02.06.2011 · Aus Sorge vor dem gefährlichen Ehec-Erreger hat Russland alle Gemüseimporte aus der EU gestoppt. In Deutschland ist inzwischen die Rede von bis zu 2000 Ehec-Infektionen und 17 Toten. Die Quelle des Erregers ist weiter unbekannt.
Rund drei Wochen nach dem Auftreten der ersten Ehec-Fälle gibt es in der besonders betroffenen Stadt Hamburg weiter keine Entwarnung. „Bei uns ist die Lage nach wie vor angespannt“, sagte Prof. Jörg Debatin, Vorstandschef des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf.
Zur Zeit werden nach seinen Angaben in der Klinik 102 Patienten mit dem hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS), einer schweren Komplikation, behandelt. Darunter seien 27 Kinder und fünf schwangere Frauen. „Der Trend, den wir Anfang der Woche erhofft hatten, dass die Anzahl der Neuinfektionen zurückgeht, hat sich leider nicht bestätigt“, sagte Debatin. In der Nacht zum Donnerstag starb im Klinikum eine 81 Jahre alte Frau an den Folgen der Infektion. In Deutschland war es der 17., in Hamburg der 3. Ehec-Todesfall. Das Robert-Koch-Institut (RKI) berichtet bisher von beinahe tausend bestätigten Ehec-Infektionen seit Anfang Mai. In den Medien ist schon von bis zu 2000 Infektions- und Verdachtsfällen die Rede.
Der neugewählte Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, sagte der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Kiel, niemand müsse in Panik vor dem Bakterium verfallen. Das Gesundheitssystem sei zwar gerade in der intensivmedizinischen Betreuung bis an seine Grenzen gefordert, aber es sei „auch erkennbar, dass wir das Problem in den Griff bekommen können“. Er sagte: „Wir testen gerade unser Notfallsystem unter extremen Bedingungen aus und es zeigt sich, wie ich finde, es ist belastbar und stabil. “ Montgomery appellierte erneut an die Bürger, die Warnhinweise vor dem Genuss von Freilandgemüse zu beherzigen und einfache Hygieneregelen zu befolgen: „Wenn jeder von uns den alten Grundsatz beherzigt, ,Nach dem Klo und vor dem Essen, Händewaschen nicht vergessen', hilft er, sich und andere gegen eine Infektion mit Ehec abzusichern.“
Russland stoppt Gemüseimporte aus der EU
Russland hat wegen der wachsenden Zahl von lebensgefährlichen Ehec-Infektionen insbesondere in Deutschland alle Gemüseimporte aus der Europäischen Union gestoppt. „Der Importstopp für frisches Gemüse aus den Ländern der Europäischen Union tritt in diesem Morgen in Kraft“, zitierte die Nachrichtenagentur Interfax den Chef der russischer Verbraucherschutz-Agentur Gennadi Onischenko. Die „unpopuläre Maßnahme“ bleibe in Kraft, bis europäische Stellen Moskau über die Quelle der Infektion und ihren Verbreitungsweg informiert hätten.
Onischenko forderte seine Landsleute zu großer Vorsicht beim Einkauf von Gemüse auf und riet ihnen, heimische Waren zu kaufen. Am Montag hatte Russland bereits ein Importstopp für Gemüse aus Deutschland und Spanien verhängt.
Die EU kritisierte den russischen Schritt. Kommissionssprecher Frederic Vincent nannte ihn unangemessen. Pro Jahr wird laut EU-Angaben frisches Obst und Gemüse im Wert „zwischen drei und vier Milliarden Euro“ nach Russland exportiert, in erster Linie Äpfel.
Weitere Ehec-Fälle im Ausland
Inzwischen sind nach Angaben von EU-Vertretern auch in den Vereinigten Staaten drei Ehec-Fälle aufgetreten.
Die britische Gesundheitsbehörde hat sieben Ehec-Infektionen bestätigt. Fast alle Infizierten hätten kürzlich Deutschland besucht, teilten die Behörden am Donnerstag mit. Die Gesundheitsbehörde betonte, es gebe keine Hinweise, dass die Menschen sich in Großbritannien angesteckt hätten. Die Lebensmittelbehörde teilte mit, es seien keine kontaminierten Lebensmittel importiert worden.
