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Welt-Aids-Tag : Positiv zusammen leben

„Auch unter Schwulen existieren Vorurteile gegenüber HIV“: Björn Beck in Frankfurt Bild: Frank Röth

Björn Beck ist HIV-positiv und kämpft täglich gegen Klischees. In der Kampagne zum Welt-Aids-Tag fordert er einen angstfreien Umgang mit der Krankheit. Die Gesellschaft habe immer noch viele Vorurteile.

          Vor sechs Jahren, im Alter von 33, bekam Björn Beck bei einer Routineuntersuchung die Diagnose, HIV-positiv zu sein. Das war ein Schock für ihn: „Ich hatte auf einmal diese alten Bilder von HIV und Aids vor Augen und das Gefühl, man zieht mir den Boden unter den Füßen weg“, sagt er in dem kurzen Video, das auf der Website des Welt-Aids-Tages zu sehen ist, der an diesem Donnerstag begangen wird.

          Björn nimmt an, dass er sich infiziert hat, als einmal ein Kondom gerissen ist. „Erst hatte ich Angst“, sagt er. In seinem Freundeskreis gab es damals aber schon Positive, die zum Teil auch darüber sprachen, und so vertraute er sich einem infizierten Freund an. Das Gespräch mit ihm habe ihn geerdet. Er begann mit der antiretroviralen Therapie. Zu wissen, dass er nicht mehr ansteckend ist, sei sehr befreiend gewesen.

          HIV-positiv ist kein Todesurteil

          Wer „HIV-positiv“ hört, denkt sofort an Aids und assoziiert damit eine schreckliche ansteckende Krankheit, an der man stirbt. HIV endet in dieser Vorstellung in Tod und Elend und ist als Virus in Erinnerung geblieben, das sich besonders unter homosexuellen Männern verbreitet und moralisch irgendwie schwierig ist. So denken immer noch viele – obwohl sich in den letzten 20 Jahren viel in der Erforschung des Humanen Immundefizienz-Virus (HIV) getan hat.

          Es gibt dauerhaft wirksame Medikamente gegen das Virus, die im Rahmen der antiretroviralen Therapie verabreicht werden. Sie können, sofern die Infektion frühzeitig behandelt wird, das Virus zwar nicht heilen, aber den Ausbruch der Krankheit so weit verzögern, dass Menschen mit HIV leben und alt werden können. Wenn die Therapie anschlägt, führen die Medikamente außerdem dazu, dass das Virus nicht mehr auf sexuellem Weg übertragbar ist. Das aber weiß längst nicht jeder.

          Welt-Aids-Tag : Wie entsteht Aids und wie kann man sich schützen?

          Kampagne gegen Vorurteile und Ängste

          Wie kommt es, dass die Kenntnisse von HIV und Aids oft noch auf dem Stand der neunziger Jahre sind? „Es waren immer Minderheiten betroffen, deshalb ist Aids nie in der Gesellschaft angekommen“, sagt Björn Beck, der mit seiner Kapuzenjacke jugendlich wirkt und einen Fanschal von Eintracht Frankfurt trägt.

          Er macht mit bei der Kampagne #positivzusammenleben, die das Bundesministerium für Gesundheit und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung gemeinsam mit der Deutschen Aids-Hilfe und der Deutschen Aids-Stiftung durchführt. Die Kampagne soll dazu beitragen, Vorurteile und Ängste abzubauen. Die Plakate zeigen HIV-positive Menschen, die ein Transparent hochhalten. Björn ist einer von ihnen. Seine Botschaft lautet: „Gegen HIV habe ich Medikamente. Gegen dumme Sprüche nicht.“

          Kampf gegen Diskriminierung

          Die Kampagne benennt Klischees, mit denen Betroffene täglich konfrontiert werden. „Mit HIV komme ich klar. Mit Ablehnung nicht“, ist auf einem Transparent zu lesen. „Mit HIV kann ich leben. Mit dem ewigen Verstecken nicht“, steht auf einem anderen. Die Diskriminierung von Schwulen habe zugenommen, erzählt Björn. Die Hemmschwelle, Schwule zu beschimpfen, zu beleidigen und auszugrenzen, scheint niedriger geworden zu sein. Wer schwul ist und HIV positiv, hat mit einer doppelten Diskriminierung zu kämpfen.

          In den Sprüchen schwinge stets etwas Moralisches mit, sagt Björn. Es geht um Schuldzuweisungen: „Du bist ja schwul, du hättest es wissen müssen.“ Und es geht um den Verdacht, nicht den allgemein akzeptierten Normen des Sexuallebens zu entsprechen. Der Vorwurf, latent oder ausgesprochen, lautet: Das, was die HIV-Infizierten vor ihrer Infektion und bestimmt auch danach gemacht haben, ist unanständig: ungeschützter Geschlechtsverkehr, mehrere Sexualpartner gleichzeitig oder noch Schlimmeres. Björn kennt das zur Genüge. Dass seine HIV-Infektion bei „so einem ausschweifenden Sexualleben“ nicht verwunderlich sei, wurde ihm schon oft vorgehalten.

          Neuer Workshop in Arbeit

          Björn, der in Wiesbaden geboren wurde, in Mainz Medizin studierte und in der Leukämieforschung an der Universitätsklinik arbeitete, leitet seit 2014 bei der Hessischen Aids-Hilfe das Präventionsprojekt „Hessen ist geil!“ Die Initiative will „über körperliche und seelische Gesundheit informieren“ und richtet sich an alle Männer, die Sex mit Männern haben.

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