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Gewagtes Musical „Ich wäre so gern wie Osama“

07.08.2007 ·  Geschmacklosigkeit oder brillante Satire? In Edinburgh wird jetzt ein Dschihad-Musical uraufgeführt - mit hüpfenden Frauen in rosa Burkas. Wütende Proteste sorgen für viel Gesprächsstoff und damit vor allem für PR.

Von Claudia Bröll
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Der Mann könnte auch als Frauenschwarm in einem Bollywood-Film auftreten: gepflegter Dreitagebart, dunkle Augen, feuriger Blick - und eine schöne Tenorstimme hat er auch noch. Doch wenn der Inder Sorab Wadia im blütenweißen Hemd zum Singen ansetzt, muss so mancher im Publikum erst einmal schlucken. „I wanna be like Osama“, trällert der Beau mit keckem Lächeln und schwingt die Hüften. „Kill civilians in the millions around the globe.“ Hüpfende Frauen in quietschrosa Burkas schwenken dazu Maschinengewehre und Krummsäbel aus Pappe, werfen dem Möchtegern-Bin-Ladin ein Tuch auf den Kopf und einen Umhang um die Schultern, während dieser verzückt schmettert: „I won't be missed on the wanted list with a Jihad on my own.“ („Ich wäre so gern wie Osama / Würde Millionen Zivilisten auf der ganzen Welt umbringen / Mit meinem eigenen Dschihad würde ich auf keiner Fahndungsliste fehlen.“)

Geniale Satire, der Gipfel der Geschmacklosigkeit oder lediglich cleveres Marketing? Das Musical „Jihad“, das derzeit auf dem Edinburgh Festival aufgeführt wird, hat in Großbritannien aufgeregte Debatten entfacht. Es ist gerade mal fünf Wochen her, seit ein Selbstmordattentäter einen brennenden Jeep in den Flughafen von Glasgow fuhr und die Londoner Polizei nur knapp zwei Anschläge im Herzen der Stadt vereitelte. Innerhalb weniger Stunden wurden sich die Briten wieder bewusst, dass sie in ihrem Alltagsleben der Terrorgefahr unmittelbar und weitgehend schutzlos ausgeliefert sind.

„In erster Linie Opfer beleidigt“

Sich in diesen Zeiten auf der Bühne ausgerechnet über islamische Fanatiker zu amüsieren, geht selbst im liberalen Großbritannien einigen zu weit. „Wie kann man über Leute lachen, die Extremismus und Gewaltakte gegen unschuldige Menschen predigen“, empörte sich der Manager des „Islam Festival Edinburgh“, Sohaib Saeed. Die Musicalproduzenten sollten außerdem klarer zwischen Extremisten und gläubigen Muslimen unterscheiden, lautet seine Forderung. Seit dem Anschlagsversuch in Glasgow sei die Zahl der Angriffe auf Muslime in Schottland bereits um ein Drittel gestiegen. Derartige Theateraufführungen beflügelten die Vorurteile.

Ein Protestler lancierte sogar eine Petition auf der Internetseite von Premierminister Gordon Brown, das Stück rigoros zu verbieten. „Die Idee, den muslimischen Extremismus zu verulken, ist äußerst beleidigend, vor allem für die Opfer“, heißt es dort: „Das Edinburgh Fringe Festival fördert solche ,Kunst', ohne diejenigen zu berücksichtigen, die sich von so einem ,Musical' verletzt fühlen könnten.“ Die Resonanz fiel allerdings schwächer aus, als der besorgte Mann gehofft hatte. Nur neun Mitstreiter fanden sich - die etwa zeitgleich abgegebene Petition, das Tempolimit auf dem Windermere-See von zehn Meilen in der Stunde aufzuheben, brachte es auf fast 2000 Bürgerzusprüche.

Humor als Mittel gegen Einschüchterung

Die Musicalmacher denken freilich nicht daran, das Stück („ein Wahnsinnsgalopp durch die exzentrische Welt des internationalen Terrorismus“) abzusetzen, nachdem es dank der Proteste jetzt als heißer Festival-Tipp gehandelt wird. Die Schauspieltruppe sei nach dem Anschlagsversuch in Glasgow genauso geschockt gewesen wie jeder andere auch, erzählt Produzent James Lawler. Man habe sich jedoch bewusst dagegen entschieden, das Stück aus dem Programm zu nehmen. „Es soll nicht beleidigen oder verletzen, sondern die Geisteshaltung heraufbeschwören, die unter der britischen Bevölkerung während der Bombenangriffe auf London im Zweiten Weltkrieg herrschte: über diejenigen zu lachen, die uns einzuschüchtern versuchen.“

Dass einige Leute diese Art von Humor ablehnen, kann Lawler nicht verstehen. Die Protestler hätten das Stück offensichtlich nicht gesehen. Wie jede gute Satire befasse es sich auf humorvolle Weise mit einem aktuellen Thema und mache das Beste aus einer schwierigen Situation. „Wir laden alle ein, zu kommen und sich selbst ein Bild zu machen.“

Schon 43.000 „YouTube“-Nutzer

Die Besucher der Internetseite „YouTube“, auf der schon vorab der voraussichtliche Musical-Hit „I wanna be like Osama“ zu sehen und zu hören war, geben dem Produzenten recht: „Brillant“, „phantastisch“, „großartig“, lautet das nahezu einhellige Urteil. Einer fügt allerdings hinzu, dass der Sänger jetzt wohl etwas nervös sein müsse. Fast 43.000 Nutzer haben bisher den Videoclip angeklickt - ohne vorherige Proteste wären es sicherlich weitaus weniger gewesen.

