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Zahl der Spender gesunken Multiples Organversagen

11.01.2012 ·  Die Zahl der Organspender in Deutschland geht zurück. Das liegt auch an der Verunsicherung durch Rechtsdiskussionen – nicht in erster Linie in der Bevölkerung, sondern bei Ärzten und Krankenhäusern.

Von Peter-Philipp Schmitt
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Der Rückgang der Organspender-Zahlen ist 2011 weniger dramatisch ausgefallen, als es die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) noch in der ersten Hälfte des Jahres befürchten musste. Lag die Zahl der Organspender 2010 noch bei insgesamt 1296 Organspendern, so brach sie bis Mitte 2011 um fast zwölf Prozent ein. Bis Ende Dezember verzeichnete die DSO dann wieder einen Zuwachs. Am Mittwoch konnte sie für 2011 insgesamt 1200 Organspender vermelden, ein minus von 7,4 Prozent. Auch die Zahl der gespendeten Organe sank - von 4205 auf 3917. Konnte 2010 noch 4326 Menschen mit einer Organtransplantation aus dem Eurotransplant-Verbund geholfen werden, so waren es 2011 mit 4054 fast 300 weniger. Die Stiftung Eurotransplant mit Sitz im niederländischen Leiden ist für die Zuteilung von Spenderorganen in sieben Ländern mit etwa 125Millionen Einwohnern verantwortlich: Belgien, Deutschland, Kroatien, Luxemburg, Niederlande, Österreich, Slowenien.

Im regionalen Vergleich gingen die Organspender-Zahlen in fast ganz Deutschland zurück. Einzig in der Region Ost (Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen) stiegen sie von 155 auf 166. In der Region Bayern blieb die Zahl fast konstant (189 statt 192). In den restlichen fünf DSO-Großregionen gab es teils massive Einbrüche: in der Region Nord (Bremen, Hamburg, Niedersachsen, Schleswig-Holstein) von 213 auf 193, Region Nord-Ost (Brandenburg, Berlin, Mecklenburg-Vorpommern) von 144 auf 129, Region Baden-Württemberg von 134 auf 115, Region Mitte (Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland) von 202 auf 165 und Region Nordrhein-Westfalen von 256 auf 243.

Für den Rückgang gibt es nach den Worten des medizinischen Vorstands der DSO, Günter Kirste, keine eindeutige Erklärung. Auch wenn besonders im Januar und Februar die Spenderzahlen stark zurückgegangen seien, so lasse sich das nicht etwa mit Eis und Schnee erklären. Bei glatten Straßen fahren zwar Autos vorsichtiger, was weniger Unfälle zur Folge hat. Doch zugleich stürzen auch mehr Menschen und erleiden Schädelverletzungen. Nach Angaben Kirstes liegt der Anteil der Personen, die nach einem Verkehrsunfall einen Hirntod erleiden, ohnehin nur bei unter 20Prozent aller möglichen Organspender. „Die Krankenkassen haben im Januar und Februar erstaunlich wenige Behandlungsfälle verzeichnet“, sagt Kirste. Es habe auch weniger Verstorbene gegeben.

Diskussionen sorgen für Unsicherheit

Nachdem es gelungen war, die Zahl der Organspender in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrzehnts um mehr als 25 Prozent zu steigern (von rund 1000 auf gut 1300), brach die Zahl 2008 wieder massiv ein (auf 1198). Bereits 2007 war es zu einer Diskussion wegen einer Erweiterung des Transplantationsgesetzes gekommen. Damals wurde eine EU-Richtlinie im Zusammenhang mit der Qualität und Sicherheit von menschlichen Geweben und Zellen umgesetzt. Nach 2008 stiegen die Spenderzahlen wieder auf fast 1300 im Jahr 2010. Seit Herbst 2010 wurde dann wieder und immer heftiger über eine abermalige Änderung des Gesetzes diskutiert. Dieses Mal ging es um die „Entscheidungslösung“, auf die sich am Ende des Jahres die Fraktionen des Deutschen Bundestags geeinigt haben. Demnach soll sich jeder Bürger mindestens einmal in seinem Leben mit dem Thema Organspende befassen - er kann sich zu ihr bereit erklären, sie ablehnen oder seine Entscheidung auf einen späteren Zeitpunkt verschieben. Dokumentiert werden soll sein Entschluss auf der neuen elektronischen Gesundheitskarte. Vor 2016/2017 rechnet die DSO allerdings nicht mit einer Umsetzung des von ihr sehr begrüßten Vorschlags.

