Home
http://www.faz.net/-guw-71njq
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Welt-Aidskonferenz Operation Abraham

 ·  Bei der Welt-Aidskonferenz stritten Gegner und Befürworter der Beschneidung über die Korrelation zwischen Vorhaut und HIV, Gesundheit und Geschäftsinteressen.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (6)

Die Außenministerin der Vereinigten Staaten ließ keine Zweifel aufkommen. Ihr Land unterstütze die männliche Beschneidung als Schutz vor dem HI-Virus, sagte Hillary Clinton am ersten Tag der XIX. Welt-Aidskonferenz. Das war eine klare Ansage auch an die Kritiker vor dem Convention Center in Washington, die gegen den ihrer Ansicht nach traumatischen Eingriff vor allem für Kleinkinder demonstrierten. Für sie wiegen die Argumente der Befürworter, eine Beschneidung fördere die Hygiene und habe medizinischen Nutzen, weniger als ihre Zahlen, die belegen, dass es in bis zu 38 Prozent der Fälle zu postoperativen Komplikationen kommen kann. Das Kölner Beschneidungsurteil kam für die Gegner also zur rechten Zeit.

Die Befürworter besonders aus den Vereinigten Staaten lassen sich jedoch nicht beirren: Präsident Barack Obama hatte schon am 1. Dezember 2011, dem Welt-Aidstag, neue Ziele für das fast 50 Milliarden Dollar umfassende amerikanische Aids-Nothilfe-Programm (Pepfar) bekanntgegeben. Zu den Zielen von Pepfar, das Obamas Vorgänger George W. Bush ins Leben gerufen hatte und jeweils auf fünf Jahre angelegt ist, zählen seither auch 4,7 Millionen Beschneidungen bis Ende 2013 überwiegend in Afrika. Vierzehn Länder besonders im Süden des Kontinents waren zuvor schon vom Aids-Programm der Vereinten Nationen (UN-Aids) und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aufgrund ihrer hohen Infektionsraten ausgewählt worden. In ihnen ist die Beschneidung zum Teil nicht völlig unbekannt: Bei einigen Stämmen und Volksgruppen wird sie als Männlichkeitsritual praktiziert, und vor allem die Muslime in den Ländern sind beschnitten. UN-Aids und WHO streben an, dass 80 Prozent der Fünfzehn- bis Neunundvierzigjährigen dort bis Ende 2015 beschnitten sind, das entspricht 20 Millionen Beschneidungen zusätzlich. Seit die WHO vor fünf Jahren die „freiwillige medizinische männliche Beschneidung“ (VMMC) empfohlen hat, folgten allerdings erst 1,5 Millionen Männer in der Region dem Aufruf.

Politiker gehen mit gutem Beispiel voran

Die Bereitschaft in Afrika ist also noch nicht allzu groß. Auch darum gehen Politiker inzwischen mit gutem Beispiel voran. Im Juni erst ließen sich 108 männliche Parlamentsabgeordnete in Zimbabwe zunächst auf HIV testen, danach ließen sich mehr als 40 von ihnen auch beschneiden. Dabei geht es ihnen wie den internationalen Aids-Organisationen nicht nur darum, Leben zu retten, sondern auch darum, Kosten zu sparen. Rund 3,5 Millionen Neuinfektionen ließen sich nach WHO-Angaben bis 2025 vermeiden, wenn die vorgegebene Beschneidungsquote von 80 Prozent bis 2015 erreicht würde. Für die 20 Millionen Eingriffe veranschlagt die WHO 1,5 Milliarden Dollar an Kosten, zugleich würde man aber 16,5 Milliarden Dollar bis 2025 einsparen - vor allem bei den Aids-Therapien.

Ob die männliche Beschneidung das Risiko einer HIV-Ansteckung tatsächlich signifikant mindert, ist noch immer umstritten. Die WHO bezieht sich bei ihrer Empfehlung besonders auf drei Studien aus den Jahren 2005 bis 2007, die belegen, dass das Risiko von beschnittenen Männern, sich bei einer HIV-positiven Frau zu infizieren, um mindestens 60 Prozent sinkt. Uganda, das inzwischen seit fünf Jahren zur freiwilligen Beschneidung aufruft, geht sogar von 73 Prozent aus. In Orange Farm, einer Region in Südafrika, die Teil der ursprünglichen Studien war, haben sich inzwischen 19 Prozent der nicht beschnittenen Männer mit HIV infiziert, bei den beschnittenen sind es nur neun Prozent.

