbringen können. Das Argument lautet: Die Leute werden weiter genauso viel Bier trinken wie bisher - sich dafür aber mehr Zeit nehmen. Das bedeutet, dass die Barkeeper und Schankwirte länger arbeiten und entsprechend bezahlt werden müssen - alles wird also teurer.
So ist über das neue Schankzeiten-Gesetz denn auch jahrelang heftig diskutiert worden. Irgendwie paradox, dass die Entscheidung jetzt von jemandem angekündigt wurde, der kaum wissen dürfte, um was es eigentlich geht: Soweit bekannt, besuchte Königin Elizabeth erst 1998 zum ersten Mal einen Pub. Wer auf eine Runde Freibier gehofft hatte, wurde enttäuscht: Die Queen hat nie Geld bei sich.