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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Graça Machel Die First Lady von Afrika

 ·  Graça Machel ist nicht nur die Frau an der Seite von Nelson Mandela. Keine andere hat wohl mehr für die Rechte von Kindern und Frauen in Afrika getan als sie.

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Sie ist pünktlich. Von afrikanischen First Ladys, selbst wenn sie schon lange aus dem „Amt“ geschieden sind, ist das nicht unbedingt zu erwarten. Nun sitzt Graça Machel geduldig auf der Bühne und wartet. Als dann eigens für sie noch schnell eine Kristallvase mit langstieligen Rosen aufgestellt wird, huscht ein Lächeln über ihr Gesicht. Natürlich freut sie sich über solche Zeichen der Bewunderung, aber viel Wert legt sie darauf nicht.

Graça Machel ist in Daressalam auf der Konferenz der Globalen Allianz für Impfstoffe und Immunisierung (Gavi Alliance) der Stargast. Und sie ist gekommen, obwohl sie nur noch selten auf Reisen geht, weil sie ihren Mann zu Hause im kleinen Ort Qunu in der südafrikanischen Provinz Ostkap nicht allein lassen möchte. Nach Tansania aber ist sie gereist, obwohl Nelson Mandela gesundheitlich angeschlagen ist. „Bei Gavi“, sagt Graça Machel, „war ich von Anfang an dabei. Und wir haben zwar schon Millionen Kinderleben gerettet. Doch solange Hunderttausende noch nicht geimpft sind, mache ich weiter.“

Graça Machel gibt ungern Interviews. Das macht sie gleich nach der Begrüßung noch einmal klar. Auf persönliche Fragen antwortet sie nicht, im Gespräch aber wird sie schnell persönlich. Es war kein gutes Jahr für Südafrika. Das Land schien fast einem Bürgerkrieg nahe, besonders nach dem „Massaker von Marikana“, als 34 streikende Bergarbeiter getötet wurden. Die gebürtige Moçambiquerin spürt die Sehnsucht der Menschen in ihrer zweiten Heimat nach den guten Zeiten unter „Madiba“, wie Nelson Mandela nach seinem Clan-Namen von seinen Landsleuten genannt wird. Mehrfach hat Graça Machel darum in den vergangenen Tagen Auskunft über den Gesundheitszustand ihres Manns gegeben, der in einem Krankenhaus in Pretoria ist. Der 94 Jahre alte ehemalige Staatspräsident Südafrikas litt zunächst unter einer Lungenentzündung, vergangene Woche mussten ihm zudem Gallensteine entfernt werden. Es ist bereits sein dritter Krankenhausaufenthalt in zwei Jahren. Allerdings geht es ihm schon wieder besser, wie Staatspräsident Jacob Zuma gerade mitteilte. Sein Älterwerden schmerze sie, sagte Machel über ihren Mann gegenüber dem südafrikanischen Fernsehsender ENews Central Africa (ENCA). „Man versteht und man weiß, dass es passieren muss.“ Doch miterleben zu müssen, „wie sein Geist und sein Funkeln schwinden“, sei schwer.

„Das ist meine Arbeit“

Machel, die Mandela am Tage seines 80.Geburtstags, dem 18.Juli 1998, heiratete, ist seine dritte Ehefrau. Nicht einmal ein Jahr war sie First Lady Südafrikas - im Juni 1999 trat er zurück. Allerdings ist sie die einzige Frau der Welt, die in zwei Ländern First Lady war: Sie war von 1975 bis zu seinem Tod 1986 mit dem Präsidenten von Moçambique, Samora Machel, verheiratet. Der einstige Freiheitskämpfer, der sein Land in die Unabhängigkeit führte, kam bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Die Umstände sind bis heute nicht genau geklärt, viele vermuten einen Sabotage- oder Racheakt.

Graça Machel stand nie im Schatten zweier großer afrikanischer Führer. Sie verkörpert wie keine zweite Afrikanerin die Emanzipationsbewegung ihres Kontinents. Der Kampf für die Rechte von Frauen, besonders auch von Kindern, treibt sie an. Das sei mehr als eine Leidenschaft von ihr, sagt sie im Gespräch: „Das ist meine Arbeit.“ Als junge Lehrerin entschied sie sich, in die Politik zu gehen. Sie kämpfte in der Befreiungsbewegung ihres Landes, war Parlamentsmitglied, Erziehungs- und Kulturministerin auch nach dem Tod von Samora Machel. Ihren Weg in die Politik habe sie ihrer Mutter und ihren Geschwistern zu verdanken. „Wäre ich wie die Frauen in meinem Dorf geblieben, ich säße heute nicht vor Ihnen.“

Graça Simbine wurde 1945 in Incadine geboren, knapp 200 Kilometer nordöstlich von Moçambiques Hauptstadt Maputo. Ihr Vater starb kurz nach ihrer Geburt. „Die meisten Frauen meines Jahrgangs sind schon tot“, sagt Graça Machel. „Wenn ich in Incadine mit meinen Jugendfreundinnen zusammensitze, würden Sie nicht glauben, dass wir gleich alt sind.“ Das harte Leben auf dem Lande habe sie früh vergreisen lassen.

