Ausgerechnet der prominenteste Prominente, der Mann, der die Welt-Aidskonferenz in Washington überhaupt erst ermöglichte, will sich nicht feiern lassen. Lange hatte Barack Obama gezögert, dem Organisator und Gastgeber, der Internationalen Aids-Gesellschaft (IAS), seine Teilnahme zu- oder abzusagen. Erst vergangene Woche hieß es, Obama sei verhindert, werde sich aber in einer Videobotschaft an die Delegierten wenden. Der Präsident spricht nun im Stundentakt über Bildschirme zu den angereisten Gästen auf dem Konferenzgelände - vor allem darüber, dass er sich auch weiterhin mit allen Mitteln für den Kampf gegen Aids einsetzen werde. Nicht wenige Delegierte fühlen sich aber von dem Mann im Stich gelassen, der sie bislang unterstützt hat und sich erst im Mai für die gleichgeschlechtliche Ehe aussprach.
Am Sonntagabend hielt also Obamas Gesundheitsministerin Kathleen Sebelius im nur wenige hundert Meter vom Weißen Haus entfernten Convention Center die Rede zur Eröffnung der sechstägigen Konferenz mit ihren rund 25.000 Delegierten aus 195 Ländern. Der Präsident war tatsächlich verhindert, weil er zu Überlebenden des Amoklaufs nach Aurora geeilt war. Am Sonntagnachmittag hatten gut 1000 Delegierte noch bei den Obamas vorbeigeschaut: Vom Washington Monument führte der „Marsch auf Washington“ am Weißen Haus vorbei zum Capitol. „Keep the Promise“ lautete die Parole, an der sich neben Schauspielerin Margaret Cho auch der Bürgerrechtler Al Sharpton und der Beinahe-Präsident von Haiti, der Hip-Hopper Wyclef Jean, beteiligten. Ihre Sorge: Die reichen Nationen könnten ihre finanziellen Zusagen nicht einhalten.
Die Demonstranten kritisierten auch Obama, der sich bei den Ausgaben für den Kampf gegen Aids zu Einschnitten gezwungen sah. Zugleich preist ihn aber die Aids-Community als den Mann, der die Rückkehr der größten Ansammlung von Wissenschaftlern, Politikern und vor allem von HIV- und Aids-Betroffenen in sein Land gesetzlich erst wieder ermöglichte. Schon einmal, 1987, hatte die Welt-Aidskonferenz in Washington stattgefunden, 1990 in San Francisco. Zwei Jahre später war sie in Boston geplant, musste aber aufgrund des schon von Präsident Ronald Reagan durchgesetzten Einreiseverbots für HIV-Infizierte kurzfristig nach Amsterdam verlegt werden.
Seither fand keine Aids-Konferenz mehr in dem Land statt, das wie kein anderes für den Kampf gegen Aids steht. Nach UN-Aids-Angaben stammten 2011 knapp 60 Prozent der Gelder für die besonders von HIV und Aids getroffenen Länder von den Vereinigten Staaten, gefolgt von Großbritannien (12,8 Prozent), Frankreich (5,4), den Niederlanden (4,2) und Deutschland (vier Prozent).
Das Ziel: eine Aids-freie Generation
Am Montag schickte Obama eine weitere, seine ranghöchste Ministerin ins Convention Center. Hillary Clinton wurde mit großem Applaus empfangen. „Lasst mich zunächst die fünf Worte aussprechen, die wir hier in Amerika so lange nicht sagen konnten“, rief sie ihren jubelnden Zuhörern zu: „Willkommen in den Vereinigten Staaten!“ Die Außenministerin, Herrin über die knapp 50 Milliarden Dollar, die Amerika derzeit in fünf Jahren für den Kampf gegen Aids ausgibt, gilt als die Erfinderin des Slogans „Creating an Aids-Free Generation“. Kein Kind, so sagte sie, dürfe mehr mit dem Virus zur Welt kommen (was heute, selbst wenn die Mutter HIV-positiv ist, dank der Medikamente gewährleistet werden kann); das Risiko Heranwachsender, sich anzustecken, müsse stetig weiter verringert werden; und sollte sich ein Jugendlicher doch mit HIV infizieren, müsse er umgehend behandelt werden, damit er unter der Therapie das Virus selbst nicht mehr überträgt.
