02.09.2010 · Im idyllischen Inzell bietet Gottfried Bresink Lebenshilfe an. Der Guru verspricht seinen Anhängern Heilung, Wahrheit und Liebe. Auch den Freitod einer Hilfesuchenden im vergangenen Jahr kann er erklären.
Von Nina BelzHerr Bresink, wer sind sie? „Ich bin Gott. Genau wie Sie auch.“
Marga Schultze (Name geändert) lernte Gott Ende 2005 kennen. Ihre Freundin überredete sie zu einem Meditations-Wochenende unter seiner Leitung. Obwohl Schultze immer dachte, dass meditieren nichts für sie sei, ging sie mit. Ihre Freundin Petra war begeistert von dem Mann und seinen Lehren. „Sie sagte: Er kann dir helfen, dich selbst zu finden und bedingungslos zu sein. Das fand ich schon ziemlich erstrebenswert“, sagt die Sechsunddreißigjährige heute. Also fuhr sie mit. Der Funke sprang auch auf andere im Bekanntenkreis der beiden Krankenschwestern über. Zu fünft waren die Frauen aus dem Westerwald, als sie ein halbes Jahr später nach Oberbayern fuhren, zu einem Wochenseminar bei Gottfried Bresink. Sie führten Gespräche, in der Gruppe, aber auch unter vier Augen. Die Einzelsitzungen sollten der Klärung individueller Probleme dienen und wurden zusätzlich honoriert, mit 90 Euro, ohne Beleg. Drei Mal am Tag wurde in der Gruppe meditiert, zum ersten Mal morgens um halb sieben. Man saß im Kreis, auf Kissen oder Stühlen, und lauschte mit geschlossenen Augen der tiefen, beruhigenden Stimme Bresinks, der sie auf Reisen in die Kristallpyramide entführte. Der Mann, den sie nur mit dem Vornamen ansprachen und der sich auch „Gottvatermutter“ nannte, redete viel. Über die echten Gefühle, die die Menschen verdrängen, und die erst wieder mühsam hochgeholt werden müssen. Über Abhängigkeiten, in denen sie sich unnötig verstricken. Er konnte aber auch gut zuhören. Er war einer, der mitfühlte, der einen einfach so in den Arm nahm und nichts weiter sagte. Wie ein Vater. Oder ein Lehrer, der die Welt in einfachen Worten erklärte, so dass sich neue Wege eröffneten. Marga Schultze war beeindruckt von dem Wissen des Betriebswirts und Industriekaufmanns. Mit welcher Logik er die Dinge erklären konnte.
Woher wissen Sie das alles, Herr Bresink? „Vor ungefähr zwanzig Jahren habe ich mich entschieden, den Weg nach innen zu gehen. Ich habe die Wahrheit gesucht und die wahre Liebe. Diese Erkenntnis ist kein Privileg, sondern eine Wahrheit, die jedem Menschen zur Verfügung steht. Er muss sich nur genug öffnen und alles andere ablegen, sich befreien, dann kommt er an diese Wahrheit heran. Ich habe eine sehr tiefe Beziehung zu Gott, wahrscheinlich wie kein anderer.“
Für Marga Schultze waren Bresinks Vorträge gute Ratschläge. Auch seine Person faszinierte sie, denn er gab ihr das Gefühl, etwas besonderes zu sein. Sie fühlte sich willkommen und akzeptiert. „Als ich nach Hause fuhr, war ich total begeistert, leicht und beschwingt.“ So erlebte auch Joachim Huessner seine Frau, als er sie nach ihrem ersten Seminar im Januar 2006 vom Bahnhof abholte. Gedacht hatte er sich nichts dabei, seine Frau hatte sich schon immer für Esoterik interessiert. Sie hatte eine Ausbildung zum Reiki-Meister gemacht, war gegen jegliche Medikamente und glaubte an die Kraft der Steine. Das war nicht seine Welt, aber er ließ sie gewähren. Schließlich duldete sie es auch, dass er Stunden damit verbrachte, an einem Motorrad herumzuschrauben.