„Die Rechtsdiskussionen der vergangenen Jahre haben jeweils für Verunsicherungen gesorgt“, glaubt Kirste. Und zwar nicht in erster Linie in der Bevölkerung, sondern bei Ärzten und Krankenhäusern. „Die Kliniken haben offenbar das Gefühl, sich auf rechtlich schwammigem Boden zu bewegen.“ Was dazu führt, dass sie ihrer gesetzlichen Pflicht, mögliche Organspender zu melden, nicht nachkommen. Kirste berichtet von Unikliniken, die jedes Jahr 20Organspender melden - andere Häuser, die gleich groß seien, kämen nur auf zwei. Er nennt als Beispiel die DSO-Großregion Baden-Württemberg: Drei Unikliniken (Mannheim, Freiburg und Heidelberg) arbeiteten gut mit der DSO zusammen, zwei andere weniger gut.

Auch auf Länderebene läge noch vieles im Argen. So haben nur sieben Bundesländer Transplantationsbeauftragte an Krankenhäusern eingeführt (Bayern, Baden-Württemberg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz, Sachsen und Schleswig-Holstein), in Nordrhein-Westfalen sind sie fest vorgesehen. Eine Kontrolle ihrer Arbeit fehle aber bislang. Um die Arbeit dieser Koordinatoren besser einschätzen zu können, hat die DSO gemeinsam mit dem Bundesgesundheitsministerium und der Deutschen Krankenhausgesellschaft ein freiwilliges Projekt in den größten Kliniken der Republik angestoßen: 112 der 156 Unikliniken und Krankenhäuser mit einer neurochirurgischen Intensivstation beteiligten sich (insgesamt gibt es rund 1400 Krankenhäuser in Deutschland, 80 bis 85 Prozent aller Organspender entfallen allerdings auf die 156 größten). Zwischen dem 1.April 2010 und dem 31.März 2011 wurde quartalsweise ausgewertet, wie viele Patienten mit einer Hirnschädigung (primär oder sekundär) verstorben waren. Insgesamt waren das rund 11000 Patienten. Knapp ein Drittel war ohne Beatmung gestorben, eine Organentnahme war nicht möglich. Wie viele der Verstorbenen letztlich als mögliche Spender in Frage gekommen wären, ist laut Kirste Spekulation.

Organspende-Bereitschaft in Patientenverfügungen nicht verzeichnet

Allerdings glaubt der DSO-Vorstand, dass bei zu vielen Schwerverletzten zu schnell eine Therapie auf vermeintlichen Wunsch des Patienten erst gar nicht mehr eingeleitet wird. „Patientenverfügungen richten sich eigentlich an chronisch Schwerstkranke.“ Inzwischen kämen aber oft Schwerverletzte nach einem akuten Unfall ins Krankenhaus, die zwar mittels Verfügung eine Therapie ausgeschlossen hätten, aber womöglich sogar gerettet werden könnten. Zugleich sei in den Patientenverfügungen eine Organspende-Bereitschaft nicht verzeichnet, organprotektive Maßnahmen würden nicht eingeleitet. In Spanien, dem Land mit den meisten Organspendern auf der Welt (34,4 auf eine Million Einwohner), würde in jedem Fall zunächst eine Therapie eingeleitet.

Das Projekt „Inhouse-Koordination“ wurde inzwischen verlängert. Kirste und sein Kollege, der kaufmännische DSO-Vorstand Thomas Beck, sind sich sicher, dass es ein Erfolg ist. Allein der Daten-Rücklauf der teilnehmenden Krankenhäuser sei mit 90 Prozent beeindruckend. Die Zusammenarbeit mit vielen Kliniken habe sich klar verbessert, die Bereitschaft, etwas im Haus zu verändern, sei groß, so Beck. Ob sich auch die Zahl der Organspender bald wieder erhöht, bleibe abzuwarten. „Wir haben allerdings mehr als 400 Verbesserungsvorschläge von den Krankenhäusern bekommen.“ Diese wolle man nun gemeinsam angehen und abarbeiten.

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Jahrgang 1967, Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

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