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WG für Demenzkranke Niemand sagt „Patient“

21.03.2007 ·  Hans Piesker lebt in einer Wohngemeinschaft in Berlin. Mit seinen Mitbewohnern kommt er gut aus. Er lernt sie jeden Tag neu kennen. Umgekehrt ist es ebenso. Die Bewohner sind dement. Jörg Niendorf berichtet.

Von Jörg Niendorf, Berlin
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Nirgends wäre Hans Piesker ohne seine Katze hingegangen. Haustiere hatte er immer. Also gab es eine Bedingung: „Mäuschen“ musste mit, als der alleinstehende, kranke Piesker die eigene Wohnung aufgab und sein neues Zimmer bezog. Die Katze durfte. Ihr geht es blendend, unter einem riesigen Esstisch fällt jetzt viel für sie ab. Und der 81 Jahre alte Piesker hat den Wechsel zum betreuten Wohnplatz auch nicht bereut. „Er ist gesellig geworden“, sagt sein Sohn Andreas, der ihn alle zwei Tage besucht. „Morgens ist er der Erste, abends oft der Letzte, der die Wohnküche verlässt.“ In der Zwischenzeit ist der ehemalige Tischler Piesker viel unterwegs im Haus. Immer neugierig, immer auf den Beinen. Er hilft beim Geschirrspülen. „Das hat er sonst nie gemacht“, sagt der Sohn. „Oder Vater spielt draußen Tischtennis.“

Das tut er mit Frau R., die wohnt im Zimmer gegenüber. Sie ist genauso rührig wie er. Manchmal tratschen sie schon morgens auf dem Flur, sobald sie wach sind. Aber jetzt ist Nachmittag. „Da muss ich mich ja kaputtlachen“, sagt Piesker in einem fort. Außerdem reimt er alles, was sich auf „Himmel, Arsch und Zwirn“ reimen lässt. Seine blauen Augen und das ganze Gesicht strahlen dabei. Frau R. wiederum lebt in Gedanken an der Elbe, ihr Mann ist auf großer Fahrt. Sie und Piesker reden viel miteinander, so vertraut, als wären sie immer ein Paar gewesen. Nur versteht sie keiner, und sie selbst tun es auch nicht. Was sie reden, ist vergessen, sobald es gesprochen ist. Jeden Tag lernen sie sich neu kennen, sagen ihre Pfleger.

24-Stunden-Betreuung für alle

Alle, die hier in der Gründerzeitvilla im Berliner Stadtteil Steglitz wohnen, das sind sechs Frauen und zwei Männer, leiden an Demenz. Sie sind zwischen 79 und 89 Jahre alt. Jeder hat ein Zimmer mit eigenem Mobiliar, sie teilen sich in ihrer Wohngemeinschaft die Bäder, die Küche und den Pflegedienst. Auch das geschieht nach altem WG-Prinzip: zusammenschmeißen. Die Ansprüche aller Bewohner auf eine häusliche Pflege werden addiert, so schaffen sie eine 24-Stunden-Betreuung für alle. Natürlich sind es die Angehörigen oder die gesetzlichen Betreuer, die für die Demenzkranken diese Vereinbarungen getroffen haben. Sie müssen viel entscheiden und sich oft an einen Tisch setzen.

Dafür stünden die Nutzer bei einem Pflegemodell wie diesem eindeutig im Mittelpunkt - anders als bei vielen Heimunterbringungen. Davon sind auch die Kinder Hans Pieskers überzeugt. Die Sozialstation des nahe gelegenen Nachbarschaftsheims Schöneberg übernimmt alle pflegerischen Dienste für die WG-Bewohner. Altenpflegerinnen, Hauspflegekräfte und Zivildienstleistende sorgen für sie, spielen, basteln mit ihnen und führen den Haushalt. Drei bis vier sind tagsüber da, abends kommt eine Nachtwache. Für jeden Einzelnen wäre es unbezahlbar, gemeinsam geht es. „Trotzdem ist unser Pflegepersonal nur Gast im Haus“, sagt die Koordinatorin Karen Gebert.

Bewohner, keine „Patienten“

Die Angehörigen könnten den Pflegedienst auch wechseln. Und das, ohne dabei die Wohnung für ihre Alten aufgeben zu müssen, denn die Verträge für die Zimmer haben sie mit einem anderen gemacht: dem Berliner Verein „Freunde alter Menschen“. Der hat dazu wiederum das ganze Haus gemietet. Diese Trennung ist Prinzip. Wären Pflegedienst und Vermieter nämlich identisch, wäre man ein Heim. Mit anderen baulichen Anforderungen und Abrechnungsmodalitäten. So ist es ein Gemeinschaftsunternehmen. Die Angehörigen haben alle einen Schlüssel zum Haus. Drinnen spricht niemand von „Patienten“, sondern von Bewohnern. Ihre Lebensgewohnheiten behalten sie.

Wer gern lange schläft, tut es. Wer im Haushalt helfen will, darf es. Zwei Etagenwohnungen in Schöneberg, in denen Demenzkranke leben, betreut das Nachbarschaftsheim seit langem. Vor eineinhalb Jahren kam die Villa in Steglitz hinzu. „Man spart alle An- und Abfahrtswege der ambulanten Pflegekräfte, auch das Einkaufen und Kochen ist viel günstiger im großen Haushalt“, sagt Karen Gebert. Sie könnte die Reihe der Synergieeffekte fortsetzen.

