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Polio-Krankenhaus : Eine Klinik für Kämpfer

Mit hohem Krafteinsatz: Post-Polio-Syndrom-Patient Michael Speicher macht seine Übungen in Begleitung eines Therapeuten im Katholischen Klinikum Koblenz Bild: Röth, Frank

Wer an Kinderlähmung erkrankt ist, leidet oft noch Jahre später unter Schmerzen und Lähmungen. Aber nur ein einziges Krankenhaus in Deutschland hat sich auf die Not der 80.000 Betroffenen spezialisiert. Ein Besuch.

          Zuerst kam Michael Speicher die Leiter nicht mehr hoch. Dann stieß er ständig irgendwo an, schwankte wie ein Seekranker durch sein Haus. Schließlich fiel er immer häufiger hin. Neun Jahre ist das her. Speicher konnte beobachten, wie seine Beine immer steifer wurden, starrer, krummer. Heute sitzt er im Rollstuhl. Speicher ist ein stämmiger Typ, mit passendem Händedruck, aber mit Beinen unbeweglich wie Brückenpfeiler. Es ist die Rache seines Körpers. Dafür, dass er ihn 50 Jahre lang überfordert hat, immer 150 Prozent gab, wo er eigentlich nur 80 hätte geben können. Typisch für Menschen wie Speicher, die in jungen Jahren an Kinderlähmung erkrankt sind. Oft werden sie im Laufe des Lebens zu Kämpfernaturen.

          Mona Jaeger

          Redakteurin in der Politik.

          Auf den Fluren des Katholischen Klinikums in Koblenz sieht man sie in modischen Sportschuhen, mit breiten Schultern und Zuversicht im Gesicht. Sie mussten schon immer um jeden Schritt vorwärts kämpfen, waren es gewohnt, ihre Arme, Beine und Hände zu überlisten. Wenn ihr Körper sich beschwerte, hörten sie einfach nicht hin. Bis sie zusammenbrachen. Erst seit sie Axel Ruetz kennen, begreifen sie ihren Körper wieder als Freund, mit dem man gut umgehen muss.

          2008 kam Ruetz nach Koblenz und begann, Deutschlands einziges Zentrum zur Behandlung von Patienten mit Kinderlähmung aufzubauen. Im ersten Jahr hatte er nur eine Handvoll Patienten. Heute sind es jährlich mehr als 500. Auf seiner Station stehen 33 Betten. Neben der Rezeption hängt eine große Karte mit vielen kleinen Nadeln, es sind die Heimatorte der Patienten. Sie kommen aus Frankfurt, Hamburg, Föhr oder Stettin nach Koblenz, um die Folgen ihrer Kinderlähmung von Ruetz und seinen Kollegen behandeln zu lassen.

          Nach Jahrzehnten können die Lähmungen plötzlich zurückkehren

          Etwa 80.000 Erwachsene leiden in Deutschland unter dem sogenannten Post-Polio-Syndrom. Hinter ihnen liegen oft Leidens- und Lebensgeschichten wie die von Michael Speicher. Bei ihm fing es mit den Beinen an. Er, 1958 geboren, wuchs eigentlich zu einer Zeit auf, als man die Kinderlähmung schon gut im Griff hatte. Mit zwei Jahren sollte er geimpft werden, verpasste wegen einer Grippe aber den Termin beim Arzt. Ein paar Tage später brach die Krankheit bei einigen Bekannten aus, und Speicher infizierte sich. Er hatte schlicht Pech. Man steckte ihn ein halbes Jahr in eine Kinderklinik nach Krefeld. Die Eltern sah er nur selten.

          Nicht nur Kinder, auch Erwachsene können sich über Fäkalien oder verschmutztes Wasser mit dem Virus infizieren. Hat man sich angesteckt, äußert sich die Erkrankung mit unspezifischen Symptomen: Fieber, Hals- und Kopfschmerzen. Ein bis zwei Tage später können die Beine und Arme versagen, das Schlucken funktioniert nicht mehr gut, das Atmen fällt schwer; dann hat das Virus das zentrale Nervensystem befallen. Polio kann zum Tod führen oder zu bleibenden Lähmungen vom Hals abwärts.

          Im Durchschnitt treten bei einer von 200 infizierten Personen die typischen und dauerhaften Lähmungen auf. Werden sie richtig behandelt, kann man in den ersten vier Jahren nach der Infektion viele der Lähmungen wieder rückgängig machen. Trotzdem bleibt die Kinderlähmung eine unheilbare Krankheit, ihre Folgen kann man allenfalls mit Medikamenten und Training etwas eindämmen. Wer das nicht tut, bei dem können nach Jahrzehnten plötzlich die Lähmungen zurückkehren.

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