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Gesundheitsforschung Arme Kinder - kranke Kinder

20.02.2005 ·  Über Jahrzehnte hinweg wurden die Kinder in Deutschland immer gesünder. Der Trend kehrt sich jetzt um: Krank werden vor allem die, die auch sonst nicht auf der Sonnenseite leben.

Von Richard Friebe
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Statistisch gesehen geht es den Kindern in Deutschland gut. Auch im internationalen Vergleich stehen sie gesundheitlich an der Spitze: Impfungen, Vorsorge, verbesserte Therapien und ein Netz von gut 6000 Kinderärzten haben dazu beigetragen. Allerdings stagnieren die Heilungserfolge bei Krankheiten wie Krebs oder Herzleiden. Andere Beschwerden nehmen zu, Allergien etwa, Diabetes, rheumatische Leiden oder Gelenk- und Haltungsschäden. Kinderärzte beobachten geradezu eine „neue Morbidität“ ihrer Klientel.

Der Widerspruch ist offensichtlich - und läßt sich schnell aufklären: Während Kinder aus gutem Hause sich im Durchschnitt nach wie vor blendender Gesundheit erfreuen, ist der Nachwuchs in sozial benachteiligten Gruppen inzwischen deutlich weniger fit.

Unterprivilegierte Kinder häufiger krank

Die Entwicklung kam nicht über Nacht. Schon 1994 veröffentlichten die Bielefelder Sozialforscher Andreas Klocke und Klaus Hurrelmann die Ergebnisse einer Studie, für die sie 3300 Kinder und Jugendliche befragt hatten. Der Nachwuchs aus der sozial schwächsten Kategorie bewertete seinen Gesundheitszustand bereits damals erheblich schlechter als der aus bessergestelltem Elternhaus. Was zunächst nur eine Momentaufnahme war, ist mittlerweile ein Trend geworden.

Unterprivilegierte Kinder sind heute nach Angaben des Bundesverbandes der Kinder- und Jugendärzte deutlich häufiger krank, bekommen öfter Infektionen, haben schlechtere Zähne, sind seltener geimpft, zeigen häufiger aggressives Verhalten und sind öfter fettleibig. Hinzu kommen Bewegungs- und Sprachprobleme. „Die gesundheitliche Gesamtsituation scheint sich langsam wieder zu verschlechtern“, sagt Hurrelmann heute. Er leitet in Bielefeld seit zehn Jahren eine bundesweit einmalige Fakultät für Gesundheitswissenschaften. Die neue Morbidität führt er auf ein zunehmend gestörtes Gleichgewicht zwischen Körper, Psyche und sozialer Umwelt zurück, er registriert „neue Störungen, die sich Schritt für Schritt zu neuen Krankheitsbildern aufschaukeln“.

Vier „neuralgische Problemfelder“

Hurrelmann nennt vier „neuralgische Problemfelder“: Erstens Fehlsteuerungen des Immunsystems, die sich als allergische oder auch rheumatische Krankheiten äußern und möglicherweise durch ein Übermaß an Hygiene mitverursacht sind. Zweitens fehlgesteuertes Ernährungs- und Bewegungsverhalten, das sowohl Übergewicht als auch Magersucht zur Folge haben kann. Drittens würden die Sinne vieler Kinder einseitig stimuliert: Einem audiovisuellen Overkill durch Fernsehen und Unterhaltungselektronik stehen Sinneskanäle wie Riechen, Schmecken, Fühlen oder Tasten eher verwaist gegenüber. Solche Fehlsteuerungen der Sinneskoordination führen, sagt Hurrelmann, zu Störungen der intellektuellen Leistungsfähigkeit und der Gefühlsentwicklung.

Zu alledem kommt, sagt der Bielefelder Sozialforscher, viertens eine oft nicht besonders ausgeprägte Fähigkeit hinzu, psychische Belastungen und soziale Anforderungen zu bewältigen. Die bisherigen Ergebnisse einer von der Weltgesundheitsorganisation WHO koordinierten Studie (“Health Behaviour in School-aged Children“) bestätigen seine Sichtweise.

