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Evolutionsmedizin : „Der Mensch hat mehr Einfluss auf die Gesundheit, als er meint“

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Die Kluft zwischen alter Biologie und modernen Lebensbedingungen ist verantwortlich für viele Krankheiten. Bild: Wonge Bergmann

Obst essen und ein Spaziergang – reicht das, um gesund zu bleiben? Ein Gespräch mit Evolutionsmediziner Detlev Ganten über Zivilisationskrankheiten, ihre Prävention und unsere Biologie aus der Steinzeit

          Guten Morgen, Herr Professor Ganten, was haben Sie heute schon getan, um sich lästige Zivilisationskrankheiten vom Leib zu halten?

          Ich bin wie immer um 6 Uhr 30 aufgestanden, dann habe ich einen Spaziergang gemacht und gefrühstückt: Joghurt mit frischem Obst und einen Kaffee dazu. Das war es aber auch schon.

          In Ihrem neuen Buch raten Sie den Lesern unter anderem, Obst und Gemüse zu essen, sich ausreichend zu bewegen und genügend zu schlafen. Es gibt schon viele Ratgeber mit genau diesen Tipps. Warum noch einer?

          Zu einem gesunden Leben gehören die üblichen Ratschläge: Übergewicht vermeiden, nicht rauchen, wenig Alkohol. Mit diesen Empfehlungen brechen wir nicht. Allerdings gehen wir darüber hinaus: Das Buch handelt vom Menschen mit seiner wahnsinnig langen Geschichte, denn er trägt die gesamte Entwicklung der Evolution in sich. Die Kenntnis der komplexen Zusammenhänge von Biologie, Umwelt und Verhalten ermöglicht, Ratschläge in ein intellektuelles Gerüst einzupassen. Dann sind sie nicht einfach moralische Keule, sondern werden wirklich verständlich. Das hoffe ich jedenfalls.

          Aber wir sind doch ohnehin schon ganz besessen von der Gesundheit: Wir gehen ins Fitness-Studio, kaufen Bio, neueste Technik überwacht ständig unseren Puls. Bücher zum Thema lesen wir auch noch. Wenn wir krank werden, denken wir, es ist unsere Schuld. Das ist doch schrecklich.

          Jedes Extrem ist schlimm. Ein Gesundheitsdiktat ist eine Katastrophe, Zwanghaftigkeit auch. Umgang mit Verlockungen ist Teil des Lebens. Mal über die Stränge zu schlagen ist notwendig, um Grenzen auszuloten. Das gilt auch für das Gesundheitsverhalten, Sünde gehört dazu: Nicht nur Muskulatur und Gehirn wachsen mit ihren Aufgaben, sondern auch die Leber. Es wäre ein großer Fehler, sich in ein furchtbar enges Korsett zu zwängen. Wir erlassen deshalb keine Vorschriften, sondern haben ein Bildungsbuch geschrieben mit einem Schwerpunkt Gesundheit.

          Sie argumentieren, dass die Menschen in Deutschland niemals zuvor länger und gesünder lebten als heute. Warum sehen Sie dennoch Handlungsbedarf?

          Man könnte sagen: Uns Deutschen geht es bestens, wir konzentrieren uns jetzt darauf, Südamerika, Asien und Afrika zu helfen. Im Sinne der Verteilungsgerechtigkeit wäre das ein sinnvolles Argument. Ich plädiere dafür, dass wir uns humanitär im Ausland engagieren. Aber auch bei uns gibt es zu tun: Die Universitätskliniken sind unterfinanziert, die Ärzte komplett überlastet, den Patienten fehlt es an Zuwendung. Die Behandlungskosten steigen schneller als das Bruttoinlandsprodukt. Wir müssen deshalb über eine neue Medizin nachdenken und noch stärker präventiv tätig werden.

          Am Bauplan des Menschen, schreiben Sie, sei nichts verkehrt. Warum werden wir dann trotzdem krank?

          Der Bauplan ist schon Milliarden Jahre alt. Das Gehirn, das Herz-Kreislauf-System und das muskulo-skelettale System funktionieren in ihren Grundfunktionen immer noch so wie bei den ersten Fischen. Einschneidende biologische Änderungen haben sich dann noch ergeben mit dem aufrechten Gang und mit der Entwicklung des Homo sapiens vor vier Millionen Jahren, der letzte Entwicklungsschub kam vor etwa 100.000 Jahren.

