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Gorillababy in Kinderklinik „Behandelt sie einfach wie einen Säugling!“

02.07.2007 ·  Im Münsteraner Zoo drohte ein Gorillababy zu sterben, weil seine Mutter es vernachlässigt hat. Im Interview erklärt Tierärztin Sandra Silinski, warum der kleine Patient in einer Kinderklinik aufgepäppelt werden musste.

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Ein wegen mangelnder Fürsorge seiner Mutter geschwächtes Gorilla-Baby aus dem Zoo Münster soll in Stuttgart aufwachsen. Sandra Silinski war die Ärztin im Allwetterzoo Münster, die sich in den vergangenen Tagen mit dem Pfleger Peter Bein um „Mary Zwo“ gekümmert hat. Nach der Notbehandlung am Wochenende soll das Tierbaby nun im Gorilla-Aufzucht-Zentrum der Wilhelma weiter aufgepäppelt werden. Gut verpackt in einem Säuglingssitz wird „Mary Zwo“ von Münster nach Stuttgart gefahren.

Sie haben ein Gorillababy in einer Kinder-Intensivstation eines Universitätsklinikums behandeln lassen. Das kommt sicherlich nicht oft vor?
Das ist tatsächlich die Ausnahme.

Wie kam es dazu, dass „Mary Zwo“ in die Uniklinik Münster gebracht werden musste?
Ihre Mutter „Gana“ ist sehr jung, eigentlich noch ein Teenager. Sie hatte auch noch keinen Nachwuchs. Zudem ist unsere Gorillagruppe im Allwetterzoo Münster nicht besonders stabil.

Wieviele Gorillas haben Sie?
Wir halten ohne das Baby, wie es heißt, 1,3 Gorillas, ein Männchen und drei Weibchen. Gorillas leben in Haremsgruppen zusammen und werden von einem Silberrücken angeführt. Unser Männchen „N'Kwango“ aber ist noch kein Silberrücken, er ist erst zehn Jahre alt und sehr verspielt. Der Gruppe fehlt es daher bei der Jungtieraufzucht an der nötigen Ruhe und Stabilität.

Er ist also keine große Hilfe gewesen?
Nein. Er ist im vergangenen Jahr schon einmal Vater geworden. Damals brachte die erst neun Jahre alte „Changa-Maidi“ ihr erstes Baby zur Welt - „Mary“. Die Gruppe sah in der Kleinen aber eher ein willkommenes Spielzeug und fügte „Mary“ schließlich tödliche Verletzungen zu.

Für Sie war das gewiss furchtbar.
Jein. „Mary“ war so schwer verletzt, unter anderem war der Oberschenkel aus der Gelenkpfanne gerissen, dass eine Behandlung sehr langwierig und schwierig geworden wäre. Dieses Mal hatte die Zooleitung sich gewappnet und die Gruppe, nachdem es wieder zu Rangeleien gekommen war, vorsorglich getrennt: „Gana“ und „Mary“ lebten vorerst mit der mehr als 30 Jahre alten Fatima zusammen, „N'Kwango“ blieb bei „Changa-Maidi“. „Gana“ zeigte trotzdem wenig Interesse an ihrem Baby.

Sie hat sie vernachlässigt.
Ja. Wir dachten zwar, dass das Gorillababy genügend trinkt. Am Samstag aber fanden wir „Mary Zwo“ sehr geschwächt im Arm der Mutter vor, und es war klar, dass sie sofort medizinisch versorgt werden musste.

Sie haben die Uniklinik verständigt. Sind die Ärzte vorgewarnt gewesen?
Ja, der Zoodirektor hat den Kontakt hergestellt und die Uniklinik war sofort bereit, „Mary Zwo“ aufzunehmen.

Tiere sind in Krankenhäusern eigentlich verboten.
Die Klinik rief auch gleich die höchste Hygienestufe aus. Die genetischen Übereinstimmungen zwischen Mensch und Gorilla sind so groß, dass sich beide mit den selben Krankheiten infizieren können.

„Mary Zwo“ bekam ein Einzelzimmer?
Ja. Die anderen Patienten haben gar nicht mitbekommen, dass ein Gorilla in der Klinik war. „Mary Zwo“ lag in einem Inkubator und hatte eigene Ärzte und Schwestern.

Waren Sie die ganze Zeit dabei?
Nein. Ich hatte eher eine Statistenrolle inne und musste lediglich den Schwestern und Ärzten ihre Berührungsängste nehmen. Sie hatten ja noch nie so ein kleines behaartes Wesen vor sich gehabt und trauten sich nicht so recht, Blut abzunehmen oder eine Infusion anzuhängen. Ich habe ihnen also gesagt: Behandelt sie einfach wie einen normalen Säugling!

Gibt es keinen Unterschied zwischen Mensch und Gorilla?
Doch, aber der Grad der Übereinstimmungen ist so hoch, dass die menschlichen Referenzwerte übernommen werden können.

Und was fehlte „Mary Zwo“?
Sie war unterversorgt. Sie war hypoglykämisch, ihr Blutzucker war also zu niedrig, sie war dehydriert und hypothermisch, also unterkühlt. So etwas lässt sich behandeln, wenn rechtzeitig eingegriffen wird. Nur wenige Minuten, nachdem wir ihr Infusionen gegeben hatten, ging es „Mary Zwo“ besser.

Ist sie krankenversichert?
Nein, ist sie nicht. Aber die Klinikleitung und unsere Zoodirektion werden sich gewiss schnell einig werden.

Wieviel hat der Aufenthalt gekostet?
Das kann ich Ihnen nicht sagen.

Was passiert nun mit „Mary Zwo“?
Sie ist auf dem Weg nach Stuttgart. Ein Fahrer und ein Pfleger bringen sie mit einem Auto - fest verpackt in einen Säuglingssitz - in die Wilhelma. Dort hat man schon mehr als 20 Jahre Erfahrung mit Gorillas und eine eigene Gorilla-Aufzuchtstation.

Und was ist mit „Gana“? Sie ist vermutlich traumatisiert, oder?
Nein. Sie sucht nicht nach ihrem Kind.

Das spricht nicht für die Mutter.
Da haben Sie recht, aber fürs Muttersein ist sie eigentlich auch noch zu jung.

Die Fragen stellte Peter-Philipp Schmitt.

Quelle: F.A.Z.
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