Hoch zu Roß sitzt der "Don Quichotte von Bagdad". Er heißt Osman Akkus, ist Türke und hat bereits in Ankara gegen den Krieg demonstriert. Dort haben die türkischen Sicherheitskräfte aber nicht ihn festgenommen, sondern nur sein Pferd. Darum nahm Osman seinen spitzen Mongolenhelm und seinen kreisrunden Schutzschild. Er brach nach Bagdad auf, besorgte sich dort wieder ein Pferd und demonstrierte zunächst vor dem Gebäude der Vereinten Nationen gegen den Krieg. Dann machte sich Osman, der sein langes Haar nicht zu einem Pferdeschwanz gebunden hat, zum Kraftwerk in Bagdad-Süd auf. Dort ist er einer von zehn Ausländern, die bereit sind, als menschlicher Schutzschild zu sterben.
Drei weitere von ihnen sind Türken, die anderen kommen aus Frankreich, Algerien, Bulgarien und Südafrika. Tatsächlich ist die Zahl der Männer und sogar Frauen, die bereit sind, im Irak zu sterben, noch um einiges größer. Wie schon im ersten Krieg gegen Saddam Hussein haben sich auch dieses Mal Friedensaktivisten aufgemacht, um mit vollem Körpereinsatz zu protestieren. 1991 aber gab es keine Organisation, deren Mitglieder in der Hauptstadt des Landes selbst ihr Leben riskierten, sondern nur ein "Friedenscamp" an der Grenze zwischen Saudi-Arabien und dem Irak. Dieses Mal stießen einige Gruppen rechtzeitig bis nach Bagdad vor.
Im Februar erreichten die ersten menschlichen Schutzschilde Bagdad
Die größte trägt den Namen: "TJP Truth - Justice - Peace. Human Shield Action Iraq" ("Wahrheit - Gerechtigkeit - Frieden. Aktion menschliche Schutzschilde Irak"). Gegründet wurde sie von dem Amerikaner Ken Nichols O'Keefe. Im Januar waren etwa 300 Freiwillige seinem Aufruf gefolgt und mit drei Doppeldeckerbussen von London aus in Richtung Bagdad gestartet. Nur zwei der Fahrzeuge hätten aber drei Wochen später die irakische Hauptstadt erreicht, erzählt der Sprecher von TJP, Torben Franck. "Auch Ken blieb mit seinem Bus in Rom liegen, schloß sich den anderen aber später wieder an." Mitte Februar erreichten schließlich die ersten menschlichen Schutzschilde Bagdad.
Der 33 Jahre alte O'Keefe war schon einmal im Irak - damals, vor zwölf Jahren, noch als amerikanischer Marine, der gegen Saddam Hussein kämpfte. Nun kehrte er mit Gleichgesinnten zurück, um gegen einen möglichen und seiner Meinung nach unfairen Krieg zu protestieren. Allerdings stieß er offenbar nicht überall auf Verständnis, selbst den irakischen Behörden erschien O'Keefe zu wenig kooperationsbereit. Deshalb wurde er am 8. März des Landes verwiesen. Der Amerikaner hatte gefordert, daß die Mitglieder seiner Gruppe die Orte selbst wählen können, an denen sie eingesetzt werden. Das lehnte das Regime ab. Saddam Husseins Schergen wollen offenbar selbst entscheiden, wer, wo und wann sein Leben für den Diktator opfern darf.
27 Nationalitäten vertreten
Als die Wahrscheinlichkeit eines Krieges im März immer größer wurde, verließ ein Teil der Aktivisten freiwillig den Irak. Jetzt seien noch etwa 70 Frauen und Männer für TJP in Bagdad, berichtet Franck. Hinzu kämen noch einmal rund 80 Personen, die erst in den vergangenen Tagen in den Irak gereist sind und sich der Gruppe anschlossen. Genau 27 Nationalitäten seien vertreten: vor allem Amerikaner, Engländer, Italiener, Belgier, Australier, Japaner, Finnen, Franzosen, Schweizer, Argentinier und Mexikaner. Auch drei oder vier Deutsche seien für TJP noch in Bagdad. Wo genau, kann er nicht sagen.
