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Zecken Gefährlicher Knubbel mit acht Beinen

07.05.2006 ·  Es tummeln sich fast jedes Jahr mehr Zecken in Deutschlands Wiesen und Wäldern. Schuld daran ist der Klimawandel. Auch die Zahl der Erkrankungen nimmt zu - dabei kann man einer Infektion gut vorbeugen.

Von Roland Knauer
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Wer nach einem ausgedehnten Frühjahrsspaziergang beim Duschen einen ungewohnten Knubbel in der Kniekehle, in den Leisten oder hinter den Ohren fühlt, sollte genauer hinschauen: Oft genug zappeln acht winzige Beinchen an diesem Knubbel, der sich als Zecke entpuppt. Diese vielerorts auch Holzbock genannten Blutsauger gehören zu den Spinnentieren, die bekanntlich auf acht Beinen durch die Welt staksen. Gerade im Frühjahr und Frühsommer häufen sich Kontakte mit solchen Parasiten aus zwei Gründen: Mensch und Tier drängt es aus Häusern und Ställen nach einem langen Winter ins Freie. In Europa aber tummeln sich fast jedes Jahr mehr Holzböcke, weil der Klimawandel diesen Achtbeinern anscheinend zugute kommt: Strenge Winter sind selten geworden, die die Zecken früher kräftig dezimiert haben.

Steigende Temperaturen auf dem Globus bescheren den Europäern also mehr Infektionskrankheiten. Zecken übertragen bei ihrer Blutmahlzeit eine ganze Reihe von Erregern. Als Peter Kimmig vom Landesgesundheitsamt in Baden-Württemberg 9.189 Holzböcke mit gentechnologischen Methoden untersuchen ließ, fand er je nach Region in bis zu 2,3 Prozent dieser Spinnentiere auch das Virus, das eine FSME (Frühsommer-Meningoenzephalitis) genannte Entzündung des Gehirns auslösen kann. In den achtziger Jahren lag die Zahl der Zecken mit FSME-Erreger dagegen noch im Promillebereich. Heute ist die Infektionsgefahr mit dieser Krankheit also zehnmal höher als noch vor 20 Jahren.

Steigende Zahl an FSME-Erkrankungen

Dazu passen auch die Krankheitsfälle: Während in Deutschland früher keine hundert FSME-Erkrankungen im Jahr gemeldet wurden, waren es 2005 schon mehr als 500 Fälle. Selbst in Regionen, in denen bisher keine FSME-Erkrankungen bekannt- wurden, finden die Forscher in bis zu 0,8 Prozent der Zecken den Erreger für diese Krankheit. Anscheinend breitet sich das FSME-Virus von seinem ursprünglichen Vorkommen in Teilen Baden-Württembergs und Bayerns langsam in den Rest der Republik aus. Die abgesehen vom vergangenen Winter inzwischen meist recht milden „kalten Jahreszeiten“ tragen ihr Scherflein zu dieser Ausbreitung bei.

Zum Glück merken die meisten Menschen es nicht einmal, wenn sie sich mit FSME infiziert haben. Nur in 30 Prozent aller Fälle verursacht der Erreger eine „Sommergrippe“. Erst wenn das Virus wie in jedem zehnten Patienten auf das Nervensystem überspringt, ist Gefahr in Verzug. In diesem Fall kann der Arzt nur noch die Symptome lindern, die Viren aber können mit Medikamenten nicht vernichtet werden. Da ist es mit Sicherheit besser, wenn man sich vorher hat impfen lassen. Der Impfstoff gegen FSME ist nicht nur gut verträglich, sondern auch gut wirksam.

„Borrelia burgdorferi“

Schwieriger zu behandeln ist die Lyme-Borreliose, eine Infektionskrankheit, die durch das Bakterium „Borrelia burgdorferi“ aus der Gruppe der Spirochäten ausgelöst wird. Die Borrelien können sich nach einer Infektion über den Blutkreislauf im gesamten Organismus ausbreiten und dabei jedes Organ und Gewebe in Mitleidenschaft ziehen. Deshalb spricht man bei dieser Erkrankung auch von einer multisystemischen Krankheit. Das Bakterium kommt in Baden-Württemberg je nach Region in 14 bis 24 Prozent aller Zecken vor. Da jeder vierte infizierte Holzbock den Erreger bei einer Blutmahlzeit an den Menschen weitergibt, könnte zumindest in bestimmten Regionen jeder zehnte Zeckenbiß eine Borreliose-Infektion nach sich ziehen.

