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Freitag, 10. Februar 2012
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Gießen Wie viele Tiere paßten auf die Arche Noah?

07.10.2006 ·  Biologieunterricht auf andere Art: An zwei Gießener Schulen wurde Jugendlichen neben Darwins Evolutionstheorie auch das kreationistische Weltbild vermittelt.

Von Raoul Löbbert
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Am Sonntag ruhte Gott der Herr, nachdem er in den sechs Tagen zuvor die Erde in Gänze erschaffen hatte. So steht es in der Bibel, und genauso ist es gewesen - nach Auffassung des Kreationismus. Hierzulande kennt man dessen Anhänger meist nur aus Berichten über den bibelfesten amerikanischen Süden. An einigen Schulen wird dort die „Schöpfungstheorie“ oder das sogenannte „Intelligent Design“ gelehrt. Und zwar mindestens gleichberechtigt mit den Erkenntnissen von Charles Darwin.

Daß dieses Erklärungsmodell der Schöpfung inzwischen auch in Deutschland Einzug in den Schulunterrricht hält, wurde kürzlich in einer Filmdokumentation von Peter Moers und Frank Papenbroock behauptet. Die beiden Dokumentarfilmer zeigten die mittelhessische Provinz als Exklave des christlichen Fundamentalismus: An der Liebigschule und August-Hermann-Francke-Schule (AHFS) in Gießen werde im Unterricht Werbung für die kreationistische Sache gemacht. So seien etwa dem Schüler Jakobus Gäth im Biologieunterricht an der AHFS auf die Frage, wie 8000 Tierarten auf Noahs Arche hätten passen sollen, erst einmal die genauen Maße des biblischen Supertankers vorgerechnet worden.

„Wissenschaftsfeindlichkeit“

„Der Unterricht an dieser Schule ist einseitig auf die Bibel zugeschnitten“, stellt Jakobus' Vater Stephan Gäth fest, Professor für Agrarwissenschaft an der Universität Gießen und ehemaliger Elternbeiratsvorsitzender der AHFS. Vor zwei Jahren nahm er seinen Sohn nach der siebten Klasse von der Schule - „auch wegen der dort vorhandenen Wissenschaftsfeindlichkeit“.

Selbst an der staatlichen Liebigschule hat ein Lehrer die Schüler der 13. Klassen mit seinem Glauben vertraut gemacht: Seit 30 Jahren lehrt Wolfgang Meyer Biologie und Chemie, er gehört einer evangelischen Freikirche an und bezeichnet sich selbst als „Anhänger eines Schöpfungsmodells“. In seinen Stunden verwandte Meyer eine ältere Auflage des Buchs „Evolution. Ein kritisches Lehrbuch“ von Reinhard Junker und Siegfried Scherer. Herausgegeben wird die Publikation von der Studiengemeinschaft „Wort und Wissen“, offiziell ist sie nicht für den Unterricht zugelassen. Der evangelikale Verein mit Sitz im badischen Baiersbronn gilt als Zentrum des Kreationismus in Deutschland. Für den Evolutionsbiologen Professor Ulrich Kutschera von der Universität Kassel ist das Buch „das zentrale Propagandainstrument der Kreationisten und als Lehrbuch völlig ungeeignet“. Unüberprüfbare Glaubensgrundsätze würden darin in die Terminologie der Wissenschaft übertragen, um ihnen den Anschein der Überprüfbarkeit zu geben. Hinzu komme ein kruder Mix aus gefälschten Fakten und Spekulationen. „Moralisch verwerflich“ sei das, so der Evolutionsbiologe, der in seiner Abhandlung „Evolutionsbiologie“ (UTB 2006) die Argumente von Junker und Scherer Punkt für Punkt widerlegt.