Eltern als Moderatoren gefordert

Auch Daten aus Deutschland zeigen, daß Kinder mit sozial schwachem Hintergrund nicht nur unter größeren psychischen Belastungen leiden, sondern Probleme auch schlechter bewältigen können als Gleichaltrige aus stabileren und wohlhabenderen Verhältnissen. „Sie sind weniger gut in der Lage, mit Belastungen produktiv umzugehen. Sie schaffen es nicht, Enttäuschungen zu verarbeiten, und versuchen das dann vor dem Fernseher und mit Essen zu kompensieren“, sagt Hurrelmann. Tatsächlich zeigen die Erhebungen, daß genau diese Kinder am meisten fernsehen und sich am wenigsten bewegen.

Die Eltern wären heute eigentlich mehr gefordert denn je. Zum Beispiel als Moderatoren: Schließlich stürzen Informationen aller Art ungefiltert über die Kinder herein - Bilder von einer Flutwelle etwa, die Hunderttausende von Menschen tötet. Wenn Kinder mit solchen Eindrücken allein gelassen werden und gleichzeitig noch die Ängste, Belastungen und Konflikte der Eltern spüren, kann sie das an die Grenzen ihrer psychischen Belastbarkeit bringen.

Die deutsche Zweiklassengesundheit

Nun leben wir in Deutschland, das immer noch zu den reichsten Ländern der Erde zählt. Theoretisch müßte das im internationalen Vergleich noch immer ziemlich gut funktionierende deutsche Gesundheitssystem in der Lage sein, die Benachteiligung ärmerer Schichten durch eine medizinische Gleichbehandlung abzufedern. Studien, beispielsweise aus Niedersachsen oder Brandenburg, zeigen aber, daß Vorsorgeuntersuchungen oder Impfungen von unterprivilegierten Familien deutlich weniger in Anspruch genommen werden.

Auch wenn ihren Kindern während der Schuleingangsuntersuchung doppelt so häufig ein Entwicklungsrückstand diagnostiziert wird, nehmen sie die empfohlene Frühförderung viel seltener wahr als bessersituierte Eltern. Die deutsche Zweiklassengesundheit zeigt sich schon vor der Geburt. Mütter aus der Unterschicht bringen häufiger Früh- und Neugeborene mit sehr niedrigem Gewicht zur Welt, bei ihnen ist auch die Säuglingssterblichkeit am höchsten. Schon im Mutterleib haben Arme die schlechteren Chancen.

Gut betreute Ganztagsschulen wichtig

Mit Hilfe eines Präventionsgesetzes, das Anfang Februar vom Kabinett in Berlin gebilligt wurde, will Gesundheitsministerin Ulla Schmidt jetzt wieder insgesamt mehr Gesundheitsvorsorge zu den Kindern bringen. Auch in diesem Bereich hatte die Gesundheitsreform zuvor deutliche Einschnitte gebracht. „Die Größenordnung des Problems wird in der Öffentlichkeit noch gar nicht wahrgenommen“, sagt der Soziologe Andreas Klocke, der heute an der Fachhochschule Frankfurt lehrt. Aus seiner Sicht ist nicht die materielle Knappheit der größte Feind der kindlichen Gesundheit, sondern „psychosoziale Armut“.

Sehr häufig bedingt allerdings das eine das andere. Man müsse deshalb eigentlich massiv in Bildung und Lebensumstände investieren, die der kindlichen Gesundheit förderlich sind. Statt dessen versuche man nun, an der jungen Generation zu sparen, „was uns in zwanzig Jahren massive Probleme bescheren wird, wenn wir die Folgen zu spüren bekommen“. Der beste Weg sei es, gut betreute Ganztagsschulen aufzubauen, die für alle da sind, von denen aber die Armen am meisten profitieren, sagt Klocke. Sein Mitarbeiter Ulrich Becker nennt das „den Zusammenhang zwischen materieller und psychosozialer Armut aufbrechen“.

Man könnte auch sagen: Eine möglichst glückliche Kindheit für alle - das wäre ziemlich gesund.

Der 20. Februar 2005 ist der erste bundesweite „Tag der Gesundheitsforschung“, der künftig jährlich stattfinden soll. Thema ist diesmal die Kinder- und Jugendmedizin. Von Greifswald bis München sind in 37 Städten Veranstaltungen für Eltern und Kinder geplant. Es werden Führungen und Vorträge angeboten, und es besteht die Möglichkeit, Kliniken und Forschungseinrichtungen zu besichtigen (www.tag-der-gesundheitsforschung.de).

Im Internet: WHO-Studie: www.hbsc.org

Kindergesundheitsstudie www.kiggs.de

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 20.02.2005, Nr. 7 / Seite 67
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