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Sonntag, 12. Februar 2012
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Gotthard-Tunnel Dieser Weg wird eben sein

11.09.2009 ·  Am Gotthard entsteht der längste Tunnel der Welt. Die Ingenieure kämpfen nicht mit dem Berg, sondern denken sich in ihn hinein. Auf den ersten Blick ist das keine gefährliche Arbeit, aber das täuscht. Die Arbeit in einem Berg ist immer gefährlich.

Von Melanie Mühl
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Die Maschine ist ein Monster, geschaffen aus Stahl, 450 Meter lang, 3000 Tonnen schwer, überzogen von Stufen, Stegen, Schläuchen. An ihrem Kopf ein gigantischer Bohrer mit 62 Rollmeißeln, die sich durch den Berg fressen und auf ein Förderband spucken, was sie herausbrechen. In ihrer Mitte der Führerstand, in dem der Tunnelvortrieb überwacht wird. Über den Computerbildschirmen hängt ein blondes Pin-up. Die heilige Barbara, sagt ein Mineur, Schutzpatronin aller Bergleute.

Die Mineure, verpackt in Stiefel, Helme, Handschuhe, laufen über die Maschine und treiben Verankerungen in den Fels. Die Luft ist voll von Staub und Hitze und Dröhnen. Unter den Füßen vibriert es, als stünde man auf einer Waschmaschine, die schleudert. Vom Ende der Maschine fällt der Blick zurück, in ein schwarzes Loch. Das Tageslicht ist sieben Kilometer entfernt. Eine Schmalspurbahn bringt einen hinaus, manchmal sind es auch die eigenen Beine, je nachdem. Der Berg ist das Gotthard-Massiv.

Jedes Gestein reagiert anders

Am Ende, im Jahr 2017, so die Natur will, wird er an seinem Fuß bezwungen sein. Durch den Berg wird sich eine Flachbahn ziehen, zwei Einspurröhren mit Querschlägen alle 325 Meter, zwei doppelten Spurwechseln, zwei Nothaltestellen, 57 Kilometer, der längste Eisenbahntunnel der Welt. Von Erstfeld im Norden nach Bodio im Süden, vom Kanton Uri ins Tessin. Die Züge werden mit mehr als 200 Kilometern in der Stunde durch den Berg rasen, und der Weg wird eben sein. Der Mensch wird die Steigung von wenigen Promille nicht wahrnehmen. Der Berg wird negiert. Man fährt einfach durch. Bei Nacht verschwindet er ganz, für die Augen, die ihn nicht sehen, und den Körper, der ihn nicht spürt.

Als sich die Alpen vor Millionen von Jahren falteten, stellten sich die Gesteinsschichten steil auf. So wie der Berg an seiner Oberfläche aussieht, ist er auch im Inneren beschaffen. Jedes Gestein reagiert anders, wenn ein Loch gebohrt und dem Berg sein Gleichgewicht genommen wird. Manches Gestein macht es den Tunnelbauern leichter, manches schwerer, manches unmöglich. Bevor sich der Mensch in einen Berg gräbt, muss er seinen Rücken untersuchen. Deshalb liefen Geologen über das Gotthard-Massiv, klopften Steine, zersägten sie, fertigten Dünnschliffe an, legten sie unter ein Mikroskop und erstellten eine geologische Karte, die den Berg in Zonen unterteilt und kritische Stellen markiert. 90 Störzonen benannten die Geologen. Roger Rütti sagt: „Ein Stein ist nicht nur ein Stein, er bedeutet immer etwas.“

Er hatte keine Ahnung vom Tunnelbau

Er steht auf einem Parkplatz zwischen Containern, in denen sich die Bergleute für ihre Schicht umziehen, einen Kaffee trinken, sich ausruhen. Roger Rütti ist Geologe, er hat in Lausanne und Zürich studiert. Während seines Studiums war er oft im Gebirge und schlug mit Meißel und Hammer Handstücke aus Berg und Fels. Er hat erfahren, dass ein Glimmerschiefer weicher als ein heller Gneis ist, das überhaupt helles Gestein seine Werkzeuge stärker abnutzte und seinen Körper forderte. Er war immer auf Bergen unterwegs, aber nie in einem drin. Bis er 2007 hierher kam, hatte er keine Ahnung vom Tunnelbau: „Ich kann den Berg nicht wie ein Ingenieur in Zahlen fassen, aber mir sagt das Material etwas. Ich weiß, wie sich das Gestein verhält.“

Einmal stand Roger Rütti im Tunnel und hörte, wie der Berg knackte. Das Knacken war nicht so laut, dass es sich über den Lärm der Tunnelbohrmaschine gelegt hätte. Das Geräusch machte ihm keine Angst, es beeindruckte ihn. Aus seinem Augenwinkel sah er, wie ein Mineur den Berg anstarrte. Es löste sich ein Stein.

