15.11.2009 · Fünfzig Jahre Lego feierte Google mit seinem Schriftzug in Legosteinen, zu Michelangelos Geburtstag wurde das Logo in Marmor gemeißelt, ein anderes doodle zeigte Google in Blindenschrift. Doch wer steckt hinter all den Bildern?
Von Pascal MorchéAls Schüler machte Dennis Hwang häufig Ärger. Statt im Unterricht aufzupassen, kritzelte er in seine Schulhefte und zeichnete erfundene Comicfiguren. Da Hwang als Sohn koreanischer Einwanderer aber in Kalifornien zur Schule ging und eine verständige Mutter hatte, blieb ihm der deutsche Merksatz „Narrenhände beschmieren Tisch und Wände“ erspart. Hwang schaffte es an die Stanford University. Dort belegte er nicht nur Computerwissenschaften, sondern auch Kunst als Hauptfach und arbeitete neben seinem Studium als Praktikant bei dem Startup-Unternehmen Google. Bei seinem ersten Arbeitgeber kritzelte Hwang weiter und machte dabei nicht einmal vor dem Firmenlogo, jenen blau-rot-gelb-grünen Buchstaben der Suchmaschinenfirma, halt. Deren Gründer Larry Page und Sergey Brin nannten seine Werke „doodle“, zu deutsch „Gekritzel“.
Mehr noch: Page und Brin ließen Hwang mit seinen Kritzeleien an etwas herumfummeln, was anderswo generell sakrosankt ist: am Firmenlogo. Und genau deshalb werden wir nun oftmals von jenen ein besonderes Ereignis kommentierenden Bildchen überrascht, wenn wir Google anklicken. Doodles, die den Google-Schriftzug verfälschen, mit ihm spielen und uns nicht selten ein Lächeln abnötigen: Fünfzig Jahre Lego feierte Google mit seinem Schriftzug in Legosteinen, zum Schaltjahr am 29. Februar 2004 schrieb Google den Buchstaben „o“ dreimal und ließ Frösche über die Schrift springen; zu Michelangelos Geburtstag am 6. März 2003 wurde das Google-Logo in Marmor gemeißelt. Ein doodle zeigte Google in Blindenschrift, ein anderes feierte die Entdeckung der DNA. So weit, so „googley“. Circa 50 doodles pro Jahr beglücken die User, und ein Galeriebesuch lohnt sich.
Wie ein Google-Praktikant sieht der inzwischen 31 Jahre alte Dennis Hwang immer noch aus. Auf Youtube kann man ihn kennenlernen, wenn man „hwang doodle“ eingibt. Im Eineinhalb-Minuten-Filmchen führt der Web-Designer vor, wie bei Google in Kalifornien gedoodelt wird, und lädt zum Mitdoodeln ein. Stefan Keuchel, Pressesprecher von Google Deutschland, nennt Hwang den „meistbeachteten unbekannten Künstler der Welt“. Nun, zu einer Kunstdebatte werden die Bildchen, die von ungefähr 200 Millionen Menschen gesehen werden, sicher nicht taugen – eher zu Gedanken über die Unternehmenskultur einer globalen Infantilgesellschaft: Lustig sollen die Kritzeleien sein, kreativ und verspielt. Sie zeigen, „dass wir uns selbst nicht so ernst nehmen“, so Keuchel. Hwang kümmert sich als Web-Master aller Web-Master inzwischen in der Google-Zentrale Mountain View ums Große und Ganze im grafischen Bereich.
Seit 2005 ist Micheal Lopez „doodlemaster“, so heißt der Zeichnerjob hausintern. Lopez arbeitet ganz im Sinne Hwangs, und jedes Bild wird von Marissa Mayer, „Mitarbeiterin Nr. 19 und erste Frau bei Google“, abgesegnet. Einzige Vorgabe bei der Motivsuche: nur Geburtstage, keine Todestage und nichts Religiöses! Und wie findet Google die Motive? „Es gibt global doodles und länderspezifische“, erklärt Keuchel. „Pro Quartal erstellen die lokalen Marketingteams eine Liste landesspezifisch relevanter Anlässe.“ Diese Termine werden dann nach Kalifornien gemailt, und das Kritzeln kann losgehen. Landesspezifisch heißt: Brasilianischer Unabhängigkeitstag, Tag der Bastille-Erstürmung oder Chinesisches Neujahrs-Fest am 9. Februar. Aber auch Google-Nutzer selbst kämpfen häufig um (für sie) relevante Feiertage und fordern entsprechende doodles bei Google. Keuchel: „Manchmal bekommen wir Post von Leuten, die uns verärgert schreiben: Ihr habt schon wieder den ‚Tag des Schmetterlings‘ vergessen.“ Ob aber gerade dieser Tag so doodlewürdig ist, um von Micheal Lopez im Schriftzug verwurstet zu werden? Das kann nur Dennis Hwang entscheiden.