          Detlev Ganten, Leiter des „6.World Health Summit“ in Berlin, verrät die Tricks für eine lange Gesundheit

          Die alten Patente sind erhalten geblieben aus einer Zeit, die von Jagd und Kampf geprägt war, aber wir leben heute unter völlig anderen Bedingungen. Vorhin im Hotel habe ich mein fertig geschnittenes Obst aus dem Regal geholt, seither sitze ich - erst in einer Konferenz, jetzt am Telefon. Die Kluft zwischen der alten Biologie und den modernen Lebensbedingungen ist maßgeblich verantwortlich für die Zivilisationskrankheiten.

          Und diese Kluft lässt sich mit Obst, Joghurt und einem Spaziergang überwinden?

          Daran allein kann man das natürlich nicht festmachen. Es sind Reaktionsketten, die ineinandergreifen. Mit Obst zum Frühstück und Bewegung lässt sich beispielsweise Übergewicht reduzieren, was wiederum den Blutdruck senkt. Ein niedriger Blutdruck mindert das Risiko etlicher Erkrankungen.

          Gesundheit resultiert Ihnen zufolge aus dem Zusammenspiel von Genen, Umwelt und menschlichem Verhalten. Wie viel hat der Mensch tatsächlich in der Hand?

          Er hat mehr Einfluss auf seine Gesundheit, als er meint. Die Biologie ist uns zwar in die Wiege gelegt, aber was vorhanden ist, können wir entweder nutzen und ausbauen oder brach liegen lassen. Wer sich bewegt, hält Muskeln und Knochen gesund. Wer früh ein Instrument spielt, schult sein Gehirn. Aus der genetischen Information kann man etwas machen. Die Umwelt ist zunehmend vom Menschen beeinflusst - leider meistens nicht im Sinne unserer Gesundheit; heute lebt jeder Zweite in einem urbanisierten Umfeld. Über unser individuelles Verhalten reagieren wir mit unserer Biologie auf die Anforderungen der Umwelt. Diese Formel bildet die Ganzheitlichkeit ab, die über unsere Gesundheit entscheidet.

          Wo endet der menschliche Einflussbereich?

          Evolutionär betrachtet, liegen die Grenzen dort, wo die Reproduktion aufhört. Der Mensch ist aus dieser Sicht nicht optimiert dafür, möglichst lange und gesund zu leben, sondern seine Aufgabe besteht darin, zu überleben und sich zu reproduzieren. Das Alter liegt im toten Winkel der Evolution.

          Aber der Mensch ist doch auch vorher schon in manchen Fällen machtlos.

          Es gibt Krankheiten, bei denen er keine Chance hat, vorbeugend einzugreifen. Dazu zählen die Huntington-Krankheit oder Mukoviszidose. Auch gegen multiple Sklerose, Alzheimer und Parkinson lässt sich im Vorfeld kaum etwas machen. Anders die Zivilisationskrankheiten: Herzinfarkt, Arteriosklerose oder Hirnschlag stehen in engem Zusammenhang mit dem Blutdruck. Je niedriger er ist, desto geringer das Erkrankungsrisiko. Ähnliches gilt für den Blutzucker. Altersdiabetes ist fast immer Folge von Übergewicht. Als es in der Nachkriegszeit wenig zu essen und schon gar keine Industrienahrungsmittel gab, gab es keinen Diabetes. Diese und andere Zivilisationskrankheiten machen 80 bis 90 Prozent aller Krankheiten aus. Da ist es doch tröstlich, dass sie nicht einfach unser Schicksal sind.

          Die Fragen stellte Julia Lauer.

          Der Mediziner und der Weltgesundheitsgipfel Detlev Ganten (Jg. 1941) ist Molekularmediziner und Pharmakologe.

          Ein Schwerpunkt seiner Forschung war der Blutdruck. Er war bis 2008 Vorstandsvorsitzender der Charité in Berlin und ist heute Präsident des Weltgesundheitsgipfels. Dieser „6. World Health Summit“ beginnt heute in Berlin und steht unter der Schirmherrschaft von Bundeskanzlerin Angela Merkel, Frankreichs Staatspräsident François Hollande und EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso.

          Bis zum 22. Oktober treffen sich Akteure aus dem internationalen Gesundheitswesen im Auswärtigen Amt in Berlin, um über Themen wie die Ebola-Epidemie, die Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesundheit oder die Gesundheitsprävention in „Megacities“ zu diskutieren.

          Detlev Ganten, Jochen Niehaus, „Die Gesundheitsformel. Die großen Zivilisationskrankheiten verstehen und verhindern“, Knaus München 2014, 480 Seiten, 19,99 Euro.

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