Bergschlag ist nicht vorherzusehen und lebensgefährlich

Von Norden nach Süden zerfällt das Gotthard-Massiv in sechs Stücke, das Aarmassiv, das Tavetscher Zwischenmassiv, die Urseren-Garvera-Zone, das Gotthard-Massiv, die Piora-Zone und die Penninische Gneiszone. In jedem Abschnitt stellen sich Mensch und Technik verschiedene Gesteine entgegen und türmen sich bis zu 2500 Meter über ihnen auf. Im Norden ist der Berg hart, er setzt sich aus Gneisen und Graniten zusammen. Je nachdem, wie viel Gebirge auf einen Hohlraum drückt, macht sich der Berg stärker oder schwächer bemerkbar. Spannungsumlagerungen müssen sich entladen. Fester Stein spaltet sich und platzt ab. Das kann ein kleiner Stein sein, es kann aber auch ein Felsbrocken sein, der aus der Wand schießt, als würde er explodieren. Der Bergschlag ist nicht vorherzusehen und lebensgefährlich.

In seiner Mitte ist der Berg weicher. Das Gestein des nördlichen Tavetscher Zwischenmassivs lässt sich leicht verformen, es besteht aus Schiefern und Gneisen, zerrieben durch die Alpenfaltung. Eine Tunnelbohrmaschine könnte sich, von Kakirit umgeben, nicht gegen den Fels verspannen und würde im Berg versinken wie in einem Moor. Deshalb sprengen sich die Tunnelbauer durch das druckhafte Gebirge oder kratzen den Berg aus. Wenn man einen ausgebrochenen Hohlraum nicht absichert, hält er dem Druck nicht stand. Man wusste, dass das Tavetscher Zwischenmassiv eine der schwierigsten Stellen würde.

Sie täuschten sich

Genauso wie die Piora-Mulde. Sie liegt eingezwängt zwischen Gotthard-Massiv und Penninischer Gneiszone, nicht länger als 150 Meter, gefüllt mit zuckerkörnigem Dolomit. Der wassergesättigte Gesteinsbrei steht unter hohem Druck. Bei Probebohrungen in den Neunzigern ergoss sich das Gestein über die Kantonalstraße und begrub sie unter sich. Eine weitere Probebohrung ergab, dass der Berg auf Tunnelniveau fester ist. Möglich, dass die Schweizer den Gotthard-Basistunnel niemals gebaut hätten, wäre es anders gewesen.

Im Süden ist der Berg hart wie im Norden. Die Geologen prognostizierten ein leichtes Spiel mit den Gneisen. Sie täuschten sich. Wegen der Gesteinsschieferung fand der Berg sein Gleichgewicht schwer, und die bereits betonierte Sohle hob sich. Die Geologen täuschten sich auch, was die Wassermenge betraf, die im Abschnitt Erstfeld aus dem Berg rinnen würde. Sie rechneten mit 50 Litern pro Sekunde, jetzt sind es 350, die aufbereitet und in Flüsse geleitet werden. Man kann einen Berg abgehen und sein Gestein analysieren. Man kann ihn anbohren und vermessen und manipulieren. Aber man kann ihn nicht röntgen.

„Jetzt gibt es kein Zurück mehr“

Der Bauherr des Gotthard-Basistunnels ist die Alptransit, sie sitzt in einem langen Gebäude am Rand des Luzerner Hauptbahnhofs. In einem der Büros arbeitet Heinz Ehrbar, der den Tunnel- und Trassebau des Gotthard-Basistunnels leitet. An seiner Wand hängt ein geologisches Profil des Gotthard-Massivs, mit vielen Linien und Zahlen. Er sagt: „Jetzt gibt es kein Zurück mehr, wir müssen durch den Berg.“

Heinz Ehrbar ist seit Beginn des Projekts Mitte der Neunziger dabei. Er leitete damals eine Gruppe von Ingenieuren, die den Berg berechneten. Er beriet sich mit Geologen, wie das Gestein reagiert, wenn man ein Loch hinein bohrt. Er fragte sich, wie sich der Eingriff auf die Stabilität des Bergs auswirkt und das Wasser, das in seinem Inneren zirkuliert. Er hat sich auch überlegt, mit welchen Techniken man dem Berg beikommt, wie viele Querschläge nötig sind, damit sich die Menschen bei Gefahr in die andere Röhre retten können. Er hat sich den Berg nicht wie einen Feind angeschaut, sondern wie ein Hindernis, das überwindbar ist. Manche Ingenieure meinten: Niemals kommt ihr durch diesen Berg. Heinz Ehrbar sagt: „Ich habe nie daran gezweifelt, dass es funktioniert.“

Experimente wären zu riskant gewesen

Die Schweizer höhlen das Gotthard-Massiv nicht nur von seinen Enden her aus, sie sprengen und bohren sich an drei weiteren Stellen in es hinein, in Sedrun, Amsteg und Faido, jeweils aus der Höhe, so sind sie schneller. Am schwierigsten ist der Zwischenangriff von Sedrun aus gewesen, 1400 Meter hoch, im Kanton Graubünden gelegen. Dort trieben die Tunnelbauer einen 1000 Meter langen Stollen waagrecht in den Berg und bohrten sich von dort aus 800 Meter in die Tiefe, senkrecht, unter der Verantwortung der südafrikanischen Shaft Sinkers AG. Ohne die Zwischenangriffe kostete allein der Rohbau 20 Jahre Arbeit.