Quelle weiter unbekannt
Zugleich tappen die Experten auf der Suche nach der Quelle des gefährlichen Erregers völlig im Dunkeln. Es gebe keinen Anlass für Entwarnung, unterstrich der Präsident des Robert Koch-Instituts, Reinhard Burger, bei einer Sondersitzung des Bundestags-Verbraucherausschusses am Mittwoch in Berlin. Die Quelle sei unbekannt, und es sei nicht auszuschließen, dass sie weiter zu Infektionen führe. Erst in einigen Tagen werde sich zeigen, ob die Warnungen vor rohem Gemüse die Infektionen gebremst haben.
Niedersachsen meldete einen weiteren Ehec-Todesfall. Bereits am Sonntag starb dort eine 84 Jahre alte Patientin an der schweren Ehec-Komplikation Hus. Das HusSyndrom (Hus) kann zu lebensgefährlichen Nieren- und Nervensystemschäden führen. Damit sind bundesweit 16 Todesfälle registriert, 14 davon waren Frauen.
Vor allem in Norddeutschland stieg die gemeldete Zahl der bestätigten Erkrankungen und der Verdachtsfälle sprunghaft an. Niedersachsen meldete am Mittwoch 344 Verdachtsfälle, das sind 80 mehr als am Vortag. „Wir verzeichnen wieder einen deutlichen Anstieg der Erkrankungsfälle durch Ehec und Hus“, sagte auch Hamburgs Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD). Dort gebe es 668 Ehec-Fälle oder Verdachtsfälle, 119 mehr als am Vortag.
Schleswig-Holstein meldete einen Anstieg um rund 100 Fälle auf 458 bestätigte Ehec-Infektionen. Sorge bereitet den Ärzten dort ein starker Anstieg neurologischer Komplikationen. „Wir haben Patienten, die überhaupt keinen Durchfall haben, aber schwere neurologische Symptome“, schilderte der Kieler Klinikdirektor Prof. Ulrich Kunzendorf. Ein Beispiel sind epileptische Anfälle.
Mehr Erkrankungen auch in Bayern
Die Zahl der Ehec-Erkrankungen in Bayern hat sich innerhalb weniger Tage mehr als verdoppelt. Nach Angaben des Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) vom Mittwochabend haben sich im Freistaat mittlerweile mindestens 59 Menschen mit dem Darmkeim infiziert. 16 Patienten leiden unter dem Hus-Syndrom, das zu Nierenversagen führen kann. Bei weiteren drei Personen bestehe der Verdacht auf Hus. Als möglichen Grund für den starken Anstieg im Laufe der Woche nannte eine Sprecherin Meldeverzögerungen. Noch am Montag war die Behörde in Erlangen von lediglich 23 Ehec-Fällen ausgegangen.
Experten suchen unterdessen weiter fieberhaft nach der Quelle der Erreger: „Man kann derzeit gar nichts ausschließen“, erklärte Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU). Die Lieferwege müssten zurückverfolgt, Lieferlisten ausgewertet werden.
Eine Übertragung von Mensch zu Mensch sei sehr unwahrscheinlich, wenn man normale Hygieneregeln einhalte, erläuterte Prüfer-Storcks. „Sehr viel wahrscheinlicher ist wirklich die Primärinfektion über ein Lebensmittel, das man zu sich nimmt.“ RKI-Präsident Burger mahnte aber insbesondere bei der Pflege erkrankter Angehöriger zu strikter Hygiene. Das gelte auch für Krankenhauspersonal. Mittlerweile gebe es „erste Hinweise, dass eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung erfolgen kann“.
Ausbreitung auch im Ausland
Auch im Ausland breitet sich der Keim weiter aus: In Tschechien gibt es einen ersten nachgewiesenen Ehec-Fall. Eine amerikanische Touristin sei definitiv an dem Erregertyp O104 erkrankt, teilte das nationale Referenzlabor in Prag mit. Die EU-Kommission nannte zudem folgende Ehec-Zahlen: Schweden 41 (davon 15 Hus), Dänemark 14 (davon 6 Hus), Frankreich 6 Ehec-Fälle, Großbritannien 3 Fälle (davon 2 Hus), Niederlande 7 (davon 3 Hus) und Österreich 2 Ehec-Fälle. In den meisten Fällen handele es sich um Menschen, die kurz zuvor in Deutschland gewesen seien.
