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Veröffentlicht: 16.10.2015, 15:40 Uhr

Internetphänomen Social Magerwahn

Inspiration, Organisation und Anerkennung: Heute beginnen Essstörungen im Internet. Mit Challenges und Hashtags bahnen viele soziale Medien auch spielerische Wege in die Krankheit.

von Anna Wulffert
© Instagram Coole Kuhle: Wer die meisten Münzen am Schlüsselbein unterbringt, ist die Schönste im ganzen Netz.

Leoniza Nicole Corona ist sich sicher: „Nur dünne Mädchen werden es verstehen“, postet sie bei Facebook. Dazu hat sie ein Video hochgeladen, in dem sie vor ihrem Rechner sitzt, in einem himmelblauen T-Shirt zum geföhnten schwarzen Bob. Mit schmalen Fingern hält sie einen Satz silberne Münzen in die Kamera, akkurat übereinandergestapelt. Sie lässt das Dutzend Geldstücke durch die Finger auf die Handfläche rieseln und stapelt sie wieder. Danach schiebt sie die Schultern nach vorne und legt die Münzrolle in die Kuhle zwischen dem linken Schlüsselbein, dem Schulterblatt und der Rückenmuskulatur. Sie hält inne, kokettiert mit der Schulter, legt den Kopf leicht nach hinten, lächelt, und hebt das Geld wieder heraus. Dann wiederholt sie den Vorgang auf der rechten Seite. Im Anschluss strahlt sie stolz in die Kamera. Neben dem Video steht: „Prüfe, wie tief deine Schlüsselbeine sind. Ich fordere dich heraus!“ Verlinkt ist der Clip mit dem Hashtag #CollarboneChallenge.

Die Collarbone Challenge stammt aus China, wo sie sich über die Plattform Weibo verbreitete. Innerhalb der ersten 24 Stunden versahen dort 34 Millionen User ihre geistigen Ergüsse mit dem Hashtag. Die klare Botschaft: Je mehr Münzen in dein Schlüsselbein passen, desto dünner und somit attraktiver bist du. Auch in Deutschland verbreitete sich der Trend schnell in den sozialen Medien – vor allem mit Schlüsselbein-Selfies, die der Welt die vermeintlichen Idealmaße präsentieren.

Facebook beeinflusst den Weg in die Essstörung

Was soll diese Hashtag-Herausforderung? Vorrangig geht es den Mädchen um Bestätigung. „In der Adoleszenz ist man hochgradig sensibel für Außeneinflüsse und hat ein problematisches Selbstwertgefühl“, sagt Stephan Herpertz, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Essstörungen. „Die kleinste Infragestellung des Selbstwerts wird sofort am Aussehen festgemacht.“ Und das Aussehen wolle man einem Ideal angleichen: „Schönheitsideale holen junge Menschen sich aus den Medien.“ Wichtig seien dabei vor allem Fernsehsendungen wie „Germany’s Next Topmodel“. „Doch soziale Medien haben das Potential, das Fernsehen abzulösen“, sagt Herpertz. Denn der Fernsehkonsum nimmt zugunsten des Internets ab.

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Die meisten Jugendlichen in Deutschland nutzen Facebook. Den negativen Einfluss des Netzwerks auf die Selbstwahrnehmung und das Essverhalten haben schon mehrere Studien nachgewiesen. So fanden Wissenschaftler der American University in Washington D.C. heraus, dass Mädchen, die auf Facebook vielen fotobezogenen Aktivitäten nachgehen, eher unzufrieden mit dem eigenen Körper sind oder abnehmen wollen. An der Miami University in Oxford (Ohio) wurde ermittelt, dass Probanden, die in den Kommentarspalten kritisiert wurden, im Anschluss eher Essstörungen ausbildeten.

Facebook hat darauf reagiert. Bis zum März konnte man noch den Status „Feeling fat“ anklicken – bildlich unterstützt durch einen Smiley mit Doppelkinn und roten Backen. Nach dem Protest vieler User gestand Facebook ein, dass die Option „ein negatives Körperbild verstärken kann“, und schaffte den Smiley ab.

„Bei Instagram gibt es viele abartige Essgestörte“

Aber die Herausforderungen gehen weiter. Die T-Shirts sind grau, pink oder bunt – und allesamt bauchfrei. Manche tragen auch nur einen Sport-BH oder ein Bikini-Top. Hauptsache, man sieht die dünnen Bäuche darunter. Und einen Arm, der grotesk nach hinten gebogen ist und sich am unteren Rücken vorbei um die Taille schlängelt, um die Finger bis zum Bauchnabel zu bringen. Tausende Schnappschüsse mit der gleichen Szenerie und alle tragen den Hashtag #BellybuttonChallenge. Weit mehr als 10.000 solcher Fotos oder Videos listet Instagram – bei manchen haben Hunderte, bei anderen Tausende „Gefällt mir“ gedrückt. Userin anyuta_rai erhielt beispielsweise mehr als 28.000 Likes für ein Foto, auf dem sie ein enges rosafarbenes Shirt ohne BH und eine winzige Panty trägt. Ihre manikürten Fingernägel liegen in ihrem Bauchnabel, die andere Hand hält das Telefon, bereit zum Selfie. „Perfect“, „incredible“, „amazing“ lauten einige der Kommentare. Ihr Gesicht ist auf dem Bild nicht zu sehen.

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