16.08.2006 · Auf der Weltaidskonferenz in Toronto steht die Prävention im Mittelpunkt. Der Einsatz des Diaphragmas bei Frauen und die Beschneidung von Männern als vorbeugende Maßnahmen sollen viele neue HIV-Infektionen vermeiden.
Von Peter-Philipp Schmitt, TorontoIm Mai 1997 forderte der amerikanische Präsident Bill Clinton, innerhalb einer Dekade einen Aids-Impfstoff zu entwickeln. Knapp ein Jahrzehnt später trat Privatier Bill Clinton, zugleich Gründer und Namensgeber seiner eigenen Aids-Stiftung („William J. Clinton Foundation“), am Dienstag bei der Welt-Aidskonferenz in Toronto auf.
Ernüchtert stellte er fest, daß es wohl noch länger als eine weitere Dekade dauern werde, bis ein Aids-Impfstoff auf den Markt komme. Bis dahin gelte es, die Erforschung anderer Präventionsmöglichkeiten voranzutreiben. Clinton nannte auch gleich die erfolgversprechendsten Ansätze: „Kondome“ für Frauen in Form von Mikrobioziden oder ein Diaphragma und die Beschneidung beim Mann.
Erschreckende Ahnungslosigkeit
Nicht einmal die größten Optimisten rechnen für die nächste Zukunft mit einem hundertprozentigen medizinischen Schutz vor Aids. Und auch wenn in Toronto über Impfstoffe genauso wie über verbesserte Aids-Medikamente viel geredet wird, so konzentrieren sich doch immer mehr Wissenschaftler auf andere präventive Möglichkeiten, die das Risiko einer HIV-Infektion verkleinern könnten.
Grundlage der Prävention sind ausreichende Informationen über HIV und Aids. Umfragen von Organisationen wie etwa UN-Aids zeigen nämlich eine erschreckende Ahnungslosigkeit: Mehr als 50 Prozent aller Jugendlichen wissen demnach so gut wie nichts über HIV und Aids.
Auch sind weniger als neun Prozent aller homosexuellen Männer und weniger als neun Prozent aller schwangeren Frauen jemals präventiv über die Immunschwächekrankheit aufgeklärt worden. Allein im Jahr 2005 hat es 4,1 Millionen HIV-Infektionen gegeben, 90 Prozent der Neuinfizierten ahnen nicht einmal etwas von der Ansteckung.
„Feminisierung von Aids“
Klassischerweise gehört zur Aids-Prävention die ABC-Strategie: Abstinenz („Abstain“), Treue in der Partnerschaft („Be Faithful“) und Kondome („Condoms“). Zudem sollte sich jeder Klarheit darüber verschaffen, ob er sich mit Aids oder einer anderen sexuell übertragbaren Krankheit angesteckt hat.
In Toronto wird in diesen Tagen über weitere mögliche Präventionsmaßnahmen gesprochen, die erst seit einigen Jahren auf ihre Tauglichkeit getestet werden. Dabei rücken Frauen ins Zentrum des Interesses. Die Wissenschaft spricht von der „Feminisierung von Aids“ - im Süden Afrikas etwa sind gut 60 Prozent aller Aidskranken weiblich.
Frauen sind besonders gefährdet, da sie sich viel leichter anstecken als Männer. Zudem können sie sich oftmals ihren Partnern nicht verweigern, können sich nicht darauf verlassen, daß ihre Partner treu sind, und können ihre Partner oft auch nicht dazu zwingen, ein Kondom zu verwenden.
Fünf Präventionstechniken
Alle fünf Präventionstechniken, die am Dienstag in Toronto von der südafrikanischen Professorin Gita Ramjee vorgestellt wurden, sind nach Meinung der „Global HIV Prevention Working Group“ vielversprechend. Hundertprozentigen Schutz bieten sie jedoch nicht einmal dann, wenn man sie kombiniert.
Es geht um Mikrobiozide, also chemische Substanzen, die in der Vagina oder im Rektum vor einer HIV-Infektion schützen sollen; das Diaphragma, das den für HI-Viren empfänglichen Gebärmutterhals schützen soll; die präexpositionelle Prophylaxe (Prep), also die vorbeugende Einnahme antiretroviraler Medikamente; die männliche Beschneidung; und die Behandlung des Herpes-Simplex-Virus Typ 2 (Herpes Genitalis, HSV-2) - HSV-2-Infektionen verlaufen zwar meist harmlos, bereiten aber oft einer Ansteckung mit dem HI-Virus den Weg.