Die Außenministerin sprach sich für die freiwillige männliche Beschneidung aus, die als wirksamer HIV-Schutz gilt. Auch in Washington ist das Thema umstritten: Schon vor dem Konferenzgelände halten Demonstranten täglich Banner mit der Aufschrift „Beschneidung ist Folter“ und „Intakte Genitalien sind ein Menschenrecht“ in die Höhe. Dagegen hält unter anderen Jonathan Mumena XI. aus Sambia. Der Achtundvierzigjährige mit dem dicken Schnurrbart und der grellbunten Krawatte wirbt für den besonderen HIV-Schutz, der seinem Stamm der Kaonde als Ritual bis vor wenigen Jahren fremd war. Sein Sohn Benjamin und einschlägige Studien hätten ihn überzeugt.
Auch Hollywood nutzt die Bühne der Konferenz
Washington ist von allen amerikanischen Städten am schlimmsten von Aids betroffen. Knapp drei Prozent der Einwohner sind HIV-positiv. Bei den Männern trägt sogar jeder Zwanzigste das Virus in sich, unter den Schwarzen ist es jeder Sechzehnte. Bürgermeister Vincent C. Gray hofft, dass die Konferenz ihm hilft bei seinen Anti-Aids-Programmen. Mehr Menschen werden hier nun auf HIV getestet, die Zahl der Neuinfektionen sinkt, 2011 wurden fünf Millionen Kondome an die gut 600.000 Einwohner verteilt.
Das Blatt soll gewendet werden. Das Motto der XIX. Welt-Aidskonferenz: „Turning the Tide Together“. Und so liest sich die Liste der Teilnehmer, selbst wenn sie sich nur, wie der französische Staatspräsident François Hollande, UN-Generalsekretär Ban Ki-moon, Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu oder die burmesische Freiheitskämpferin Aung San Suu Kyi, per Videobotschaft an die Delegierten wenden. Hollande konnte sich Beifalls gewiss sein: Er sagte zu, dass Frankreich vom 1. August an einen Teil der dann gültigen Finanztransaktionssteuer für den Kampf gegen Aids einsetzen werde.
Auch Hollywood nutzt diese Bühne. Sharon Stone überreichte den erstmals vergebenen „Elizabeth Taylor Award“ an die iranischen Ärzte Arash und Kamiar Alaei als Anerkennung für ihren Einsatz. Die Brüder hatten sich in ihrer Heimat nicht nur um die Aidsforschung, sondern auch um Prostituierte, Homosexuelle und Rauschgiftabhängige gekümmert - dafür wurden sie zu Haftstrafen verurteilt.
Der eigentliche Gastgeber ist Häuptling Billy Redwing Tayac
Auch Elton John forderte am Montag mehr Mitgefühl für HIV-Positive: „Wir müssen sie alle in den Arm nehmen.“ Er selbst, so sagte er, könne von Glück sagen, dass er bei seinem früheren Drogengebrauch und sexuellen Verhalten noch am Leben sei: „Ich sollte zwei Meter unter der Erde und in einer hölzernen Kiste liegen.“ Quicklebendig auf der Konferenz auch Alicia Keys, Annie Lennox, Joan Osborne, Herbie Hancock, Whoopi Goldberg, Melinda und Bill Gates, Bill Clinton, Prinzessin Mette-Marit. Aus Deutschland nimmt Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr - wie seine Vorgänger auch - so gut wie unbemerkt an der Konferenz teil.
Ob wohl auch George W. Bush kommt? Sicher ist, dass sich seine Frau Laura zeigen wird, um über die Rechte von Frauen zu sprechen. Der ehemalige Präsident, der mit seinem milliardenschweren Notfallplan Pepfar das größte Hilfsprogramm auflegte, müsste nicht einmal befürchten, ausgebuht zu werden. Zudem hätte er wie alle Delegierte den Segen von Billy Redwing Tayac. Der Häuptling des Stamms der Piscataway ist hier der eigentliche Gastgeber - sein Volk lebt schon seit 12.000 Jahren in der Gegend. Er blies allen Angereisten zu Beginn auf einer Pfeife aus Adlerknochen heilsbringende Töne vor.
mumena XI, der mit dem dicken
martin fehlig (master25b)
- 25.07.2012, 11:40 Uhr
Beschneidung schützt? Da hat sich Herr Mumena von
Taschenspielertricks blenden lassen:
Horst Delmen (Dr.Delmen)
- 25.07.2012, 09:57 Uhr
Na schön, wieder frische Kohle
Jürgen Dietze (dietzej)
- 24.07.2012, 22:21 Uhr