Trotzdem handelt es sich nur um eine statistische Größe. Ein beschnittener Mann ist eben nicht bei jedem Sexualkontakt vor einer Infizierung geschützt, weshalb die WHO auch weiterhin den Einsatz von Kondomen empfiehlt. Warum also, fragen die Kritiker, sollte sich ein Mann überhaupt beschneiden lassen, wenn die Beschneidung nur zusammen mit einem Kondom einen hundertprozentigen HIV-Schutz gewährleistet? Zudem wird befürchtet, beschnittene Männer könnten die Gefahr einer Infektion unterschätzen und aufs Kondom verzichten. Untersuchungen deuten auf dieses Missverständnis bei Männern hin.

„Von Freiwilligkeit kann keine Rede sein“

Auf der Welt-Aidskonferenz wurde das Thema besonders diskutiert, alleine 70 Veranstaltungen befassten sich mit der männlichen Beschneidung. Organisationen wie die Operation Abraham (OAC) warben für ihre Arbeit. Die OAC wurde 2006 von Medizinern in Jerusalem gegründet, um Ärzte in Afrika auf die zu erwartende große Zahl von Beschneidungen vorzubereiten. Israelische Mediziner gelten seit den achtziger Jahren als Experten, wenn es um den schonenden Eingriff bei Erwachsenen geht. Damals wanderten Tausende jüdische Immigranten aus der Sowjetunion und aus Äthiopien ein. Der Name Operation Abraham spielt dabei auf den ersten Mann an, der beschnitten war. Der Stammvater Israels soll sich auf Geheiß Gottes mit 99 Jahren selbst beschnitten haben, danach auch seine beiden Söhne.

Vor dem Convention Center in Washington protestieren die Gegner für intakte Genitalien. Sie weisen auf die Schutzfunktion der Vorhaut hin, und darauf, dass die Beschneidung in Amerika nicht zuletzt auch nur deswegen im 19. Jahrhundert so massiv propagiert wurde, um Jungen davon abzuhalten, sich selbst zu befriedigen. Letztlich gehe es den Befürwortern nur ums Geschäft: Der Eingriff selbst ist kostspielig (in Afrika werden mindestens 65 bis 155 Dollar pro Operation veranschlagt), die gewonnene Vorhaut wird zudem an biomedizinische Unternehmen verkauft, die daraus zum Beispiel künstliche Haut zu Testzwecken für die Pharma- und Kosmetikindustrie herstellen. Dass es sich dabei um ein milliardenschweres Geschäft handelt, wie die Gegner der Beschneidung behaupten, scheint allerdings wenig glaubhaft.

Ein medizinischer Nutzen indes ist seit langem bewiesen: Beschnittene Männer leiden seltener an Geschlechtskrankheiten wie Herpes genitalis und Gonorrhoe oder auch an Peniskrebs. Schon seit den fünfziger Jahren weiß man, dass Frauen von beschnittenen Männern wesentlich seltener an Gebärmutterhalskrebs erkranken. Dass der Eingriff schmerzhaft ist und traumatisierend sein kann, ist ebenfalls unbestritten. Noch geht es den HIV-Schutz-Programmen aber nur um die freiwillige Beschneidung erwachsener Männer, gegen die auch die Kölner Richter nichts einzuwenden haben. Die Gegner indes glauben, dass schon heute von Freiwilligkeit gerade in Afrika keine Rede mehr sein kann, wenn ganze Dörfer und Regionen von den massiv geförderten Aktionsprogrammen geradezu überrollt werden. Die Kritiker befürchten zudem, dass man sich schon bald dazu entschließen könnte, auch Kleinkinder und Jugendliche unter 15 Jahren vermehrt zu beschneiden, auch um die Quoten von WHO und UN-Aids am Ende zu erfüllen.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1967, Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

Jüngste Beiträge