27.12.2005 · Sie haben zu viel gefuttert, sich zu wenig bewegt, sind einfach zu träge: Viele Rekruten der Bundeswehr sind schlichtweg zu dick für den Dienst in der Armee.
Sie haben zu viel gefuttert, haben sich zu wenig bewegt, sind einfach zu träge: Viele Bewerber für den Dienst unter der Fahne der Bundeswehr sind für die Armee zu dick. Das ergab eine Studie des Zentralen Instituts des Sanitätsdienstes der Bundeswehr in Koblenz.
„Die Entwicklungen sind dramatisch“, sagt der verantwortliche Oberstarzt Dieter Leyk. Die körperliche Leistungsfähigkeit junger Männer sei in den letzten fünf Jahren „gravierend zurückgegangen“, berichtet der Militärarzt zum Jahresausklang. Leyk hat die Ergebnisse aus Fitneß-Tests mit mehr als 50.000 Männern analysiert, die sich bei den Streitkräften beworben hatten. Das Verteidigungsministerium ist alarmiert und sucht jetzt nach „sinnvollen Lösungswegen und Strategien“, um das Problem bewältigen zu können, war am Dienstag in Berlin zu hören. Nach den Untersuchungen steigt bei gleich bleibender Körpergröße das Gewicht der Bewerber „signifikant“ an. „Das ist nicht Muskelmasse, das ist Schwabbelmasse“, konstatiert Leyk in seiner Studie.
Folgen eines „passiven“ Lebensstils
Bei der Rekrutierung des Nachwuchses für den Militärdienst komme auf die Bundeswehr eine ungeheure Aufgabe zu, wenn man in Zukunft weiter den internationalen Verpflichtungen bei den Auslandseinsätzen im ganzen Umfang nachkommen wolle. Leyk warnt in diesem Zusammenhang nachträglich vor den Auswirkungen der Leistungsschwäche und der Leibesfülle der jungen Leute auf die Einsatzbereitschaft der Streitkräfte. Die Neuausrichtung der Bundeswehr sehe vor, daß künftig ein kleiner werdender Personenkreis weltweit eine größere Aufgabenvielfalt zu leisten hat. Eine weiter abnehmende Leistungsfähigkeit von Heranwachsenden könne daher für die Bundeswehr „kritisch werden“.
Der Befehlshaber des Koblenzer Heeresführungskommandos, Generalleutnant Wolfgang Otto, dem 90.000 Heeressoldaten unterstellt sind, bestätigte die Beobachtungen über die sinkende körperliche Leistungsfähigkeit der jungen Männer, die sich freiwillig zur Bundeswehr gemeldet hatten. Nach seinen Angaben hatten im Jahr 2000 rund 20 Prozent der Gymnasiasten den Fitneß-Test - fünf einfache Körperübungen wie Liegestütze und ein zwölfminütiger Dauerlauf - nicht bestanden. 2004 seien es schon 30 Prozent gewesen. Bei den Realschülern habe sich die Quote von 38 auf 40 und bei den Hauptschülern von 43 auf 45 Prozent verschlechtert. Leyk führt in seinem Report aus, daß die drastischen Auswirkungen „eines in weiten Teilen der Bevölkerung etablierten, passiven Lebensstils“ auch die Bundeswehr treffen.
Zu dick für „Allgemeines Ausdauertraining“
Mittlerweile seien über zwei Drittel der erwachsenen deutschen Männer und mehr als die Hälfte der Frauen in der Bundesrepublik übergewichtig. Im internationalen Vergleich lägen die Deutschen damit gar nicht mehr so weit hinter den Amerikanern, die jedes Jahr im Durchschnitt rund 0,9 Kilo schwerer werden.
Der frühere Heeresinspekteur Helmut Willmann hatte schon in den 90er Jahren der sinkenden körperlichen Leistungsfähigkeit der Soldaten Rechnung getragen. Der General, der von seinen Soldaten wegen seines dynamischen Auftretens mit stets hoch aufgekrempelten Ärmeln respektvoll „Tiger-Willi“ genannt wurde, führte für die Truppe ein „Allgemeines militärisches Ausdauertraining“ ein: Für alle Dienstgrade dreimal in der Woche 3000 bis 5000 Meter laufen, zweimal im Jahr bis zu 30 Kilometer marschieren. Willmann war immer bei den Fußmärschen an der Spitze der Truppe. Sein Konzept machte Schule und gilt nach Aussage von Offizieren auch heute noch uneingeschränkt für die Bundeswehr. Es könne nur wegen der Belastungen durch die Auslandseinsätze und wegen anderer Veränderungen manchmal nicht mehr in dem Ausmaß verwirklicht werden wie früher, erklären Offiziere.