Hohe HIV-Prävalenz als Voraussetzung
Gita Ramjee leitet mehrere klinische Studien der Phase III in der Nähe von Durban in Südafrika. Eine ihrer Mikrobiozid-Studien (gefördert von „Population Council“, „Gates Foundation“ und US-Aids) ist schon abgeschlossen. Da es sich - wie in der Medizin üblich - um eine randomisierte, doppelblinde und plazebokontrollierte Studie handelt, bei der also weder die Teilnehmer noch die Ärzte wissen, welche Frauen das Mikrobiozid Carraguard und welche Frauen nur ein Placebo bekommen haben, ist mit Ergebnissen nicht vor Mitte 2007 zu rechnen.
Zur Zeit sind nach Angaben Gita Ramjees etwa 30 bis 40 Mikrobiozid-Kandidaten in vorklinischen Studien, 14 sind in frühen klinischen Studien, fünf werden schon an Tausenden Frauen vor allem in Afrika, Indien und in Philadelphia in den Vereinigten Staaten getestet.
Eine der Voraussetzungen für den Erfolg einer Mikrobiozid-Studie ist eine hohe HIV-Prävalenz. Sie gibt an, wie viele Frauen in einer bestimmten Population mit HIV infiziert sind. In manchen Gegenden Südafrikas erreicht sie bis zu 55 Prozent.
Preiswert und mehrfach verwendbar
Das Diaphragma hätte als wirksamer HIV-Schutz gleich mehrere Vorteile: Es ist preiswert, es kann mehrfach verwendet werden, ist schon auf dem Markt und in vielen Ländern als Verhütungsmittel zu haben. Zudem können Frauen es benutzen, ohne daß ihre Männer es bemerken.
Schon seit langem wissen Wissenschaftler, daß die meisten HIV-Infektionen bei Frauen im Gebärmutterhals oder im Zervikalkanal (zwischen äußerem und innerem Muttermund) auftreten. Ein Schutz in Form eines Diaphragmas könnte nicht nur eine Aids-Infektion wirksam verhindern, sondern auch eine Ansteckung mit einer anderen sexuell übertragbaren Krankheit (etwa Genitalherpes).
Ein handelsübliches Gleitgel
Nancy S. Padian aus San Francisco leitet die am weitesten fortgeschrittene klinische Studie (Phase III) in Südafrika und Zimbabwe mit etwa 5000 Frauen. Sie wird in wenigen Monaten beendet sein. In ihrer Studie werden zwei Gruppen verglichen: Die eine soll beim Sex das Diaphragma und ein Kondom verwenden, die andere Gruppe nur ein Kondom.
Mit dem Latex-Diaphragma sollen die Teilnehmerinnen auch noch ein handelsübliches Gleitgel verwenden, das zusätzlich vor einer HIV-Infektion schützen könnte. Nach Meinung Padians wäre das Diaphragma für eine Kombination mit einem Mikrobiozid besonders gut geeignet.
Beschnitte Männer weniger infiziert
Seit langem ist bekannt, daß Länder, in denen Männer beschnitten sind, niedrigere HIV-Infektionszahlen aufweisen. Die Vorhaut des Mannes enthält Langerhans-Zellen, die offenbar primär von HIV infiziert werden. Eine Beschneidung verringert demnach das Risiko, sich mit sexuell übertragbaren Krankheiten anzustecken.
Vor einem Jahr berichtete der Franzose Bertran Auvert erstmals von seiner Studie in Südafrika: 3273 unbeschnittene Männer im Alter von 18 bis 24 Jahren wurden nach dem Zufallsprinzip in zwei Vergleichsgruppen aufgeteilt: Der eine Teil der Männer wurde sofort beschnitten, der andere erst nach 21 Monaten. In diesem Zeitraum steckten sich 20 der beschnittenen Männer mit HIV an, während sich 49 der unbeschnittenen Teilnehmer infizierten.
Gefahr vor Geschlechtskrankheiten verringert
Eine Beschneidung, schrieb Auvert, böte damit im Vergleich zu einem Impfstoff eine etwa sechzigprozentige Wirksamkeit gegen eine HIV-Infektion. Brian G. Williams von der Weltgesundheitsorganisation (WHO), der Auverts Studie mitkoordiniert hatte, nimmt an, daß etwa eine halbe Million HIV-Infektionen in Südafrika in den nächsten zehn Jahren vermieden werden könnten, wenn nicht nur, wie bisher, ein Drittel, sondern alle Männer beschnitten wären.