Millennium-Entwicklungsziel nicht erreicht

Hat sich denn im Vergleich zu damals für Mädchen und Frauen in Afrika etwas verbessert? „Ja und nein“, sagt Graça Machel. Mädchen und Frauen würden heute in allen afrikanischen Ländern besonders gefördert. Die Regierungen versuchten ihr Bestes, dass Mädchen zum Beispiel zur Schule gehen. „Es gibt einen echten Willen. Junge Frauen werden sogar ermutigt, in Männerberufe zu gehen.“ Auch seien einige in Führungspositionen aufgestiegen. Trotzdem gebe es noch immer ein vollkommenes Ungleichgewicht. „Afrika ist der Kontinent, der das Millennium-Entwicklungsziel der Vereinten Nationen, das die Gleichstellung der Geschlechter wenigstens in der Grundschule bis 2015 einfordert, nicht erreicht.“

Schon als Ministerin kämpfte sie für die allgemeine Schulpflicht. In ihrer Amtszeit stiegt die Zahl der Kinder in Moçambique, die eine Grundschule besuchen, von etwa 40 Prozent im Jahr 1975 auf mehr als 90Prozent bei Jungen und knapp 75Prozent bei Mädchen im Jahr 1989. Das Ungleichgewicht ärgert sie. „Wer repräsentiert die Armut, die mangelnde Schulausbildung? Welche Gesichter sehen wir, wenn es um Flüchtlinge und Vertriebene geht? Es sind Mädchen und Frauen.“ Das habe sich bis heute nicht geändert.

Mädchen und Frauen seien zu lange vergessen worden. Als sie ein Kind war, 1948, wurde die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte unterschrieben. Doch es habe noch einmal fast 30Jahre gedauert, bis 1975 in Mexiko-Stadt ein Weltaktionsplan für die Gleichstellung von Frauen beschlossen wurde. Erst 1993 seien die Menschenrechte von Frauen und Mädchen als unveräußerlicher Bestandteil der universellen Menschenrechte im Abschlussdokument der UN-Menschenrechtskonferenz niedergelegt worden. „Wie kann das sein? Wie kann es sein, dass die Müttersterblichkeit noch immer so hoch ist, dass in Afrika noch immer Traditionen vorherrschen, die vor allem Mädchen und Frauen benachteiligen?“

Wer profitiert von Kinderehen?

Graça Machel sieht die Rolle ihrer Geschlechtsgenossinnen durchaus kritisch. „Es ist vielleicht der Patriarch der Familie, ein religiöser Führer oder ein Dorfältester, der auf Traditionen achtet, auf die sich eine Gesellschaft geeinigt hat, weil sie vermeintlich allen nützen. Doch wer bringt Mädchen dazu, ihre Genitalien verstümmeln zu lassen? Die Mütter, die Tanten, die Großmütter, die sagen, es ist in Ordnung. Und sie sagen auch: Schau uns an, wir habe auch mit 14 geheiratet, dann kannst du es auch.“ Wer aber profitiere letztlich von diesen Kinderehen? Alte Männer. Und wer handele solche Ehen aus? Die Männer untereinander. Und es seien ja auch Männer, die vier Frauen heirateten - und eben nicht umgekehrt. Die Frauen akzeptierten es nur, nähmen es als Schicksal hin. „Wir müssen endlich anfangen, die von Männern aufoktroyierten Traditionen zu zerpflücken.“

UN-Generalsekretär Boutros Boutros-Ghali ernannte Graça Machel 1994 zu seiner Sonderberichterstatterin. Fast drei Jahre lang bereiste sie die ganze Welt, um über die Auswirkungen von bewaffneten Konflikten auf Kinder zu berichten. Sie war in Bosnien und Kambodscha, Kolumbien und Ruanda, im Libanon und in Sierra Leone. „Der Schmerz und das Leid waren überall gleich.“ Unvergessen ist ihr ein Erlebnis im Bürgerkriegsland Sierra Leone. In einem Lager traf sie eine Mutter. „Ich sah auf das Kind in ihrem Arm, dann in ihre Augen, und wir wussten beide, dass das Kleine die Nacht nicht überleben würde. Ich ging und brach wenig später in Tränen aus. In dieser Nacht konnte ich nichts essen.“ Mutter und Kind hatten das rettende Lager zu spät erreicht. Auch in einem Lager für palästinensische Flüchtlinge im Libanon war sie: „Die Kinder, die dort geboren wurden, sind heute erwachsen und leben mit ihren Kindern noch immer dort.“ Und in Goma im Osten Kongos seien die Flüchtlingsströme damals so groß gewesen, dass sie sich kaum einen Weg habe bahnen können, und das seien sie 2012 wieder. „Deswegen sage ich, die Dinge haben sich geändert, sie haben sich verbessert, und eben auch nicht.“

Als junge Mutter schon blickte Graça Machel auf ihre Tochter und fragte sich, warum es dieses Kind so viel besser haben sollte als all die anderen in Moçambique. Das trieb sie an. Heute schaut sie auf ihre neun Jahre alte Enkeltochter („wir haben eine wunderbare Beziehung“) und stellt sich die gleiche Frage, denkt dabei aber an die ganz Welt. Sie und Nelson Mandela stehen für ein neues Afrika, wie es in Südafrika gerade wieder in weite Ferne zu rücken scheint. Die demokratischen Strukturen seien da, sagt Graça Machel, doch die Menschen redeten zu wenig miteinander.

Sie würde nie direkt den Nachnachfolger ihres Manns kritisieren. Das ist aber auch nicht nötig: Während das Ehepaar Mandela-Machel in einem bescheidenen Einfamilienhaus in Qunu lebt, wo Madiba seine glücklichsten Kindheitsmomente erlebt hat, ließ sich der korrupte Polygamist Zuma gerade erst seine Residenz in Nxamalala in KwaZulu-Natal für 22 Millionen Euro herrichten - auf Staatskosten.

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Jahrgang 1967, Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

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