„Jihad“ handelt von dem jungen afghanischen Bauern Sayid, der sein Glück als Blumenzüchter versuchen will. Betört von einer geheimnisvoll verschleierten Frau, gerät er in eine Firma, die angeblich Mohnblumen in den Westen exportiert. Bald findet Sayid heraus, dass es sich bei der Frau um eine Terroristin und beim Unternehmen um eine Extremistenzelle handelt, die entschlossen ist, Ziele im Westen in die Luft zu jagen. Doch für einen Rückzug ist es zu spät - der Bauer wird von wild tanzenden und singenden Dschihad-Kämpfern einer Gehirnwäsche unterzogen. Als ein von Kopf bis Fuß verschleierter Frauenchor die Liebesballade „I Only See Your Eyes“ flötet, ist es um ihn geschehen. Zu allem Überfluss fällt er auch noch einer abgebrühten Reporterin zum Opfer, die eine Exklusivgeschichte über die Terroristen wittert.

Keine Sorge um Sicherheit der Darsteller

Die Idee zu dem Stück entstand vor eineinhalb Jahren in New York. Ben Scheuer, ein Liedtexter mit Abschlusszeugnissen aus Eton und Harvard, präsentierte seinem Freund Lawler ein paar Textentwürfe. Daraus zimmerte ein neunköpfiges Team in meist privaten Sitzungen das eineinhalb Stunden lange Musik- und Tanzstück. Bei amerikanischen Künstlern kam der politisch wenig korrekte Stoff gut an. Aus mehr als tausend Bewerbungen wählte die Produktionsgesellschaft jene Jihad-Truppe aus, die seit wenigen Tagen in Edinburgh auf der Bühne steht. Ihre Mitglieder stammen aus verschiedenen Ländern, leben und arbeiten aber in den Vereinigten Staaten. Ob auch Muslime darunter sind, weiß Lawler nicht: „Das amerikanische Arbeitsrecht verbietet uns, nach der Religionszugehörigkeit zu fragen.“

Wegen der Sicherheit der Schauspieler, Sänger und der Zuschauer macht sich der Produzent des Terroristen-Klamauks keine Sorgen. Man habe das Musical mehreren muslimischen Gruppen in den Vereinigten Staaten gezeigt, die es allesamt amüsant gefunden hätten. Einige muslimische Künstler dächten darüber nach, es auch in Amerika aufzuführen. Sogar ein Film sei im Gespräch.

Extremismus als Thema bei Komikern sehr beliebt

Dass sich die Amerikaner für die Uraufführung ausgerechnet die schottische Kulturmetropole Edinburgh ausgesucht haben, ist kein Zufall. Das dort alljährlich im August stattfindende Festival, mit mehr als zwei Millionen Besuchern eines der größten seiner Art überhaupt, ist berühmt dafür, Kontroversen auszulösen. Die Veranstalter halten sich zugute, grundsätzlich nichts zu zensieren und damit vor allem aufstrebenden Künstlern eine Plattform zu bieten. Stars wie Rowan Atkinson, Stephen Fry und Emma Thompson machten während der achtziger Jahre ihre ersten Bühnenerfahrungen in Edinburgh.

In diesem Jahr scheint das Thema islamischer Extremismus hoch im Kurs zu stehen - nicht nur bei amerikanischen Musicalmachern. Auch mehrere britische Comedians kündigten an, auf den Terror und die jüngsten Attentatsversuche Bezug zu nehmen. Der den Briten aus dem Fernsehen bekannte Frankie Boyle etwa witzelte, dass die Leute am Flughafen Glasgow einen Moment lang nicht recht wussten, ob soeben ein Terrorist in das Terminalgebäude gerast war - oder ein verspäteter Richard Hammond. Hammond ist der waghalsige Testwagenfahrer in einer beliebten britischen Autosendung, der vor kurzem einen schweren Unfall erlitt.

Ebenso ist von der in Großbritannien erfolgreichen Fernsehunterhalterin Shazia Mirza beißende Satire zu erwarten. Die Britin indischer Abstammung machte nach den Anschlägen vom 11. September von sich reden, als sie ihren Auftritt im traditionell islamischen Hidschab-Gewand mit den Worten eröffnete: „Mein Name ist Shazia Mirza. Zumindest steht das in meinem Pilotenschein.“

Das Dschihad-Musical wird damit wohl nur eine von vielen provozierenden Aufführungen des Festivals sein. Aber kaum eine hat schon im Voraus für so viel Gesprächsstoff gesorgt wie das Usama-Singspiel.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 05.08.2007
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