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Entschlüsselung der Narkose : Stecker raus, Gehirn aus?

Patienten, die aus der Vollnarkose aufwachen, werden sagen: Auf keinen Fall bin ich im OP-Saal von irgendeinem Arzt angequatscht worden. Stimmt aber nicht. Sie vergessen es nur sofort wieder. Bild: Getty

Lange Zeit war selbst Anästhesisten nicht ganz klar, warum die Patienten so schön weggetreten sind. Inzwischen wissen Forscher mehr über Narkosen. Nur das Bewusstsein wehrt sich gegen die Entschlüsselung.

          In den Minuten nach einer Operation kann Narkosearzt Christian Grasshoff seinen Patienten immer wieder gute Laune machen – er muss dafür nur alle paar Augenblicke dasselbe sagen. Während Grasshoff noch dabei ist, die Maladen vor sich auf dem OP-Tisch von den Gerätschaften abzustöpseln, fangen die Fragen an. Ob denn die Gewebeprobe, die die Ärzte entnommen haben, gutartig sei, zum Beispiel. Manchmal weiß Grasshoff das schon und bejaht. „Die Patienten freuen sich total – und haben es zwei Minuten später wieder vergessen“, sagt er. Dann fängt der kleine Kreis von vorne an: Fragen, Freuen, manchmal drei, vier Mal rundherum. „Da kann man viel Glück verteilen“, sagt Grasshoff.

          Denise Peikert

          Freie Autorin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Jeder, der schon mal aus einer Vollnarkose aufgewacht ist, wird jetzt sagen: Auf keinen Fall bin ich im OP-Saal von irgendeinem Arzt angequatscht worden. Das Erste, was ich gesehen habe, war ein Krankenhauszimmer, und ich war nett gebettet. Das stimmt – und trotzdem gab es zuvor die Unterhaltung mit dem Narkosearzt. Er hat wahrscheinlich darum gebeten, der Patient solle doch mal die Zunge rausstrecken, was er tat, und über seine Schmerzen Auskunft geben, was er ebenfalls tat. Alle Patienten, sagt Grass- hoff, würden im OP-Saal wach – jedenfalls dann, wenn es sich um einen der vielen tausend Eingriffe handelt, die Routine sind in deutschen Kliniken. Am Knie zum Beispiel, der Galle, den Bandscheiben.

          Das Ding ist nur: Niemand erinnert sich, da kann Grasshoff noch so oft dieselbe Frage beantworten. Narkosemittel schalten nicht nur mit einem Rumms unser Bewusstsein aus, sie manipulieren auch unser Gedächtnis. Sogar dann noch, wenn wir eigentlich schon wieder wach sind. Warum eigentlich?

          So eine Narkose ist kompliziert

          Darüber rätseln Forscher seit 1846. Damals ließ ein Zahnarzt aus Boston einen Buchdrucker an Äther schnüffeln und schnitt ihm dann geschwind einen Tumor aus dem Kiefer. Dass der Mann davon nichts mitbekam – ein Meilenstein und der Beginn einer seltsamen Karriere: Narkosemittel wirken, sehr gut sogar und ziemlich vorhersehbar. Was genau Anästhesisten da aber eigentlich tun, wenn sie ihre Patienten ausknocken, wussten sie lange nicht so genau. Erst in den vergangenen Jahren hat sich das geändert. Inzwischen haben die Forscher immenses Wissen angehäuft – über Rezeptoren, über Neuronen, über Gehirnaktivitäten. Und dennoch: Das Bewusstsein – dessen Ausschaltung der unheimlichste Teil der Narkose ist – wehrt sich weiter tapfer gegen seine Entschlüsselung.

          Bleiben wir für einen Moment im Boston des Jahres 1846. Der Äther, den der Zahnarzt William Morton bei seinen Operationen verwendete, hat eine von Medizinern der Jetztzeit nicht mehr besonders geschätzte Eigenschaft: Er schaltet Schmerzen aus, bevor er das Bewusstsein raubt. Wenn die Eingriffe besonders kurz waren, dann waren Mortons Patienten also währenddessen komplett wach – und darüber nicht böse, sondern fasziniert: Wie kann es sein, dass ich sehe, wie mir im Mund rumgeschnippelt wird – aber keine Schmerzen habe?

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