Ronald Gray von der Johns Hopkins University in Baltimore stellte wenig später mit einer Studie in Uganda fest, daß sich nicht nur das HIV-Infektionsrisiko für die Partnerinnen von beschnittenen Männern verringert, sondern auch die Gefahr, daß sie sich unter anderem mit HSV-2-Viren, mit Humanen Papilloma-Viren (HPV) oder einer Trichomoniasis anstecken.
1334 Männer inzwischen beschnitten
UN-Aids und andere große Gesundheitsorganisationen warnen in Toronto abermals davor, voreilige Schlüsse zu ziehen. Man müsse weitere Studien abwarten. Unter anderen Robert C. Bailey von der University of Illinois stellte am Dienstag seine noch nicht abgeschlossene Arbeit im Kisumu-Distrikt in Kenia vor, wo Männer traditionell nicht beschnitten sind.
Auch er wählte die Altersgruppe 18 bis 24 (die HIV-Prävalenz der Achtzehnjährigen liegt bei unter zwei, die der Vierundzwanzigjährigen schon bei mehr als 20 Prozent). 1334 Männer wurden inzwischen beschnitten - einen ersten Erfolg hat die Untersuchung also schon gezeitigt.
Kontaminierten Spritze
Schon vor einigen Jahren haben Aidsforscher angefangen, antiretrovirale Medikamente, die sonst Aidspatienten von einem bestimmten Zeitpunkt ihrer Krankheit an einnehmen müssen, vorbeugend zu verabreichen. Diese Prep (prä- oder postexpositionelle Prophylaxe, je nachdem, wann sie eingesetzt wird) bekommen zum Beispiel Ärzte oder Krankenschwestern, die sich etwa mit einer kontaminierten Spritze verletzt haben, genauso wie Neugeborene von HIV-infizierten Müttern.
Brooks Jackson von der Johns Hopkins University verabreichte im Jahr 2002 einer Testgruppe von 33 HIV-negativen Personen zwölf Wochen lang Nevirapin, das zur Substanzklasse der nicht-nukleosidalen Reverse-Transkriptase-Inhibitoren gehört. Einziges Ergebnis der zu klein angelegten Studie: Die Teilnehmer vertrugen den Wirkstoff problemlos.
Risiko der Resistenz
Zur Zeit wird Tenofovir, ein azyklisches Nukleotid-Analogon, in ersten Studien in Thailand mit 1600 Drogengebrauchern getestet. Zudem gibt es zwei Projekte mit Tenofovir in Verbindung mit Emtricitabin, einem Cytidin-Analogon, in Botswana und Peru. Prep-Versuche mit Affen waren nach Angaben der „Global HIV Prevention Working Group“ vielversprechend, auch wenn die Wirkung von Tenofovir nach einiger Zeit nachzulassen scheint.
Ein weiteres großes Risiko könnten Resistenzen sein: Sollte das Virus schon während einer vorbeugenden Behandlung gegen die eingesetzte Medikamentenklasse unempfindlich werden, würde das eine spätere Aidstherapie erheblich einschränken.
In Afrika leiden bis zu 70 Prozent an Herpes
Untersuchungen in Afrika scheinen zu belegen, daß fast ein Drittel der HIV-Infektionen in Verbindung mit einem vorherigen Genitalherpes stehen. Der weitverbreitete Wirkstoff Aciclovir bekämpft das Herpes Simplex Virus Typ 2 einfach und erfolgreich.
Eine erste Studie mit Aciclovir umfaßt zur Zeit 3227 Frauen und Männer in Afrika, Lateinamerika und den Vereinigten Staaten. Aciclovir wäre eine ideale Präventionsmöglichkeit: Es ist preiswert, auch weil die Patente an dem Wirkstoff längst verfallen sind, und könnte auf der ganzen Welt leicht hergestellt werden. Selbst wenn der Wirkstoff nicht wie angenommen einer HIV-Infektion vorbeugen sollte: In Afrika leiden in manchen Regionen bis zu 70 Prozent der Menschen an Herpes. Der vermehrte Einsatz von Aciclovir wäre also auf jeden Fall sinnvoll.
AIDS-Konferenz in Toronto
Gerhard Dünnhaupt (dunnhaupt)
- 17.08.2006, 05:44 Uhr
Peter-Philipp Schmitt Jahrgang 1967, Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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