22.07.2010 · Dass aus der Nachbarregion Österreichs kaum Politiker gekommen sind, sagt viel aus über den Umgang mit HIV. Und es ärgert die Gastgeberin einer Konferenz, die den Osten als Schwerpunkt hat.
Von Peter-Philipp Schmitt, WienAm Mittwoch waren die österreichischen Zeitungen voll mit einer aktuellen Umfrage, wie ernst es den Menschen im Land mit dem HIV-Schutz sei. Nicht so sehr, wie das Ergebnis zeigt. Fast 70 Prozent ignorieren das Risiko, sich bei einer neuen Bekanntschaft mit dem Aids-Erreger zu infizieren. Zugleich glauben die Befragten nicht, dass die Welt-Aidskonferenz, die noch bis zum Freitag in Wien stattfindet, an der „Bewusstseinsbildung“ in Österreich etwas ändern wird.
Alle zwei Jahre lädt die Internationale Aids-Gesellschaft (IAS) zu ihrer Spezial-Konferenz ein - mit mehr als 25 000 Delegierten die größte ihrer Art, die sich mit nur einer Krankheit befasst. Der Präsident der Gesellschaft, noch ist es der Kanadier Julio Montaner - am Freitag übernimmt Elly Katabira aus Uganda für zwei Jahre das Amt - ist offiziell der Gastgeber. Das Gastgeberland aber wird erstmals von einer Frau vertreten. Brigitte Schmied ist die örtliche Präsidentin der Veranstaltung. Eine Frau ist also das Gesicht einer Konferenz, die in die Geschichte eingehen könnte, weil auf ihr erstmals ein wirksamer HIV-Schutz für Frauen vorgestellt wurde - ein Vaginal-Gel, das Frauen unabhängig von der Bereitschaft ihrer Männer machen würde, ein Kondom zu benutzen.
„Acht Jahre sind genug“
Die Ärztin Brigitte Schmied, Jahrgang 1963, ist schon seit 2002 Präsidentin der Österreichischen Aids-Gesellschaft. Auch ihre Amtszeit endet an diesem Freitag. „Acht Jahre sind genug“, glaubt sie. Bislang hat sich aber kein Nachfolger gefunden, der sich traut, die herausragende Aids-Wissenschaftlerin Österreichs zu ersetzen. Bereits ihre Facharztausbildung zur Pneumologin absolvierte sie am Otto-Wagner-Spital in Wien. Dort leitet sie heute die Immunambulanz. Seit 20 Jahren behandelt sie Menschen mit HIV.
Brigitte Schmied gehörte zu den ersten, die 1997 mit einer damals noch zweifachen Kombinationstherapie HIV-positive Schwangere behandelte. Heute können HIV-infizierte Frauen problemlos gesunde Kinder zur Welt bringen. Die besondere Betreuung der Patientinnen zu verbessern - daran arbeitet die verheiratete Mutter, die selbst eine 17 Jahre alte Tochter hat.
Mit der Organisation von Aidskonferenzen hat sie Erfahrung. 2005 war sie Präsidentin des Deutsch-Österreichischen Aids-Kongresses in Wien, zwei Jahre danach Vizepräsidentin des Kongresses in Frankfurt. Diese Treffen waren mit der „Aids 2010“ freilich nicht zu vergleichen. In diesen Tagen sitzt sie mit Bill Clinton, Bill Gates und Annie Lennox auf der Bühne. Im Gegensatz zu ihnen bekommt Frau Schmied auch Kritik zu hören. Zu wenige hochrangige Politiker seien angereist. Sie verweist darauf, dass erstmals ein südafrikanischer Gesundheitsminister gekommen ist: Aaron Motsoaledi. Der Blick richtet sich aber vor allem nach Osteuropa und Zentralasien. Dort explodiert die Epidemie; zugleich haben weniger Menschen Zugang zu Aidsmedikamenten als in Südafrika. Dass aus der Nachbarregion kaum Politiker gekommen sind, sagt viel aus über den Umgang mit der Krankheit. Und es ärgert die Gastgeberin einer Konferenz, die den Osten als Schwerpunkt hat.
Peter-Philipp Schmitt Jahrgang 1967, Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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