Beim Bau des Tunnels müssen Geologen, Ingenieure und Tunnelbauer Probleme lösen, für die es bislang keine Lösungen gab. Experimente wären zu riskant gewesen. Also sah man sich nach Systemen um, die bereits irgendwo auf der Welt erprobt waren. Wie zum Beispiel kann man das druckhafte Gebirge im Tavetscher Zwischenmassiv so absichern, dass einem der Berg nicht entgegen kommt? Die Frage führte sie nach Deutschland, nach Ibbenbüren, wo Steinkohle gefördert wird. In 1500 Metern Tiefe besichtigten sie, wie man sich den Berg vom Leib halten kann. Sie entschieden sich für einen Tunnelbau mit Bergbaumethoden und übernahmen die Idee ineinander verschiebbarer Stahlbögen, die den Stollen stabilisieren. Die Bögen stemmen sich gegen den Berg und geben seinem Druck nach, bis das Gleichgewicht wieder hergestellt ist.

Im Tunnel ist es seltsam still

An diesem Morgen ist Franz Steiner um 5.30 Uhr in den Tunnel eingefahren. Seit sechs Jahren geht das so, sechs Tage Arbeit, acht Tage frei. Seine Schicht dauert bis 17 Uhr, mit einer Stunde Mittagspause, die er im Loch verbringt: „Man gewöhnt sich an alles.“ Im Tunnel ist es seltsam still, die Maschine der Herrenknecht AG, seine Maschine, verspannt sich neu. Einmal blieb sie stecken, da war das Gestein porös, es fühlte sich an, als stünden sie in einer Kiesgrube. Die Maschine aus dem Berg zu befreien dauerte Monate.

Franz Steiner ist 39 Jahre alt, Maschinist, groß und breit, sein Händedruck wirkt nach. Seine Stimme klingt irritierend sanft, und es dauert einen Augenblick, bis man die Erscheinung und die Stimme zusammenbringt. An guten Tagen schaffen die Tunnelbauer 40 Meter Vortrieb, an schlechten fünf. Franz Steiner sorgt dafür, dass die guten Tage überwiegen, deswegen wird die Maschine jeden Tag sechs Stunden gewartet. Immer ist irgendetwas an ihr zu tun, elektrisch, mechanisch, hydraulisch. Auf den ersten Blick ist das keine gefährliche Arbeit, aber das täuscht, die Arbeit in einem Berg ist immer gefährlich. Das Licht ist schlecht, auf den Stufen und Stegen kann man leicht ausrutschen, und der Berg ist unberechenbar. Aber Franz Steiner fürchtet ihn nicht: „Alles ist Bestimmung. Wenn es soweit ist, ist es so weit.“

„Als würde man wieder geboren

Seit die Bauarbeiten 1997 begannen, verloren sieben Mineure ihr Leben. Franz Steiner hat bislang keine ernsthaften Verletzungen erlitten, einmal nur geriet ein Splitter in sein Auge. Er ließ ihn sich in einer Luzerner Klinik entfernen, schon am nächsten Tag arbeitete er wieder.

Die den Tunnel ausbrechen, leben in einem Barackendorf in Amsteg, alleine in einem Zimmer oder zu zweit. Franz Steiner schläft für sich. Jetzt, wo der Sommer verschwindet, schläft er wieder gut. Als die Hitze unerträglich war, schlief er manchmal gar nicht. Da kroch die Erschöpfung in die Glieder, und nach seiner Schicht wankte er aus dem Berg. Auch die Augen leiden. Sie sehen tagsüber den Himmel nicht, und wenn sie ihn dann sehen, schmerzt der Anblick. „Als würde man wieder geboren.“

Bis alle Geräusche verschwunden sind

An seinen freien Tagen fährt er nach Kärnten, wo er mit Frau und elfjähriger Tochter lebt. Ein Bus, von der Firma gestellt, bringt die acht Tunnelbauer aus Kränten nach Hause. Am ersten Tag schläft Franz Steiner lange, nicht vor elf steht er auf. Er geht oft Fischen, er fährt mit seinem Boot, das am nahen Millstätter See liegt, hinaus, so weit, bis alle Geräusche verschwunden sind.

Der nächste Durchbruch steht bevor, wieder zwischen Erstfeld und Amsteg, in der Weströhre diesmal. Danach wird die Tunnelbohrmaschine abgebaut und aus dem Berg geschafft. Bis Weihnachten hat Franz Steiner noch auf ihr zu tun, dann ist es vorbei. Er weiß nicht, was die Zukunft bringt, die Firma, bei der er arbeitet, hat im Moment keinen neuen Job für ihn.

Am Ende steht man vor dem nördlichen Tunnelportal, drumherum eine Landschaft durchzogen von Straßen, Schienen und Orten. Die Berge lassen dem Tal wenig Platz, durch seine Mitte fließt ein Fluss. Eigentlich fällt an dieser Landschaft gar nichts weiter auf. Wäre da nicht dieser riesige Berg und in ihm ein kleines Loch.

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