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Veröffentlicht: 08.01.2017, 12:44 Uhr

Leben auf Glatteis „Auch Pinguine rutschen aus“

Wie bewegt man sich bei Glatteis fort? Wie Pinguine, raten Orthopäden. Auch die stürzen aber, sagt der Meeresbiologe Boris Culik. Aber einen entscheidenden Vorteil haben die Vögel in diesem Fall.

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© dpa Mensch und Pinguin: Auf Glatteis macht das Tier vor, wie man sich zu bewegen hat.

Die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie hat den Deutschen diese Woche angesichts der Kältewelle einen erstaunlichen Rat gegeben: „Stellen Sie sich einfach vor, Sie wären ein Pinguin.“ Wie ebenjene Vögel solle man sich bei Glatteis fortbewegen: mit kleinen Schritten, dem Schwerpunkt auf dem vorderen, auftretenden Bein und mit ganzer Sohle aufsetzendem Fuß. Der Meeresbiologe Boris Culik forscht seit mehr als zwanzig Jahren zu Pinguinen und hat mehrere Bücher über die Tiere veröffentlicht, unter anderem den „Was ist was“-Band „Pinguine“. Wir haben ihn um eine Einschätzung gebeten.

Jörg Thomann Folgen:

Herr Culik, haben die Orthopäden recht oder überschreiten sie Ihrer Meinung nach ihre Kompetenzen?

Nein, nein, die Pinguine machen das tatsächlich so. Allerdings ist es bei ihnen etwas anders als bei Schwangeren oder bei Leuten, die sich auf Glatteis bewegen: Pinguine sind ja eigentlich Vögel und außerdem perfekt an das Leben im Wasser und das Schwimmen angepasst. Die Fortbewegung an Land ist für sie eine Ausnahmesituation.

Das ist für den Menschen die Fortbewegung auf Glatteis ja auch.

Die Analogie ist schon nicht schlecht, aber Glatteis ist auch bei Pinguinen teilweise schwierig. Auch sie rutschen aus – und was sie dann tun, was wir Menschen nicht können: auf dem Bauch weiterzurutschen und die Füße als Außenbordmotor zu benutzen. Mit ihren Krallen drücken sie sich dann voran.

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Tatsächlich sieht der Gang eines Pinguins nicht gerade elegant aus.

Der Watschelgang ist trotzdem sinnvoll, weil er den Schwerpunkt ziemlich gerade über dem Fuß hält, die Knochen praktisch in Längsrichtung belastet werden und es wenige Biegemomente gibt.

Zum Thema Ausrutschen: Im Internet finden sich zahlreiche Filmchen mit strauchelnden Pinguinen. Das sind also keine raren Ausnahmen?

So etwas passiert häufiger. Und dann sind die Tiere ja auch über Stock und Stein unterwegs. Wenn Sie sich etwa Felsenspringerpinguine vor Augen führen, die auf glitschigen Steinen aus dem Wasser kommen und der Brandung trotzen müssen, dann passiert es schon, dass sie umgeworfen werden oder den Sprung zurück wagen müssen, um mit der nächsten Welle Anlauf zu nehmen. Auch bei den stark zerklüfteten Felsstränden oder weiter oben den Geröllhalden, über die sie steigen müssen, um zu ihren Nestern zu gelangen, kommt es zu dem einen oder anderen Sturz.

44102993 © DGOU Vergrößern Informationsblatt der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirugie: So funktioniert der Pinguin-Gang – Sicher auf Eis gehen.

Sie sind aber schnell wieder auf den Beinen und verletzen sich kaum.

Der Pinguin ist mit seinen dichten Federn gut gepolstert und seiner Speckschicht darunter, und sein Gewicht ist – auch im Vergleich zur Größe des Tieres – wesentlich geringer als das des Menschen, also passiert da nichts.

Kann uns der Pinguin auch in anderer Hinsicht als Vorbild dienen? Männliche Kaiserpinguine kuscheln sich während der Brutzeiten in großen Gruppen eng aneinander, um dem Wind zu trotzen. Sollte auch der Mensch mehr Nähe suchen?

Wenn man etwa an Flüchtlinge denkt, dann tun die genau das – etwa gerade in Griechenland, wo viele Flüchtlinge in Zelten untergebracht sind, die nicht sehr wintersicher sind. Auch für Leute, die im Gebirge unterwegs sind oder sich in der Antarktis im Schneesturm verirren, gilt: Kuscheln, sich eng aneinander drängeln, viel Körperfläche mit derjenigen des Nachbarn abdecken, so dass insgesamt eine Art Superorganismus mit kleiner Körperoberfläche entsteht. Das ist die beste Lösung.

Der Pinguin soll Temperaturen von bis zu gefühlten minus 180 Grad Celsius aushalten. Was hilft ihm dabei?

Neben dem Kuscheln noch Ducken und das Aufsuchen windgeschützter Bereiche. Adéliepinguine lassen sich dann auch einfach einschneien. Und dann haben Pinguine noch ein sehr dichtes Federkleid und darunter eine ziemlich dichte Daunenschicht. Diese Isolation entspricht praktisch einer phantastischen Daunenjacke, das ist kaum zu übertreffen. Im Tierreich wird das nur noch vom Eisbären mit seinem extrem dichten Haarkleid erreicht. Man weiß es auch von den Inuit in Grönland, dass solche Naturkleidung aus Fellen wesentlich besser wärmt als irgendwelche Kunstfaserstoffe.

 
Wie sich auf Glatteis fortbewegen? Der Meeresbiologe Boris Culik gibt tierische Tipps.

Der Pinguin ist auf der ganzen Welt überaus beliebt, weit beliebter als der gewöhnliche Deutsche. Liegt das an der ulkigen Fortbewegung, an der stets aufrechten Haltung oder daran, dass er nie versucht hat, die Weltherrschaft zu übernehmen? Warum ist der Pinguin so ein Sympathieträger?

Man sagt häufig, dass das mit diesem unbeholfenen Gang zu tun hat, mit diesem Watscheln und mit seiner ein wenig Obelix-haften Körperform – dicker Bauch, kurze Beine. Damit fallen sie in dieses Kindchenschema: Tapsiges Watscheln sieht für uns so aus wie Kleinkinder, die gerade laufen lernen. Das ändert sich aber alles schlagartig, wenn man Pinguinen zuguckt, die sich im Wasser bewegen – denn da schwimmen sie wie Torpedos, tauchen sehr tief und sind extrem wendig. Und wenn ein Pinguin aus voller Fahrt im Vorbeischwimmen den Kopf zur Seite schnellen lässt, um den Fisch doch zu kriegen, dann ist das schon beeindruckend.

44103051 © Michael August Vergrößern Boris Culik, Meeresbiologe, Pinguinforscher und Sachbuchautor von „Was ist was“-Büchern aus Heikendorf: „Die Fortbewegung an Land ist für die Pinguine eine Ausnahmesituation.“

Kann man diese Lichtgestalt wenigstens in irgendeinem Bereich auch als abschreckendes Beispiel nutzen, nach dem Motto: Leute, macht das bloß nicht so wie der Pinguin?

Vielleicht bei den Nachbarschaftsstreitigkeiten, die ganz witzig sind. Wenn sich Pinguine um ihr Territorium prügeln und mit ihren linealartigen Flügeln Karateschläge austeilen, dann erkennt man, dass sie auch ziemlich ruppig sein können. Sonst fällt mir eigentlich nichts Schlimmes ein.

Die Fragen stellte Jörg Thomann.

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