Erst ein Jahr später, im November 2006, als einer ihrer beiden Söhne bemerkte, dass seine Mutter den Ehering nicht trug, wurde Joachim Huessner aufmerksam. Da war Petra Schwab-Huessner schon zu Wochenendseminaren gereist, mal nach Köln, mal nach Berlin. Auf dem Dachboden hatte sie sich einen Meditationsraum eingerichtet, mit Teelichtern und bunten Tüchern. Dorthin zog sie sich mehrmals am Tag zurück. Ihren Ehering, so sagte sie ihrem Mann, trage sie nicht mehr, weil sie in einem Seminar im Oktober Unglaubliches erfahren habe. „Sicherheit und Vertrauen, das kann ich dir nun nicht mehr geben. Das musst du in dir selbst finden“, sagte sie. Den Ring habe sie ablegen müssen, um für alles frei zu sein.
Herr Bresink, wovon muss sich der Mensch befreien? „Der Mensch hat einen Mechanismus geschaffen, die Gefühle zu verbergen, so dass er selbst nicht an sie rankommt. Er hat Muster geschaffen, um in einer Scheinwelt zu funktionieren. Die Leute kommen her, wenn die ursprünglichen Gefühle in ihnen aufsteigen, wenn es nicht mehr geht. Ich begleite sie, führe sie und nehme sie an der Hand. Ich helfe ihnen, sich von den alten Mustern zu befreien.“
Die Befreiung beschäftigte Petra Schwab-Huessner immer mehr. Sie fuhr immer häufiger zu Seminaren, manchmal auch während der Woche. Das Geld, das sie dafür ausgab, verdiente sie selbst, als Krankenschwester. Die Meditationsstunden in Köln, die sie mittlerweile leitete, brachten ihr ein zusätzliches Einkommen. Auch Marga Schultze nahm daran teil: „Petra war die einzige in der Gruppe, die angeblich die Befreiung geschafft hatte.“ Diese Befreiung führte sie schließlich so weit, dass sie im Oktober 2007 beschloss, ein Leben ohne ihre Familie zu führen. Die Spannungen zwischen ihr und ihrem Mann hatten zugenommen. Längst schliefen sie nicht mehr im selben Bett. Was mit dem Ablegen des Eherings begann und in endlose Diskussionen mündete, führte schließlich zur Trennung. Petra Schwab zog zuerst ins Nachbardorf, dann nach Inzell, wo Gottfried Bresink und auch andere Mitglieder der Gruppe lebten. In dem kleinen Ort an der Alpenstraße fanden die meisten Arbeit, einige wohnten in Bresinks Haus und halfen im Garten. Joachim Huessner war sich sicher: Seine Frau war einer Sekte verfallen.
Warum sind sie keine Sekte, Herr Bresink? „Die Menschen kommen alle freiwillig zu mir. Ich zwinge niemanden. Wer will, bekommt sein Geld zurück. Ich bringe sie in ihre eigene Verantwortung. Dafür gibt es genügend Zeugen. Ich kann nicht verstehen, weshalb man uns als Sekte abstempelt, ohne die Wahrheit unserer Arbeit wirklich zu kennen.“
Joachim Huessner gab nicht einfach auf. Er versuchte, seine Frau zurückzugewinnen und das Familienleben wiederherzustellen. Er schaute sich die Seminare an – für ihn alles Humbug. Doch alle Versuche, seine Frau davon zu überzeugen, schlugen fehl. Huessner suchte Rat bei Sektenberatungsstellen, doch helfen konnten die ihm auch nicht. Denn seine Frau fuhr frei von Zwang zu den Seminaren, die ihr Leben so veränderten. Er suchte Freunde und Bekannte auf – auch Marga Schultze. „Ich habe ihn beschwichtigt, er solle sich keine Sorgen machen“, sagt sie. Dass Schultze für die immer häufiger anfallenden Seminare ihr Konto um Tausende Euro überziehen musste, war ihr egal: „Ich wollte schließlich weiter kommen, wie die anderen in der Gruppe.“ Dann aber sollte sie sich im Zuge der Befreiung von ihren drei Hunden trennen. Die Tiere, die sie aus einem spanischen Heim adoptiert hatte, waren ihr ein und alles. Sie meldete sich von den Seminaren ab und fuhr nicht mehr nach Bayern. Von dort erreichten sie noch einige Mails: Ob sie nicht höre, wie ihre Seele schreie? Es fiel ihr nicht leicht, aber sie reagierte nicht mehr.
