Home
http://www.faz.net/-gum-2z71
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Globales Klima Besorgniserregende Gletscherschmelze in der Antarktis

11.12.2001 ·  Die Sorgenfalten der Geologen werden tiefer, die Risse im Eis größer. Die größten Gletscher der Antarktis schmelzen offenbar beängstigend rasch dahin.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Die Meldung sorgte vor rund anderthalb Jahren für große Aufregung: kein Eis am Nordpol! Doch damals winkten die Polarforscher ab. Der Grund: Am Nordpol gibt es keine Landmasse, das Eis ist dort immer in Bewegung und so könne es sein, dass auch der Nordpol einmal kurzfristig nicht mit Eis bedeckt sei, hieß es. Einen Anstieg des Meeresspiegels müsse man im Fall einer Eisschmelze am Nordpol ohnehin nicht befürchten. Am nördlichsten Punkt der Erde ist das Eis lediglich der gefrorene Teil des Ozeans. Bei einer Schmelze würden die Weltmeere also gar nicht oder kaum ansteigen, so die Experten.

Ganz anders verhält sich das am Südpol. Dort gibt es eine riesige Landmasse, ja sogar einen kompletten vereisten Kontinent. Würde hier das Eis schmelzen, so erhielten die Weltmeere tatsächlich Zuwachs. Berichte von einer rapiden Eisschmelze an den drei größten Gletschern der Antarktis erzeugten daher am vergangenen Montag bei den Geologen auf der Herbsttagung der Amerikanischen Geophysikalischen Union in San Francisco große Besorgnis. Streckenweise seien 45 Meter dicke Eisplatten an den arktischen Ozean verloren gegangen, heißt es in einer dort vorgestellten Studie, die sich auf Daten spezieller europäischer Beobachtungssatelliten stützt. Im vergangenen Jahrzehnt haben der Untersuchung zufolge die drei Gletscher Pine Island, Thwaites und Smith so viel Eis abgegeben, dass weltweit der Meeresspiegel bereits um 0,038 Zentimeter gestiegen sei.

Völlige Schmelze wäre fatal

Erscheint der Wert zunächst winzig, so wäre eine Fortsetzung dieses Trends fatal. Eine völlige Gletscherschmelze am Südpol hätte dramatische Folgen. Der britische Polarforscher Andrew Shepherd: "Wenn sie zusammenstürzen, würde der Meeresspiegel weltweit um mehr als einen Meter ansteigen." Ganze Küstenregionen würden also im Meer versinken. Ein solcher Prozess würde nach jetzigen Schätzungen etwa 1.500 Jahre dauern - geologisch eine sehr kurze Zeitspanne.

Widerspruch zu bisherigen Studien

In jedem Fall gibt die Studie einen ersten Hinweis darauf, dass das Eis entgegen bisherigen Annahmen bei einer globalen Erwärmung sogar zunehmen werde. Über ein Jahrzehnt gesehen verlieren die Gletscher laut der Studie mehr Eis als durch Schneefall wieder hinzu kommt. Die Vermutung, dass dieser Prozess durch den so genannten Treibhauseffekt in Gang gesetzt wurde, liegt nahe und wird von den Forschern auch als Ursache vermutet.

Ein Drittel des antarktischen Eispanzers

Die drei Gletscher stellen zusammen etwa ein Drittel des Eispanzerns des antarktischen Kontinents. Sie stehen auf einem eisbedeckten Felsfundament. Dieses befindet sich unter dem Meeresspiegel. Die Eismassen der Gletscher halten als gefrorene Flüsse die unter Eis liegende westantarktische Platte sozusagen zusammen. Bei einem unvermindert in jetziger Weise anhaltenden Rückgang wären diese Flüsse in rund 150 Jahren aufgetaut. Auch dies hätte bereits große Auswirkungen auf den Meeresspiegel.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen