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Sterbehilfe : Wie unser Leben enden soll

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Viele Patienten könnten zu früh den vermeintlich einzigen Ausweg der Sterbehilfe einschlagen. Bild: dpa

Was ist ein selbstbestimmter Tod wert, der amtlich genehmigt werden muss? Ein aktuelles Urteil zur Sterbehilfe könnte das zukünftig zur Regel machen. Das wäre ein Einschnitt für viele verzweifelte Patienten – und geht uns alle an.

          Ob es mit dem Sterben nicht schneller gehen könne, fragt Sabine Schmid und schmeißt dem Arzt an den Kopf: „Muss ich denn in die Schweiz fahren?“ Die noch rüstig erscheinende Dame Mitte Siebzig leidet an einer akuten Form der myeloischen Leukämie. Vorläufer der weißen Blutzellen im Knochenmark vermehren sich ungebremst. Sie überschwemmen das Blut, verdrängen andere Blutzellen, rote und weiße Blutkörperchen und die Blutplättchen, die Teil einer funktionierenden Blutgerinnung sind. Infektionen, Blutungen, Schmerzen im Skelettsystem sind die Folge.

          Unbehandelt versterben die Betroffenen oft schon nach wenigen Wochen. In jungem Alter kann Patienten mit einer aggressiven Chemotherapie und einer Transplantation von Knochenmark geholfen werden. Alte Menschen profitieren nicht von der belastenden Behandlung. Mit verträglicheren Medikamenten und gelegentlichen Transfusionen von Blutbestandteilen kann die Krankheit vielleicht für Monate, manchmal länger als ein Jahr, aufgehalten werden.

          Ausnahmen in extremen Fällen möglich?

          Seit die Ärzte Sabine Schmid (die anders heißt) die Diagnose mitteilten, ist sie verstört. Sie ist antriebslos, abweisend zu Kindern und Ehemann. Einzig um den nahen Tod kreisen ihre Gedanken. Bei der Aufnahme in die Klinik zur „palliativen Komplexbehandlung“ (so die administrative Bezeichnung für eine Betreuung, die pflegerische, medizinische, psychologische und spirituelle Aspekte einschließt) konfrontiert sie den Arzt mehrfach mit ihrem Todeswunsch. Nach Einschätzung der Ärzte ist sie nicht depressiv.

          Anfang März hat das Bundesverwaltungsgericht für Fälle wie den von Frau Schmid eine weitreichende Entscheidung getroffen: Sie können demnächst beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, das die Überwachung des Verkehrs von Betäubungsmitteln in Deutschland regelt, eine tödliche Dosis Beruhigungsmittel anfordern und sich den Wunsch nach einem Lebensende erfüllen. Auch wenn die Urteilsbegründung noch nicht vorliegt, so ist der Tenor unmissverständlich: Der Erwerb von Betäubungsmitteln zu einer würdigen und schmerzlosen Selbsttötung sei grundsätzlich verboten, doch habe der Staat „in Extremfällen eine Ausnahme für schwer und unheilbar kranke Patienten zu machen, wenn sie wegen ihrer unerträglichen Leidenssituation frei und ernsthaft entschieden haben, ihr Leben beenden zu wollen, und ihnen keine zumutbare Alternative – etwa durch einen palliativmedizinisch begleiteten Behandlungsabbruch – zur Verfügung steht.“

          Patienten könnten mit Palliativmedizin verbleibende Zeit nutzen

          Doch sollte die Logik dieser Rechtsprechung medizinischer Alltag werden, dann würde das die Kultur der Medizin nachhaltig verändern. Patienten wie Frau Schmid würden in einer sensiblen Phase möglicherweise zu früh auf den vermeintlichen Ausweg der Selbsttötung setzen, statt mit Unterstützung von Angehörigen und Palliativmedizinern alle Chancen der verbleibenden Zeit auszuschöpfen.

          Die medizinische Behandlung von Frau Schmid ist Routine. Symptome können gemildert werden. Aber was ist mit dem Todeswunsch? Keiner der Mitarbeiter in der Klinik, nicht die palliative Koordinatorin, nicht die Psychologin noch die Ärzte verurteilen ihre Verzweiflung. Keiner der Beteiligten bezeichnet das Ansinnen als unmoralisch oder unangebracht. Nein, Verzweiflung und Gefühle der Ausweglosigkeit gehören zum Menschsein, niemandem sind sie fremd.

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