„Alternative zur Evolution deutlich artikulieren“

Das „kritische Lehrbuch“ aus dem Hause „Wort und Wissen“ wird an der Liebigschule zumindest heute nicht mehr verwendet, sagt Schulleiterin Heidrun Sarges. Es sei „entsorgt“ worden. Und Studienrat Meyer? „Er wird in Zukunft im Rahmen der Schule entsprechende Themen konsequent meiden“, teilt die Direktorin mit. Die Schulbehörde Gießen zitierte ihn inzwischen zum Gespräch, außerdem soll ein Bericht für das hessische Kultusministerium verfaßt werden. Erst wenn er vorliegt, soll über ein mögliches Disziplinarverfahren gegen den Biologielehrer entschieden werden, der zur Zeit für Gespräche nicht zur Verfügung steht.

Im christlichen Medienmagazin „Pro“ nahm er letztmals ausführlich Stellung: „Gerade im Biologieunterricht“, sagt Meyer dort, „sollte die Alternative zur Evolution deutlich artikuliert werden.“ Angeblich nur in Ergänzung zur Evolutionstheorie: „Ich bespreche die Standardthesen und die dazugehörigen Experimente. Anschließend stelle ich den Schülern die Kritikpunkte an den Experimenten und deren Durchführungen vor.“ Seine ehemalige Schülerin Anna Lea Docter hat es anders wahrgenommen: „Evolutions- und Schöpfungstheorie wurden uns als gleichberechtigt vorgestellt.“ Nur bruchstückhaft habe Meyer die Evolution behandelt, wobei er lediglich auf jene Teilbereiche eingegangen sei, die er für angreifbar hielt.

„Im Rahmen des staatlichen Lehrplans“

Im Wiesbadener Kultusministerium hält man sich noch bedeckt. Prinzipiell sei gegen „Auseinandersetzungen mit philosophischen und religiösen Aussagen, die naturwissenschaftliche Diskussionen ergänzen“, nichts zu sagen, sagt Pressesprecher Christian Boergen. Nicht hinzunehmen sei allerdings, wenn aus der Auseinandersetzung eine Bekehrung wird. Daß Meyer seinen Schülern - wenn auch nur auf Nachfrage, wie er behauptet - erzählt, was er glaubt, ist bei aller Meinungsfreiheit nicht unbedenklich. Für manche Schüler stellt die Einschätzung des Lehrers die verbindliche Richtschnur dar.

„An unserer Schule bewegen wir uns im Rahmen des staatlichen Lehrplans“, sagt Harald Kronenberger, stellvertretender Schulleiter der AHFS, „und das, obwohl wir als Privatschule in christlicher Trägerschaft größere Freiheiten hätten.“ An eine einseitige Beeinflussung an der AHFS kann sich der ehemalige Schüler Nathanael Klimm nicht erinnern. „Ich denke, der Unterricht war ausgewogen“, sagt der Zwanzigjährige in der Rückschau. Allerdings nehme man als Schüler viel hin, ohne es zu hinterfragen. Auch an der AHFS seien Evolutions- und Schöpfungstheorie gleichberechtigt vermittelt worden. Zudem sei kreationistisches Denken bei vielen Lehrern verbreitet gewesen.

Alarmiert durch die Medienberichte, diskutierten Filmemacher und Elternvertreter bei einer Veranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung in Gießen über den Vorfall. Kreationisten waren nicht anwesend - „um ihnen kein Forum zu bieten“, wie der SPD-Landtagsabgeordnete Thorsten Schäfer-Gümbel erklärte. Nicht anwesend war auch der Direktor des Schulamts, Arno Bernhardt, der die Vorwürfe gegen Wolfgang Meyer überprüfen sollte. Bernhardt hatte Medien gegenüber angegeben, selbst einer evangelischen Freikirche anzugehören. Den Auftrag einer Untersuchung hat er inzwischen zurückgereicht. „Mir geht es gar nicht um Einzelfälle in Gießen“, sagt Schäfer-Gümbel. „Ich möchte nur erfahren, was an vielen, vor allem an privaten Schulen unter dem Deckmantel der Religion geschieht.“ Mit einer Diffamierung von Glauben und Christentum habe das nichts zu tun.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 08.10.2006, Nr. 40 / Seite 68
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