EU-Gesundheitskommissar John Dalli sprach in Brüssel von einer „ernsten Krise“. Er erwartet bei der Suche nach der Infektionsquelle rasche Aufklärung aus Deutschland. „Der anfängliche Verdacht Deutschlands, Gurken aus Spanien könnten schuld sein, hat sich bisher nicht bestätigt.“ Mehr Klarheit könne es aber erst geben, wenn die Ergebnisse der Boden-, Wasser- und Produktproben aus den Betrieben in Almeria und Malaga vorlägen - „spätestens Donnerstag“, ergänzte er.
Entschädigungen für Bauern seien generell denkbar, sagte Dalli. Er sei „besorgt“ wegen der finanziellen Folgen für Gemüseproduzenten in Europa und arbeite eng mit EU-Agrarkommissar Dacian Ciolos zusammen. Ciolos hatte zuvor angekündigt, rechtliche Möglichkeiten für Kompensationen betroffener Landwirte auszuloten. Es müsste von Fall zu Fall entschieden werden, hatte es geheißen.
Spanien will Schadenersatz
Wegen der sich als falsch erwiesenen Einstufung von spanischen Gurken als Quelle für die Infektionen mit dem gefährlichen Darmkeim Ehec will Spanien Schadenersatz verlangen. Sein Land werde „vor den relevanten Behörden in Europa Entschädigungen für den entstandenen Schaden fordern“, sagte Regierungschef José Luis Rodríguez Zapatero am Donnerstag im spanischen Rundfunk. Innenminister Alfredo Pérez Rubalcaba hatte am Mittwoch gesagt, Spanien erwäge rechtliche Schritte gegen die Hamburger Behörden. Zapatero benannte nicht ausdrücklich, gegen wen sich die Forderungen richten könnten.(Siehe auch: Ehec: Zapatero fordert Schadenersatz)
Die Hamburger Gesundheitsbehörde hatte vergangene Woche mitgeteilt, das Hygiene-Institut der Hansestadt habe den EHEC-Keim auf drei Salatgurken aus Spanien sowie einer Gurke ungeklärter Herkunft entdeckt. Es stellte sich jedoch später heraus, dass es sich dabei nicht um den Erreger-Typ handelte, der für die Erkrankungswelle verantwortlich ist. Am Mittwoch hob die EU-Kommission eine Gesundheitswarnung für spanische Gurken auf.
Nach Ansicht der Branche hat die neue Ungewissheit bezüglich der Quelle die Lage der Gemüsebauern verschärft. „Gurken sind bei einigen Stellen unverkäuflich“, sagte Karl Schmitz, Geschäftsführer der Bundesvereinigung der Erzeugerorganisationen Obst und Gemüse (BVEO) der dpa. Auch die Kaufzurückhaltung bei anderem Gemüse trage zu den Umsatz-Einbußen bei. „Wir schätzen, dass die Größenordnung bei ungefähr 4 Millionen Euro pro Tag liegen dürfte.“
Verbraucherministerin Aigner nahm die Hamburger Gesundheitsbehörden erneut gegen ausländische Kritik am Krisenmanagement während der Ehec-Epidemie in Schutz. „Es wurden ja Ehec-Erreger auch auf spanischen Gurken gefunden. Und deshalb musste nach den europäischen Regularien dazu auch eine Schnellwarnung abgesetzt werden“, sagte die CSU-Politikerin. Die Hamburger Kollegen hätten sich „wirklich gut verhalten“. Die Ehec-Erreger auf den spanischen Gurken stammten von einem anderen Bakterien-Typ als die des aktuellen Ausbruchs in Deutschland.
Angesichts des hohen Bedarfs an Blutkonserven und Blutplasma wegen der zahlreichen schweren Ehec-Erkrankungen haben Experten zum Blutspenden aufgerufen. „Wir haben zwar eine gut organisierte, länderübergreifende Versorgung mit Blutkonserven, aber wir sollten nicht vergessen, dass die Urlaubssaison unmittelbar bevorsteht, in der erfahrungsgemäß durch ein erhöhtes Unfallgeschehen auch wieder mehr Blutkonserven benötigt werden“, erklärte der Sprecher des Landesverbandes der Ersatzkassen in Mecklenburg-Vorpommern, Bernd Grübler.
Verläuft die Ehec-Erkrankung schwer, muss eine Blutwäsche eingesetzt werden. Auch Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) und Gesundheitssenatorin Prüfer-Storcks riefen zum Blutspenden auf - und spendeten gleich selbst.