„Schlimm ist die Isolation“

Eine Tagespauschale von 94 Euro gibt es pro Bewohner von Pflegekasse und Berliner Senat, davon werden Betreuung und Pflege bestritten. Privat muss jeder Bewohner außerdem 300 Euro Haushaltsgeld zahlen und eben die Miete. Das sind auch 300 Euro. Fast 200 Demenz-Kommunen soll es mittlerweile in Berlin geben. „Für das Krankheitsbild sind Wohngemeinschaften ideal“, sagt Klaus Pawletko vom Verein „Freunde alter Menschen“, der diese Idee am stärksten vorangebracht hat. Demenzkranke solle man nicht verstecken in Heimen, sondern in die Nachbarschaft integrieren. „Mit ihnen einkaufen gehen“, fährt Pawletko fort, „möglichst sogar in der Umgebung, wo sie vorher gelebt haben.“

Oft funktioniert das, zumindest in der Hauptstadt. Der entspannte Berliner Immobilienmarkt bot bislang gute Voraussetzungen dafür, betreute Wohngemeinschaften über die ganze Stadt verteilt anzusiedeln. Stetig wächst die Zahl demenziell Erkrankter, allein in Berlin gibt es mehr als 40.000. „Schlimm ist die Isolation, wenn ein Kranker zu lange zu Hause bleibt“, sagt Pawletko. „Ehepartner oder Angehörige zieht es gleich mit in die Vereinsamung.“

Die Perle des Hauses

Auch Andreas Piesker kümmerte sich um seinen dementen Vater, bis das zu Hause nicht mehr ging. Da ertappte er ihn dabei, wie er sich gerade Katzenfutter auf dem Teller anrichtete. Seine Frau, die Krankenschwester ist, kannte die Sozialstation. So wurde Andreas Piesker einer jener „demokratiewilligen Angehörigen“, die engagierte Vereine wie der von Pawletko händeringend suchen. Piesker, der diese Rolle mehr zufällig übernahm, fühlt sich heute darin wohl.

Ein halbes Jahr nach der WG-Gründung konnten die Angehörigen etwa ihren Wunsch durchsetzen, dass eine zusätzliche Hauswirtschaftskraft angestellt wird. Die ist jetzt die Perle des Hauses - und die Wohnküche wird immer mehr zum Herzstück der Wohnung. Da wollen alle immer hin. Oder es zieht sie hinaus, so wie Hans Piesker. Er lebt schließlich noch in seinem alten Stadtteil. Geht der Sohn mit ihm spazieren, erkennt er vieles wieder, auch in seinem alten Kleingarten, den sie oft besuchen.

Angehörige fühlen sich schlecht unterstützt

Angehörige fühlen sich bei der Pflege eines Familienmitglieds von Staat und Gesellschaft nur mangelhaft unterstützt. Das ergab eine Umfrage. 65 Prozent der Befragten, die ein Familienmitglied versorgen, hätten diese Klage geführt, berichtete Emnid-Geschäftsführer Klaus-Peter Schöppner aus der am Mittwoch in Berlin präsentierten Untersuchung. 42 Prozent fühlten sich schwach und nur 27 Prozent angemessen unterstützt. Schon jeder fünfte Deutsche habe in seinem familiären Umfeld einen Pflegefall. Es gebe damit offenbar ein mehr als doppelt so hohes Potential an Pflegefällen, als es die rund 2,3 Millionen Empfänger von Leistungen durch die Pflegeversicherung nahelegten, sagte Schöppner. Einundsiebzig Prozent der zu Pflegenden würden mit großem Aufwand zu Hause betreut.

Vier von zehn Familien hätten für die Pflege Umbauten oder zusätzliche Ausstattungen vornehmen müssen, die mehrheitlich selbst finanziert worden seien, ergab die Studie weiter. Nur zu 28 Prozent sei dafür die Pflegekasse aufgekommen. Als Grund für die Pflege zu Hause wurden von den Befragten mehrheitlich angegeben, dass die Familie oder die zu pflegende Person dies so wollten. 36 Prozent sagten, andere Lösungen seien zu teuer.

Befragt wurden von den Forschern gezielt Personen über 50 Jahren. Aus dieser Gruppe gaben 20 Prozent an, „überhaupt nicht“ mit der Pflegesituation älterer Menschen zufrieden zu sein, 34 Prozent zeigten sich „eher unzufrieden“. Am kritischsten stuften sie die Qualität und die Professionalität von Pflege ein. Mit der Betreuung waren 53 Prozent, mit dem Ausbildungsstand des Personals 52 Prozent und mit der Qualität der Pflege 46 Prozent der Befragten zufrieden, obwohl diese Gebiete als die wichtigsten Kriterien bei der Auswahl einer Senioreneinrichtung gelten.

Der Freiburger Finanzwissenschaftler Bernd Raffelhüschen zeigte Unverständnis über die Antworten der Befragten. Wenn diese beklagten, sie bekämen vom Staat zu wenig, so hätten sie offenbar vergessen, dass sie in die 1995 eingeführte Pflegeversicherung bisher „so gut wie nichts bezahlt“ hätten. Raffelhüschen warnte zugleich vor einer Ausweitung der Pflegeleistungen. Angesichts des demographischen Wandels müsse die Pflegeversicherung auf eine „rudimentäre Basisversorgung“ reduziert werden. Alles andere sei nicht zu bezahlen.

Die große Koalition will noch in diesem Jahr eine Reform der Pflegeversicherung auf den Weg bringen. Zur Zeit streiten Union und SPD über ein Reformmodell der Unionsländer, das die Einführung einer privaten Pflege-Zusatzversicherung mit steigender Pauschale vorsieht. Aus der SPD und vom Sozialverband Deutschland (SoVD) wurde dies abgelehnt. (Reuters)

Quelle: F.A.Z., 22.03.2007, Nr. 69 / Seite 9
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