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Wundenexperte im Gespräch : „Es ist wie im Notstandsgebiet“

  • -Aktualisiert am

Der Klassiker für die Haut: Das Wundpflaster Bild: Rüchel, Dieter

In einer alternden Gesellschaft wie der unseren steigt die Zahl chronischer Wunden bei Patienten an. Doch auf dieses Leid ist das Gesundheitssystem nicht vorbereitet. Ein Wundexperte über die Gründe dafür, richtige und zu späte Hilfe.

          Herr Bahr, Sie sagen, dass vier bis sechs Millionen Menschen in Deutschland unter mindestens einer chronischen Wunde leiden. Das kommt mir sehr viel vor für ein so hochentwickeltes Land wie Deutschland mit guter medizinischer Versorgung.

          Ein Großteil der Wunden entsteht dadurch, dass wir immer älter werden. Viele unserer Patienten haben sich ihr Leben lang überwiegend gesund ernährt, nicht geraucht und sich regelmäßig bewegt und bekommen trotzdem mit Mitte achtzig beispielsweise eine arterielle Verschlusskrankheit. Oft reicht dann schon eine leichte Verletzung am Bein, die auf längere Sicht zu einer chronischen Wunde werden kann. Durch viele altersbedingte Begleiterkrankungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bluthochdruck, Niereninsuffizienz, Diabetes oder Blutarmut heilt das Gewebe von alleine nicht mehr gut. Zusätzlich wird die Immunabwehr im Alter schwächer, und wir werden anfälliger für Infektionen. Unser Körper ist nicht darauf ausgelegt, ewig zu funktionieren. Wenn immer mehr Menschen immer älter werden, werden Ärzte und Krankenhäuser es in noch größerem Ausmaß als heute mit chronischen Wundpatienten zu tun bekommen. Davon abgesehen ist die medizinische Versorgung zumindest in der Wundbehandlung hierzulande auch gar nicht so gut.

          Wie meinen Sie das?

          Wir brauchen bei der Wundversorgung dringend eine fachübergreifende Zusammenarbeit aller am Behandlungsprozess Beteiligten vor Ort. Dann könnten viele Wunden schneller gut versorgt werden und würden gar nicht erst zu einer chronischen Wunde. Aber auch viele Patienten kommen erst zu uns, wenn sich ihre Wunden schon so sehr vergrößert haben, dass sie kurz vor der Amputation stehen. Gerade bei Diabetikern mit dem sogenannten „diabetischen Fuß“ ist das oft der Fall. Viele Leute haben jahrelang selbst gesalbt, gecremt und verbunden.

          Kann man damit etwas falsch machen?

          Allerdings. Im besten Fall nutzt es nichts. Ein geschwollenes Bein können Sie hundertmal eincremen, da passiert gar nichts. Im schlimmsten Fall ist es sogar kontraproduktiv. Schließlich können über eine Wunde alle möglichen Krankheitserreger in den Körper gelangen. Und die können das Ausmaß der Wunde massiv verschlimmern.

          Was bedeutet eine chronische Wunde für einen Menschen?

          Viele schämen sich dafür, weil die Wunden nicht schön aussehen und häufig schlecht riechen. Gerade ältere Menschen isolieren sich dann immer mehr. Sie trauen sich nicht mehr aus dem Haus und wollen auch niemanden mehr zu sich einladen, aus Angst, er könnte ihre Wunde riechen. Es gibt auch immer wieder Ärzte, die damit nichts zu tun haben wollen. Und manchmal kommen Menschen zu uns ins Therapiezentrum für chronische Wunden, die gerade aus dem Krankenhaus entlassen wurden – mit Wunden, da schlagen wir die Hände über dem Kopf zusammen. Als Patient mit einer chronischen Wunde können Sie sich in Deutschland schnell wie in einem Notstandsgebiet fühlen.

          Sie selbst waren lange leitender Krankenpfleger in der Notaufnahme einer Klinik und haben 1999 zusammen mit einem Chirurgen das Therapiezentrum Chronische Wunden in Lahr im Schwarzwald gegründet. Was machen Sie dort anders?

          Die konkrete Behandlung hängt natürlich von der Wunde ab, das kann ich pauschal nicht beantworten. Aber ein großer Unterschied besteht schon mal in einer zielführenden Diagnostik. Wer zu uns kommt, bei dem überprüfen wir zunächst die Beinarterien und die Durchblutung der Haut. Wir machen Ultraschall und wenn nötig Röntgenaufnahmen. Außerdem arbeiten hier Chirurgen, Gefäßspezialisten, Diabetesärzte, Onkologen und Pflegefachkräfte fachübergreifend zusammen. Solch eine Zusammenarbeit gibt es beim Thema Wundbehandlung höchstens in den etwa dreißig deutschen Wundzentren.

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