08.08.2008 · Diskussionen und Demonstrationen: An sechs Tagen kamen in Mexiko-Stadt gut 23.000 Delegierte zusammen, vorgestellt wurden 7714 wissenschaftliche Studien, medizinische Untersuchungen und Errungenschaften - oder auch einfach nur Erfahrungsberichte von Betroffenen.
Von Peter-Philipp Schmitt; Mexiko-StadtWelt-Aids-Konferenzen sind kaum zu fassen: Für sechs Tage kamen in Mexiko-Stadt an die 23.000 Delegierte zusammen, vorgestellt wurden 7714 wissenschaftliche Studien, medizinische Untersuchungen und pharmazeutische Errungenschaften, aber auch Erfahrungsberichte von Infizierten. Nicht eingerechnet sind Hunderte weiterer Programmpunkte, die neben der Konferenz stattfinden. Dort warben Nichtregierungsorganisationen aus aller Welt genauso für sich wie alle großen Pharmaunternehmen. Wer Schlagzeilen zum Thema Aids will, für den gibt es keine bessere Gelegenheit, als alle zwei Jahre vor die 3000 anwesenden Journalisten zu treten. Da erscheint es fast merkwürdig, dass dieses Mal nur der frühere amerikanische Präsident Bill Clinton persönlich auf der Bühne erschien.
Doch Welt-Aids-Konferenzen sind viel mehr als ein Treffpunkt für Wissenschaftler und Politiker. Für einen großen Teil der Delegierten sind sie ein einmaliger Ort der Begegnung. Durch Hunderte Stipendien gefördert, reisen aus Entwicklungsländern Teilnehmer an, in ihrer Gemeinschaft Aidsaufklärung betreiben, Patienten behandeln, Kranke am Leben erhalten und meist noch nie das eigene Land verlassen haben. Was sie an Begeisterung, an neuer Sachkunde und Kraft mitnehmen, war in Mexiko-Stadt überall zu spüren.
Konferenzen mit historischer Bedeutung
Welt-Aids-Konferenzen haben allerdings auch eine historische Bedeutung. Mit der Konferenz in Namen Vancouver verbindet sich in der Geschichte der Immunschwächekrankheit der Wendepunkt: Vor zwölf Jahren wurde auf der XI. Internationalen Konferenz eine Therapie vorgestellt, die seither Abermillionen Menschen das Leben gerettet hat. Vier Jahre später, in Durban, fiel die Entscheidung, Afrika nicht seiner Epidemie zu überlassen. Die antiretroviralen Medikamente, die bis dahin für große Teile der Welt unbezahlbar waren, weil der Markt es angeblich so vorgab, sind mittlerweile für 90 Dollar im Jahr zu haben.
Wird Mexiko-Stadt in diese Erfolgsgeschichte eingehen? Erstmals fand die Welt-Aids-Konferenz in einem lateinamerikanischen Land statt. Nach dem Süden Afrikas ist der karibische Raum am schlimmsten von der Seuche betroffen. Mexiko könnte durchaus Geschichte machen: Unter anderen haben kanadische Wissenschaftler um Julio Montaner aus Vancouver wegweisende Erkenntnisse veröffentlicht. Je mehr Aidspatienten demnach mit antiretroviralen Medikamenten behandelt werden, desto stärker sinkt die Zahl der HIV-Neuinfektionen. Montaner, Ausrichter der nächsten Weltaidskonferenz in Wien im Jahr 2010, berechnete, dass die Zahl der Ansteckungen im Jahr um 30 Prozent sinkt, wenn statt 50 künftig 75 Prozent der Patienten mit Aidsmedikamenten versorgt werden. Werden 90 oder sogar 100 Prozent der Kranken behandelt, sinken die Ansteckungszahlen um 50, beziehungsweise 60 Prozent.
Aufklärung und Vorbeugung
Unberücksichtigt bleibt dabei, dass eventuell bis zu 80 Prozent der HIV-Infizierten nichts von ihrer Ansteckung wissen. Ohne Aufklärung, ohne massive Testkampagnen können auch die Aidsbehandlungen keine neue Infektion verhindern. Und trotzdem: Wären nach Vancouver die Medikamente schneller für alle Patienten zugänglich und alle Regierungen zum Einsatz der Mittel bereit gewesen, wäre Millionen Ansteckungen vorgebeugt worden.
Ursprünglich sollte bis 2010 allen Aidskranken eine Behandlung ermöglicht werden. Zu schaffen ist das kaum. Und so wird vorsichtig das Jahr 2015 als neuer Richtwert ins Spiel gebracht. Auch für dieses Versagen könnte Mexiko-Stadt in Erinnerung bleiben.
Versagen der Goßmütter?
Josef Bujtor (Mramorak)
- 09.08.2008, 13:58 Uhr