Herr Bresink, warum schreiben sie den Menschen, die sich von Ihnen abwenden, solche Mails? „Ich hab sie nur daran erinnert, als Chance. Ich habe ihnen die unangenehme Wahrheit, die zu ihrer Heilung führen könnte, aufgezeigt, und das allein ist der Grund, warum sie weggelaufen sind. Aber ihre Seele, die hat mich um Hilfe gerufen. Würden sie nicht auch Hilfe geben?“
Hilfe verspricht auch die Satzung des Vereins Gottesarbeit, den Bresink 2008 gründet. „Die Heilung von Menschen mit akuten Störungen des seelischen Zustandes. Ausheilung der tiefen Ursachen.“ Einige Mitglieder des Vereins erklären in eidesstattlichen Erklärungen, wie sehr die Arbeit mit Bresink ihr Leben zum Guten gewendet habe. Dass er kein Guru sei, kein Mit-Surfer auf der Esoterik-Welle. Dass sie sich eigenständig für „die Heilung“ entschieden hätten. Um wie viel besser es ihnen nun gehe. Ähnlich ging es wohl der Tochter von Petra Schwab-Huessner, die unter Angstzuständen litt und bei Bresink Hilfe fand. Sie zog ebenfalls nach Inzell – weil es ihr nun besser geht. Sie sei noch immer in einem schwierigen Prozess, auf der Suche nach den Gründen für ihre Ängste, die in ihrer Kindheit zu suchen seien und die sie nun mit Bresinks Hilfe schmerzhaft aufarbeite. Ihre Mutter aber sprach auf diese Hilfe nicht an. Petra Huessner-Schwab sprang im März 2009 in die Weißbachschlucht zwischen Inzell und Bad Reichenhall.
Was war geschehen, Herr Bresink? „Sie konnte sich nicht verzeihen, was sie ihrer Tochter aus erster Ehe angetan hatte. Für sie war die Kindheit in der neuen Familie sehr schwer, und Petra hatte nichts dagegen unternommen. Sie sprach auch von zwei Patienten in der Psychiatrie, denen sie wohl Unrecht antat. Was es war, weiß ich nicht. Sie hat nie konkret über sich geredet. Sie war immer auf der Flucht.“
Niemand weiß, was Petra Schwab-Huessner dazu brachte, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Es gab keine Warnung und keinen Abschiedsbrief. Im Dorf redete man darüber, ohne Näheres zu wissen. Aber schnell vergaß man wieder, was mit einer der vielen Zugezogenen passierte, die alle im Altenheim arbeiteten. Auch die Staatsanwaltschaft Traunstein konnte keinen Zusammenhang zwischen Schwab-Huessners Tod und ihrem „Weg ins Licht“ feststellen, die Ermittlungen wurden eingestellt. Auf dem Beifahrersitz ihres Autos wurden Medikamente gefunden. „Petra hat nie etwas Chemisches zu sich genommen“, sagt Marga Schultze. Als sie die Gruppe verließ, kündigte Petra ihr die Freundschaft. Die ersten Wochen waren schlimm. Sie hatte Angst, einen großen Fehler gemacht zu haben. Sie fürchtete, dass Bresink sie zurückholen wolle. „Heute frage ich mich immer, wie das nur passieren konnte.“ Für Außenstehende sei das kaum zu verstehen, die Gruppendynamik, die Abhängigkeit, der Druck. „Ich würde sagen, ich war ihm hörig.“
Auch Joachim Huessner fragt sich manchmal, was eigentlich passiert ist, was aus seiner Familie geworden ist. Obwohl sie sich einige Monate vor ihrem Freitod scheiden ließen, sagt er noch immer „meine Frau“. Seine Erinnerungen hat er gerade in einem Buch veröffentlicht. Der Verlag wurde unlängst vom Verein angeschrieben. Wie man ein solches Buch mit lauter Lügen veröffentlichen könne? Die Wahrheit über die Arbeit mit Gottfried Bresink soll bald in Form von Erlebnisberichten auf der Homepage des Vereins zu lesen sein.