Sie beginnt häufig mit einer Rötung der Haut, Mediziner nennen das „Wanderröte“. Danach kann eine Sommergrippe folgen, in dieser Zeit verteilen die Bakterien sich auf verschiedene Organe. Schließlich können sich die Erreger in den Gelenken oder im Nervensystem festsetzen und heftige Schmerzen verursachen. Anders als bei FSME gibt es keine Impfung gegen Borreliose, die in allen Bundesländern auftreten kann und häufig auch in Vorgärten und Parks von Zecken übertragen wird. Andererseits kann man die für Deutschland vermuteten jährlich rund 50.000 Borreliose-Neuinfektionen relativ gut mit Antibiotika behandeln.

Mit einer spitzen Pinzette entfernen

Besser ist es allerdings, es gar nicht erst zu einer Infektion kommen zu lassen. Das funktioniert zwar recht einfach, erfordert aber unter anderem das Tragen von Kleidern, die selbst bei sommerlichen Temperaturen möglichst viel Haut bedecken. Wer sich vor Zeckenbissen schützen möchte, sollte zudem möglichst helle Farben tragen, auf denen man die dunklen Zecken relativ leicht erkennen kann. Da Holzböcke meist an der Spitze längerer Grashalme auf ihre Opfer warten, sollte man sich nach Möglichkeit nur auf kurz gemähten Wiesen niederlassen, auf denen Vögel vorhandene Zecken meist rasch entdecken und vertilgen.

Wer dann noch nach jedem Aufenthalt im Grünen die gesamte Kleidung einschließlich der Unterwäsche gut ausschüttelt, anschließend duscht und danach den Körper sorgfältig nach Zecken absucht, sorgt gut vor. Denn für alle Erreger und vor allem für die Lyme-Borreliose gilt, daß eine Infektion um so wahrscheinlicher wird, je länger der Holzbock ungestört Blut saugt. Je schneller eine Zecke am besten mit einer spitzen Pinzette entfernt wird, um so geringer ist die Wahrscheinlichkeit einer Infektion.

Die Schafzecke „Dermacentor marginatus“

So verringert man schließlich auch die Übertragung anderer Erreger wie „Rickettsia helvetica“. Dieses Bakterium wurde ursprünglich in der Schweiz in Zecken entdeckt, ist inzwischen aber auf dem Vormarsch nach Norden. In Baden-Württemberg fand Peter Kimmig in 8,9 Prozent aller Holzböcke diesen Erreger, von dem aber noch niemand weiß, ob er Krankheiten auslöst. Bei den ebenfalls zu den Rickettsien gehörenden „Coxiella burnetti“ genannten Bakterien dagegen kennt man die zugehörige Krankheit gut: Q-Fieber ist seit den vierziger Jahren in Deutschland bekannt. Überträger ist aber nicht der Holzbock, sondern die Schafzecke „Dermacentor marginatus“. Wie der Name andeutet, infiziert sie häufig Schafe mit den Bakterien. Der Erreger kann aber auch in trockenem Staub oder in Schafswolle monatelang überleben und bei Kontakt Menschen effektiv anstecken: Nachdem Anfang Juni 2005 vor einem Wohnblock in Jena eine Schafherde geweidet hatte, in der anscheinend ein Tier mit „Coxiella burnetti“ infiziert war, erkrankten dort zwischen Ende Juni und August mehr als 300 Personen an Q-Fieber.

Die Infektion mit grippeartigen Symptomen und einer Sterblichkeit von ungefähr einem Prozent läßt sich zwar mit Antibiotika ebenfalls gut behandeln. Allerdings kann sich der Erreger im Menschen festsetzen und muß dann bis zu vier Jahre lang behandelt werden.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.05.2006, Nr. 106 / Seite 11
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