Auf sieben Orte, die schon im Krieg von 1991 Ziele waren, wurden die menschlichen Schutzschilde verteilt. Zwei von ihnen sind am Freitag wieder von Bomben getroffen worden, wie TJP erfahren haben will. Verletzte habe es an der Ölraffinerie Al Daurra und dem Kraftwerk in Bagdad-Süd nicht gegeben, versichert Torben Franck, der mit einer Kollegin im Palestine International Hotel in Bagdad immer mal wieder Kontakt hat. Auch in dem Obstlager "Tejio" harren einige Frauen und Männer aus. Nach der Genfer Konvention sei es ein Kriegsverbrechen, Anlagen zu zerstören, die für die Versorgung der Zivilbevölkerung unentbehrlich seien. Genau das aber wirft TJP Amerika und seinen Verbündeten vor: daß sie nicht nur militärische Ziele zerstören, sondern auch Einrichtungen, die nach einem Raketenangriff noch zusätzlich die Umwelt belasten und zerstören können.
Den Schmerz des arabischen Volks nicht ertragen
Die Beweggründe der Aktivisten, die sich den Sympathisanten von TJP erst im Irak angeschlossen haben, sind sehr unterschiedlich. Selamettin Tellioglu etwa ist nach Bagdad gekommen, um sich dort einen Traum zu verwirklichen: Er möchte als Märtyrer sterben. Fünfmal am Tag verrichtet der 50 Jahre alte Türke das rituelle Gebet Richtung Mekka. Dort, in Saudi-Arabien, hatte er einst Arabisch gelernt. Längst ist der fließend Arabisch sprechende Mann nun in den irakischen Medien ein gefragter Star.
Seinem Landsmann Ali Boga, der ebenfalls auf dem Dach des Kraftwerks im Süden Bagdads ausharrt, haben die Iraker die Erfüllung seines Traums abgeschlagen. Der 25 Jahre alte Maurer aus Urfa hatte sich aufgemacht, um in der irakischen Armee zu dienen, deren begeisterter Anhänger er ist. Weil er jedoch Ausländer ist, blieb das ein Traum. Der vierte Türke unter den zehn menschlichen Schutzschilden auf dem Kraftwerk ist der ebenfalls 25 Jahre alte Dreher Erdogan Erikci aus Gaziantep. Mit den anderen wartet er auf die amerikanischen und britischen Bomben, weil er, wie er sagt, in der Türkei den Schmerz des arabischen Volks nicht länger ertragen konnte.
"Last Minute to Bagdad"
Auch zwei Friedensaktivisten aus Berlin mußten vorzeitig aus ihrem Traum erwachen: Sie waren vor einer Woche mit vier Freunden zunächst in die jordanische Hauptstadt Amman geflogen, um von dort mit einem Jeep weiter nach Bagdad zu fahren. Schon vor ihrer Ankunft mußte die Gruppe, die sich "Last Minute to Bagdad" nennt, erfahren, daß sie sich nicht, wie geplant, als menschliche Schutzschilde in einer humanitären Einrichtung aufhalten durften. Vielmehr war nun die Rede davon, daß die Iraker ihnen einen Platz auf dem Gelände der Ölraffinerie oder sogar im Bagdader Informationszentrum zuweisen würden. "Das war schon ein schwerer Rückschlag für uns", sagt Maik Neudorf, der mittlerweile aus dem Mittleren Osten nach Berlin zurückgekehrt ist.
Nur zwei seiner Mitreisenden blieben im Irak und entschlossen sich kurzerhand, in einem christlichen Krankenhaus auszuhelfen. "Sie wollen den Menschen Beistand leisten und defekte Geräte reparieren", berichtet Neudorf. Kontakt zu seinen Freunden gibt es inzwischen nur noch sporadisch, und zwar über Telefon und E-Mail. Es gehe ihnen gut, war nach Neudorfs Worten die vorläufig letzte Botschaft. Die Aktivisten von "Last Minute to Bagdad" gehen inzwischen auf Distanz zu den friedensbewegten Abenteurern. Auf der Internet-Seite der Gruppe gibt es jetzt eine Reisewarnung: "Wir raten dringend von weiteren Reisen in den Irak ab."
Schließlich können die Friedenskämpfer, deren Zahl auch das Auswärtige Amt nicht kennt, im Notfall kaum auf Hilfe aus Deutschland hoffen. Denn die Deutsche Botschaft in Bagdad schloß am Montag ihre Pforten. Zuvor war die Aufforderung an alle Deutschen ergangen, das Land zu verlassen.