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Glücksversprechen Das System Scientology

Der Skandal um Tom Cruise und um angebliche Nachhilfelehrer hat die Organisation wieder in den Blick gerückt. Die Gefahr geht aber nicht von der Macht der Scientologen aus, sondern von ihrem Menschenbild.

© F.A.Z. - Wolfgang Eilmes Vergrößern Im Celebrity Center der Scientologen

Am Anfang steht nicht das Wort, sondern eine Maschine. Genauer als der Mensch selbst soll sie Auskunft geben über Erinnerungen und Erlebnisse, die seiner Unterwerfung im Wege stehen könnten. Diesen Widerstand mißt das Elektro-Meter, kurz E-Meter, indem es Strom durch den Körper schickt. Domenica ist Betreuerin im „Celebrity Centre“ der Scientologen in Düsseldorf.

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Die hagere „Auditorin“ mit durchdringendem Blick aus blauen Augen weiß mit den Rädchen, Skalen und Digitalanzeigen des ovalen Geräts ebenso routiniert umzugehen wie mit Neulingen. „Wenn man den Pre-Clear auf etwas anspricht, was in diesen geistigen Massen vorhanden ist“, sagt Domenica, „dann bekommt man eine Reaktion auf dem E-Meter.“

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Ein Pre-Clear ist ein Mensch, den Scientology noch nicht von allen seinen Widerständen gereinigt hat. Noch befaßt er sich, mit jeder Hand eine Blechdose umgreifend, die über Kabel mit dem E-Meter verbunden ist, mit seiner eigenen Persönlichkeit und gibt dem Auditor Auskunft darüber. Das ist nicht etwa ein Kursangebot, sondern eine handfeste Dienstleistung: Zwölfeinhalb Stunden Auditing kosten mehrere tausend Euro.

Scientology2 © REUTERS Vergrößern Tom Cruise überredete seine Frau Katie Holmes zum Beitritt

Getarnt als Nachhilfeschule

Wer genug investiert, sich mitunter gar dafür verschuldet, klettert die „Brücke zur völligen Freiheit“ nach oben und erkennt sich als geistiges Wesen - als „Operierender Thetan“. Der Schauspieler Tom Cruise, 44, prominentester Scientologe der Welt und Freund des Scientology-Führers David Miscavige, dürfte diese Thetan-Stufen längst erklommen haben. Unterdessen kündigte die Produktionsfirma „Paramount Pictures“ an, den Vertrag mit dem Hollywood-Schauspieler nicht zu verlängern - unter anderem, weil Cruise für Scientology werbe.

Seit etwa dreißig Jahren ist Scientology auch in Deutschland aktiv, vielen gilt die Organisation mit Zentrale in Los Angeles, die sich selbst eine Kirche nennt, als Synonym für „Sekte“. Nach massiven Aufklärungskampagnen in den neunziger Jahren wurde es ruhiger um die Anhänger des L. Ron Hubbard. Jetzt ist Scientology hierzulande wieder im Gespräch: Philologen und Verfassungsschützer warnten vor dem Nachhilfe-Anbieter „Applied Scholastics“, der Schüler mit Hilfe der Lernmethoden des Scientology-Gründers Hubbard manipulieren wolle.

Als Bayerns Innenminister Günther Beckstein (CSU) Anfang August seinen Verfassungsschutzbericht vorstellte, äußerte er die Befürchtung, Scientology könnte mit Hilfe der Unterorganisation auch um Mitglieder werben. Michaela Gross, Sprecherin der Organisation, protestiert: „Nicht Scientology bietet Nachhilfe an.“ „Applied Scholastics“ sei vielmehr ein privates Angebot einzelner Scientologen. „Dort wird in keiner Weise Scientology vermittelt.“

Der Mensch als Maschine

Laut Verfassungsschutz, der die Organisation seit 1997 beobachtet, stagniert die Zahl der deutschen Scientologen seit Jahren bei fünf- bis sechstausend; Scientology selbst spricht von 12.500 Mitgliedern hierzulande. Eine kleine Gruppierung, verglichen etwa mit 160.000 Zeugen Jehovas. „Die Scientologen sind nicht durch die Macht gefährlich, die sie tatsächlich haben, sondern durch ihr Menschenbild“, sagt Pfarrer Ferdinand Rauch, Sektenbeauftragter des Bistums Fulda.

Dieses Bild, das den Menschen als verbesserungswürdige Maschine sehe, sei unverändert gültig. Nach außen gebe sich Scientology tatsächlich sozialer als noch vor einigen Jahren - dank vielfältiger Aufklärung seien Menschen skeptischer gegenüber Glücksversprechungen dieser Art geworden, darauf habe man reagiert. Rauch sagt: „Heute ist Scientology bemüht, daß nicht mehr an die Öffentlichkeit dringt, wie rigide sie sind.“

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