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Weltaidskonferenz Mehr Kranke in Therapie

17.08.2006 ·  Auf der XVI. Internationalen Aidskonferenz in Toronto haben Forscher die Ergebnisse neuester Studien über Aids vorgestellt. Manche machen Mut, andere zeigen, wie weit der Weg noch ist, bis die Seuche besiegt werden kann.

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Auf der XVI. Internationalen Aidskonferenz in Toronto haben Forscher die Ergebnisse neuester Studien über Aids vorgestellt. In aller Welt wurden Erkenntnisse gesammelt. Manche machen Mut, und andere zeigen, wie weit der Weg noch ist, bis die Seuche besiegt werden kann.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat bekanntgegeben, daß sich die Zahl der Aidskranken in Entwicklungsländern, die eine antiretrovirale Therapie erhalten, seit 2003 mehr als vervierfacht hat. Demnach lag ihre Zahl im Juni 2006 bei gut 1,6 Millionen. Die WHO nannte in ihrem Bericht an erster Stelle den Süden Afrikas, wo im Jahr 2003 nur etwa 100.000 Aidspatienten therapiert wurden, im Juni 2006 waren es mehr als eine Million. Insgesamt seien inzwischen rund 6,8 Millionen Erkrankte in den Entwicklungsländern zu einer Behandlung mit antiretroviralen Medikamenten bereit. Auf der ganzen Welt sind nach WHO-Schätzungen 38,6 Millionen Menschen mit HIV infiziert.

Aidspatienten, die rechtzeitig mit dem Tuberkuloseantibiotikum Isoniazid („isoniazid preventive therapy“, IPT) und mit antiretroviralen Medikamenten behandelt werden, erkranken und sterben seltener an Tuberkulose. Das zeigt eine Studie unter anderen von Richard Chaisson von der amerikanischen John-Hopkins-Universität in Baltimore. Die zweijährige Untersuchung umfaßte 11.000 HIV-infizierte Patienten in 29 Krankenhäusern im brasilianischen Rio de Janeiro. Die Kombination von IPT und antiretroviralen Medikamenten verringerte demnach wesentlich die Wahrscheinlichkeit, sich mit Tuberkulose anzustecken. Tuberkulose ist die Infektionskrankheit, an der die meisten Aidspatienten letztlich sterben. Nach Angaben der WHO ist die Zahl der Tuberkuloseopfer in den vergangenen zehn Jahren dramatisch auf zwei Millionen gestiegen. Hauptgrund sei die Ausbreitung von HIV und Aids.

Mit einer großangelegten Studie will Bruce Walker, Direktor des „Partners Aids Research Center“ am „Massachusetts General Hospital“ in Boston klären, warum eine kleine Zahl von Menschen mit HIV leben kann, ohne daß ihr Immunsystem geschädigt wird. Dieses Phänomen der natürlichen HIV-Kontrolle wurde erstmals Anfang der neunziger Jahre beobachtet. Wissenschaftler gingen zunächst davon aus, daß die meisten Aidspatienten zu wenige T-Lymphozyten im Blut haben, die das Virus bekämpfen könnten. Neuere wissenschaftliche Arbeiten glauben indes, daß weniger die Anzahl, als die Qualität dieser Immunabwehrzellen ausschlaggebend sein könnte. Die meisten Menschen, die mit HIV infiziert werden, sind nicht in der Lage, mit ihrem Immunsystem allein die Vermehrung des Virus zu verhindern. Das HIV „besiegt“ schließlich die T-Helferzellen (T-Lymphozyten oder auch CD4-Zellen), die Medizin spricht dann vom Vollbild Aids. Walker will in seiner Studie mindestens 1000 der sogenannten long-term-nonprogressors untersuchen, die eine Viruslast haben, die geringer ist als 2000 Kopien je Milliliter Blut.

Der Anteil an HIV-Infektionen unter Männern, die Sex mit anderen Männern haben, ist dramatisch gestiegen und liegt in einigen asiatischen Ländern bei bis zu 28 Prozent. Das zeigt eine neue Studie von der „American Foundation for Aids Research“ (Amfar) und von Treat Asia („Therapeutics Research, Education, and Aids Training in Asia“). Demnach hat sich die Infektionsrate in dieser besonders gefährdeten Gruppe im kambodschanischen Phnom Penh auf 14 Prozent, im indischen Andhra Pradesh auf 16 und in Bangkok auf 28 Prozent erhöht. Befragt wurden Männer in 23 asiatischen Ländern. Offenbar, so die Studie, suggerierten die HIV-Präventionsprogramme in Asien, daß vor allem Drogengebraucher und weibliche Prostituierte von Aids betroffen seien. So gaben zum Beispiel in Phnom Penh 78 Prozent der Männer, die auch regelmäßig Sex mit Männern haben, an, sie benutzten stets ein Kondom, wenn sie zu einer weiblichen Prostituierten gingen, wenn sie einen Mann aufsuchten, griffen sie aber nur in 47 Prozent der Fälle zu dem HIV-Schutz. Die Befragten in Peking sagten, sie hätten überwiegend ungeschützten Sex. Nur 15 Prozent von ihnen glaubten, daß sie sich dadurch einem erhöhten Risiko aussetzten.

Sogenannte Superinfektionen, bei denen sich bereits HIV-infizierte Patienten mit weiteren HIV-Stämmen anstecken, kommen offenbar häufiger vor als bislang angenommen. Eine Studie aus Kenia berichtet von acht Fällen einer Superinfektion, die unter nur 57 HIV-infizierten Frauen in Mombasa entdeckt wurden. Offenbar steckten sich die Patientinnen bei einem weiteren Partner mit einem anderen HIV-Stamm an, wie Julie Overbaugh vom „Fred Hutchinson Cancer Research Center“ im amerikanischen Seattle sagte. Durch eine Superinfektion beschleunige sich nicht nur der Verlauf der Krankheit, sie sei auch wesentlich schlechter zu behandeln. In Südafrika gibt es nach Angaben von Julie Overbaugh ebenfalls Untersuchungen, die zeigen, daß Prostituierte häufiger zwei unterschiedliche HIV-Stämme aufwiesen.

Solch eine doppelte Infektion müsse nicht kurz hintereinander erfolgen, also noch bevor es im Körper zu einer ersten Immunabwehr gekommen ist. „Wir glauben, daß eine zweite Infektion auch viel später passieren kann, nach einer erfolgreichen Immunabwehr des Körpers.“ Diese Erkenntnis könnte die Entwicklung eines Aidsimpfstoffs erschweren: Die meisten Forscher arbeiten zur Zeit an einem Impfstoff, der das Immunsystem wie bei einer HIV-Infektion aktivieren soll, um Antikörper und T-Helferzellen zu produzieren, die vor einer Infektion schützen sollen. „Wenn aber eine natürliche HIV-Infektion nicht vor einer zweiten Infektion schützt“, sagte die Medizinerin aus Seattle, „dann können wir auch nicht erwarten, daß ein Impfstoff diesen Schutz gewährleistet.“

Quelle: pps., F.A.Z., 18.08.2006, Nr. 191 / Seite 8
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